Wieso die PlayStation 4 wenig inspiriert und dennoch vieles richtig macht

  • Am Sonntag gibt es keinen Artikel zur PlayStation 4. Versprochen!
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    foto: reuters/brendan mcdermid

    Am Sonntag gibt es keinen Artikel zur PlayStation 4. Versprochen!

Der einst arrogante Monolith Sony hat von seinen Fehlern gelernt

Der eisige New Yorker Wind konnte der knisternden Stimmung nichts anhaben, als sich rund 1.200 Journalisten am Mittwochabend vor dem Manhatten Center die Füße in den Bauch standen. Mit der bevorstehenden Enthüllung der neuen PlayStation warteten die geladenen Medienvertreter auf den spannendsten Branchenevent seit Jahren. Weltweit klinkten sich Millionen Gaming-Fans in die unzähligen Live-Streams ein und brachten selbst die Server großer "Online-Sender" wie Gametrailers zum Schwitzen. In den vergangenen sieben Jahren, seit dem ich bei derStandard.at arbeite, kann ich mich an keine stärker nachgefragte Produktvorstellung im Gamesbereich erinnern. Obgleich der Live-Stream in unseren Breitengraden aufgrund der Zeitverschiebung zwischen 0:00 Uhr und 2:00 Uhr Früh stattfand, schalteten allein auf derStandard.at fasst 20.000 User ein. Der Folgeartikel zur PlayStation 4-Enthüllung ging um 5:00 Uhr online und zählte 24 Stunden später bereits über 80.000 Zugriffe. Dimensionen, die für gewöhnlich nur Apple-Präsentationen erreichen.

Ernüchterung

In der dicht gepackten Pressekonferenz sitzend, mit Laptop und Kamera auf dem Schoß, ereilte mich wie vielleicht viele andere Zuseher ein Gefühl der Ernüchterung, als nach über zwei Stunden die Lichter ausgingen. Sony stellte die PlayStation 4 (PS4) vor, ohne die Konsole selbst zu zeigen. Die insgeheim erhofften Kracher wie "The Last Guardian" oder ein neues "Uncharted" waren nicht dabei. Und, obgleich umfassend über die großen Neuerungen des DualShock 4-Controllers gesprochen wurde, nutzte keines der demonstrierten Spiele die neuen Möglichkeiten des Touchpads und der Stereokamera. Spielerische Innovation suchte man vergebens und auch technologisch stieß Sony erstmals bei einer neuen Konsole nicht in unbekannte Welten vor. Wurden mit der PS2 und der PS3 noch gänzlich neue Formate und Prozessorarchitekturen eingeführt, entpuppte sich die PS4 als "aufgemotzter PC". Die vorangegangenen Gerüchte haben sich fast alle bewahrheitet. Anstelle unsere Vorstellungskraft zu übersteigen, gab sich Sony ausgesprochen bodenständig, sprach weniger von Revolution als von "entwickler- und nutzerfreundlicher" Evolution. Der einst so arrogant, geradezu sturköpfig wirkende Elektronikriese war kaum wiederzuerkennen, versprach er bis vor wenigen Jahren doch nur allzu gern das Blaue vom Himmel.

Informiert statt inspiriert

Als ich zusammen mit Kollege Benjamin Sterbenz (Kurier/Futurezone) fluchtartig das Gedränge vor dem Ausgang des Hammerstein Ballrooms verließen, um auf der 8th Avenue das nächstbeste Taxi zum Hotel abzupassen, fühlte ich mich weniger inspiriert, als informiert. Anstelle uns mit 3D-Technologien oder ausgefeilter Bewegungssteuerung die Köpfe zu verdrehen, legten Sonys Entwickler offen, wie man auf Spieler- und Herstellerwünsche eingegangen ist. Anstatt das Rad neu erfinden zu wollen, werde man künftig bestehende Konzepte einfach besser machen. Und das von einem Konzern, der zuvor noch mit jeder neuen Plattform einen neuen Datenträger durchboxte.

Das mag konservativ und vielleicht sogar etwas fade wirken. Doch besteht damit gleichzeitig eine realistische Chance, dass Sony die unzähligen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt und Spieler wie Entwickler eine Konsole mit Funktionen erhalten, die sie auch wirklich wollen.

Für Spieler...

Dazu gehörte, dass Sony ablenkende Themen wie Multimedia-Funktionen und sonstigen Schnickschnack lediglich streifte. Anstatt die Bewegungssteuerung des neuen Controllers hervorzuheben oder die Einbindung von Videodiensten wie Netflix, appellierte man an die Basis: Die PlayStation 4 ist die Konsole der Spieler und der Entwickler.

Der Controller bietet zwar jede Menge Gimmicks, aber vor allem wurde er so designt, dass er besser in den Händen liegt und die Sticks und Tasten griffiger sind. Online-Dienste sind tief in das System integriert und auf Gaming fixiert, aber immer noch optional. Anstatt neue Trends zu erschaffen, greift man bestehende Entwicklungen auf und implementiert sie auf sinnvolle Weise. Weil Millionen Fans heute so genannte "Let's play"-Videos auf Youtube ansehen, wird die neue PlayStation von Haus aus die Möglichkeit bieten, Spielvideos aufzuzeichnen und sie per Knopfdruck online zu teilen. Sogar Live-Übertragungen von Spielen sind erlaubt. Updates und Downloads lassen sich im Hintergrund abwickeln. Download-Games könne man bereits spielen, während sie noch heruntergeladen werden. Klar, die Grafik wird vieles besser sein, aber vor allem soll das Spielen vielseitiger und wieder unkompliziert werden. Dass nicht nur die eigene PS Vita mit der PS4 zusammenspielt, sondern dank PlayStation Cloud-Dienst eines Tages auch mobile Endgeräte wie iPhones oder Android-Handhelds mit sämtlichen PlayStation-Angeboten zusammenspielen sollen, zeigt, dass sich Sony dem wachsenden, sich stark diversifizierenden Markt und dessen Chancen öffnet. Wenngleich die Cloud-Pläne noch in den Kinderschuhen zu stecken scheinen, ist es beruhigend zu beobachten, dass der japanische Gigant diesen Zukunftstrend zur Abwechslung nicht verschlafen will.

...und Entwickler

Die PC-ähnliche x86-Architektur der Hardware und satte 8 GB Arbeitsspeicher sind exakt das, was Spielhersteller nach den Komplikationen mit der CELL-Architektur der PS3 erhofft haben. (Wenngleich der Plattformwechsel eine Abwärtskompatibilität ausschließt.) Weil Move-Funktionalitäten direkt in den Standard-Controller integriert sind, können Entwickler diese nun auch einfacher berücksichtigen.

Dank Self-Publishing wird es kleinen Studios leichter gemacht, Spiele für die PS4 zu veröffentlichen. Dazu heißt Sony neue Geschäftsmodelle wie Free2Play und den episodenhaften Vertrieb von Spielen willkommen. Neuerungen, die nicht weniger als 169 Studios dazu bewegt haben, der PS4 vorab ihre Unterstützung auszusprechen. Die Zuversicht ist groß, dass dies ein florierendes Ökosystem werden kann.

PR-Strategie

Aus strategischer Sicht war diese frühe PS4-Vorstellung ebenso klug wie ihre Message, wenngleich nicht alles zu 100 Prozent glückte. Dass die PS4 beim Enthüllungstag selbst nicht zu sehen war, wird Branchenbeobachter noch längere Zeit beschäftigen. Einerseits kann man argumentieren, dass die Konsole im Endeffekt nur eine nichtssagende Box ist, andererseits weiß man, wie sehr sich Menschen mit Produkten identifizieren. Für diese Identifikation muss nun der Controller herhalten. Zumindest, bis man die PS4 tatsächlich enthüllt. Das Spieleaufgebot war eher appetitanregend als sättigend und deutet darauf hin, dass man sich die größten Perlen für weitere Veranstaltungen bis zur Veröffentlichung zu Weihnachten aufheben will.

Im Hinblick auf Microsofts ebenfalls für heuer erwartete neue Xbox, war der zeitige Auftakt richtig gewählt. Die PlayStation 4 ist in den Köpfen der Konsumenten nun die erste "Next-Gen"-Konsole und Entwickler dürfen jetzt ganz offiziell Werbung für kommende PS4-Spiele betreiben, während man bis zu Microsofts Vorstellung noch nichts über eine mögliche "Xbox 720"-Unterstützung sagen darf. Wenn Sony Glück hat und Microsoft sich mit seiner Enthüllung bis zur E3 Zeit lässt, hat die PS4 als "everybody's new darling" für mehrere Monate die ungeteilte Aufmerksamkeit der Medien und Spieler. Im Auge behalten sollte man jedoch, wie Nintendo in der Zwischenzeit auf den neuen Mitbewerber reagieren wird. Bis dahin frage ich Sie: Was denken Sie über die neue PlayStation 4? (Zsolt Wilhlem, derStandard.at, 23.2.2013) 

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