"Ich wusste gleich, das ist der Durchbruch"

  • "Das Problem ist, dass alle mit Durchschnitt zufrieden sind" - Markus Hengstschläger im Gespräch mit Barbara Rett am Galaabend der Siemens Academy of Life.
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    "Das Problem ist, dass alle mit Durchschnitt zufrieden sind" - Markus Hengstschläger im Gespräch mit Barbara Rett am Galaabend der Siemens Academy of Life.

Wissenschaftskommunikation für jedermann: Diesen Mittwoch war der Genetiker und Bestseller-Autor Markus Hengstschläger zu Gast bei der Siemens Academy of Life. Die Zusammenschau eines eklektischen Themenbogens zu Leben und Arbeit

Ein gut gelaunter und gewohnt eloquenter Markus Hengstschläger traf diese Woche Mittwoch in der Siemens City auf die Teilnehmer der Siemens Academy of Life (AOL) - Moderatorin Barbara Rett (ORF) hatte es nicht immer leicht, den "Wissenschaftspopstar", wie sie den Genetiker und Bestseller-Autor nannte, in seinen Ausführungen zu allen möglichen Themen in seinem Leben zu bändigen. Es war quasi ein "Best of" des umtriebigen Forschers.

Zunächst Fragen nach Hengstschlägers Kindheit und - in Anlehnung an seinen Bestseller "Die Durchschnittsfalle" - danach, welches Umfeld es ihm, der mit 24 Jahren auf der Überholspur promovierte und mit 35 Jahren zum Professor für Medizinische Genetik an der Medizinischen Uni Wien berufen wurde, gestattet habe, so überdurchschnittlich zu performen.

In einem liberalen Elternhaus sei er aufgewachsen, sagt er, "aber in der Familie war es kompetitiv. Solange die Schulnoten in Ordnung waren, gab es sehr viel Freiheit." Und in dieser Freiheit, die er - im Vergleich zu heute - auch in der Schule und später an der Uni hatte, konnte er seine Talente entfalten. An Physik- und Chemie-Olympiaden habe er als Schüler teilgenommen, obwohl er "kein besonderer Stern" in diesen Fächern gewesen sei, "aber das Interesse war da" - und es wurde gefördert.

Individualität fördern

Mit anhaltender Verve argumentiert der Genetiker denn auch wider den Durchschnitt und für ein Umdenken in der Förderung von Schülern: "Ich sage immer: 'Irgendetwas sollte der Mensch können können', und ich sage das in der Überzeugung, dass für jeden etwas dabei ist. Es ist enorm wichtig, sich auf die Suche nach den Dingen zu machen, die man können kann." Stattdessen werden Schüler dazu angehalten, Fächer, in denen sie gut sind, zu lassen und Zeit und Energie in jene Fächer zu stecken, in denen sie schlecht sind. "Am Ende ist alles und überall Durchschnitt. Und das Problem ist, dass alle damit zufrieden sind."

Das Fördern von Individualität sei zentral, so Hengstschläger weiter. Der größte Anteil dessen, was man im Leben wirklich brauche, wurde in der Schule nie benotet und auch nicht als Unterrichtsfach gelehrt. Und weil er sich hier Veränderung, ein Umdenken wünscht, gibt der Genetiker sich betont polemisch, wenn er sagt: "Ich glaube, dass Österreich hier in eine falsche Richtung geht, weil es zurzeit offenbar klüger ist, sich mit der Mehrheit zu irren, anstatt alleine recht zu haben."

Kehrseite der Popularisierung

Verhältnismäßig rasch ist das Kapitel "Bestseller-Autor" abgehandelt. Hengstschläger: "Bestseller-Autor sind Sie ab 5000 verkauften Exemplaren. Und dann bekommen Sie 50 Cent pro Buch. Ich wusste gleich, das ist der Durchbruch." Persönlicher Reichtum fördert die Zielstrebigkeit also nicht, das war somit auch rasch klar. "Reich werde ich persönlich als Genetiker nicht. Klar ist, dass man als Uni-Professor seine Familie gut ernähren kann. Mir und vielen anderen Forschern geht es aber immer darum, weiterforschen zu können."

Ob er sich auch aus diesem Grund gerne der Öffentlichkeit stelle? Eine gewisse Popularisierung könne das Fach durchaus befördern. Der zentrale Grund aber sei, dass Genetik ein sehr progressives Fach sei, wo es sehr viele Veränderungen gibt. Besonders in ethischen Fragen sei es notwendig, mit der Öffentlichkeit in Diskussion darüber zu treten. "Wir wollen damit nicht allein gelassen werden, weil wir alleine überfordert sind", sagt er.

Die Kehrseite der Popularität zeige sich in einer eher realitätsfernen Wahrnehmung des Berufes: "Es ist nicht für alle cool, was wir tun - das für die, die gerne CSI schauen. In Wahrheit stehen wir tage-, wochen-, monate- und jahrelang in schlecht durchlüfteten Räumen und pipettieren von A nach B, damit wir nach zwei Jahren eine Party feiern können, weil wir dann wissen, wenn etwas sicher nicht funktioniert. Das finden wir gut." (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

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