Wer sagen soll, dass es genug ist

Banker in der EU erwartet der gesetzliche Bonusdeckel. Die Debatte über Abcasher und ihre Zähmung kocht erneut hoch

Selbst der mächtige Finanzplatz London kann es nicht mehr verhindern: In der EU steht eine gesetzliche Deckelung der Bonuszahlungen für Banker zwecks systemischer Risikominimierung bevor. Sie soll mit der verschobenen schärferen Eigenkapitalregelung nach Basel III schon 2014 gültig werden. Gestritten wird lediglich noch um die erlaubte Bonushöhe - ein Grundgehalt oder zwei bei Zustimmung der Aktionäre.

In Deutschland fordert die Corporate-Governance-Kommission die Festlegung von Gehalts- und Bonusobergrenzen für die Vorstände börsennotierter Unternehmen. Für Befeuerung der Debatte sorgen Medienberichte, wonach etwa VW-Chef Martin Winterkorn demnächst 14 Millionen Euro Gage auf seinen Konten wiederfinden werde. Ein goldener Fallschirm für den 59-jährigen Architekten und langjährigen Boss des Pharmariesen Novartis, Daniel Vasella, in Höhe von umgerechnet 58 Millionen hatte in den vergangenen Tagen die Schweiz derart erschüttert, dass Vasella in dieser Woche " verzichten" musste.

Eine in puncto Entlohnung abgehobene Elite steht wieder, wie schon so oft, im Rampenlicht, und angesichts des gesamtwirtschaftlichen Umfelds und der politischen Führungsherausforderungen wird die Forderung nach gesetzlicher Zähmung der exorbitanten Gagen wohl nicht verstummen. Ein Zeichen darf sein, dass der VW-Konzern nun von sich aus ein Vergütungssystem zur Gagenbegrenzung vorstellt. Dies, nachdem in Großbritannien, aber auch in Deutschland die Aktionäre rebellischer geworden sind.

Gegen Gesetze bei Gagen

Eine "proaktive Aufnahme von Caps in Vorstandsverträgen" würde zur Beruhigung der Stakeholder und der Öffentlichkeit beitragen, erwartet Führungskräfteberater Günther Tengel (Amrop Jenewein). Jeder Eingriff der Politik aber gefährde Wettbewerbsfähigkeit und Standort. Von einem "grundsätzlich falschen Signal" spricht Markus Schwarz, Boss des Executive-Searchers Egon Zehnder in Wien. Anlassgesetzgebung habe sich noch nie als nachhaltig erwiesen. Statt Gehälterlimitierung seien Gratifikationssysteme auf Basis bestehender Vorschriften so zu erneuern, dass gestaltungswillige Persönlichkeiten Verantwortung übernehmen wollen.

Und auch Personalberater Florens Eblinger ist gegen Gesetze bei Gagen. Gute Manager könnten durchaus mit dem Kunstmarkt verglichen werden - Preisgestaltung laut Angebot und Nachfrage. Allerdings sei die Kombination der Kennzahlen für den Bonus ausschlaggebend, also keinesfalls in Orientierung am Aktienkurs. Als "überflüssig, ja sogar kontraproduktiv" sieht Viktoria Kickinger, Gründerin der heimischen Aufsichtsräte-Plattform Inara, gesetzliche Gagenlimits. Es habe der Aufsichtsrat für Angemessenheit zu sorgen, zudem gebe es ja Mechanismen wie Claw-back-Regeln, die Rückforderung bei Misserfolg verlangten.

"Angriff auf das Leistungsprinzip"

"Die Debatte auf EU-Ebene über Höchstgrenzen für Bonifikationen von Bankmanagern wird zunehmend aktionistisch zum Thema gemacht", so Edith Hlawati, Partnerin bei Cerha Hempel Spiegelfeld Hlawati und in Aufsichtsfunktionen tätig. Es solle nicht gesetzlich in privatrechtlich geregelte Organkompetenzen eingegriffen werden, so Hlawati, die bestehende neue Gestaltungen in Richtung Nachhaltigkeit für Boni und mehr Verantwortung für die Vergütungsausschüsse ins Treffen führt. Seit 2012 etwa müssen 60 Prozent der Banker-Boni gestaffelt ausgezahlt werden, wenn die Summe 100 Prozent des Grundgehalts übersteigt.

Das Wirtschaftsforum der Führungskräfte (WdF) kann sich für heimische Staatsbetriebe unter Erfolgsaspekten gesetzliche Limitierung vorstellen. Sonst sieht das WdF dies als "Angriff auf das Leistungsprinzip". Laut Finanzmarktaufsicht verdienten im Vorjahr zwölf Bankenchefs in Österreich mehr als eine Million Euro. Durchschnittlich beträgt das Jahresbruttogehalt von Geschäftsführern in Österreich etwa 200.000 Euro, erhob Gehaltsexperte Conrad Pramböck vom Personalberater Pedersen und Partners. Das Durchschnittseinkommen in den europäischen Vorstandssesseln liegt demnach bei rund 1,3 Mio. Euro, wobei der variable Anteil etwas höher ist als das Grundgehalt. Allerdings sind die Vorstandsgrundgehälter in den vergangenen zehn Jahren doppelt so viel gestiegen wie die "normalen" Einkommen.

"Gut gemeint, zahnlos"

Nicht überraschend ist auch Pramböck gegen Gesetzesdeckel als "gut gemeinten Versuch, der ins Leere geht" und attestiert in Österreich "99 Prozent der Unternehmen ein weitgehend ausgewogenes Verhältnis zwischen Vergütung der Mitarbeiter und der Chefs". Die Rüge der Ausreißer gehe an die Aufsichtsgremien. Und: Pläne für Umgehungen etwaiger großflächigerer Regelungen lägen bereits in den Schubladen. So argumentiert auch Sabine Aigner, internationale Beraterin bei Spencer Stuart: Die Energie, die dann für Umgehungen aufgebracht werde, solle wohl besser ins Business fließen.

Trotzdem, so Berater Markus Brenner (Brenner & Company), habe Peter Drucker recht, der einem CEO nicht mehr als das 20-Fache eines Arbeiters zugesteht. WU-Professor Wolfgang Mayrhofer stellt die zentrale Frage: " Die Debatte blendet die Grundfragen bequemerweise aus - wo wollen wir alle hin? Wer soll wie viel verdienen? Ein mittelmäßiger Fußballspieler x-mal mehr als eine Volksschullehrerin?" (Karin Bauer, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

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