Zentralmatura: Da waren's nur noch zwei

25. Februar 2013, 10:01
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Zwei Privatschulen führen die Zentralmatura vorzeitig ein - Kritik an der Vorbereitung der Reform können sie nicht nachvollziehen

"Diese Frage ist eigentlich seltsam." Thomas Petutschnig denkt nach. Petutschnig ist Direktor des von den Benediktinern geführten Stiftsgymnasium St. Paul im Lanvanttal in Kärnten. Für ihn war immer klar, dass die Zentralmatura bereits 2014 durchgeführt wird, sagt er nach seiner kurzen Nachdenkpause. Schließlich sei das so im Gesetz gestanden. Deshalb werde sie an seiner Schule auch schon im kommenden Schuljahr eingeführt.

Beit der Zentralmatura gibt es schon seit längerer Zeit Startschwierigkeiten. Eigentlich wurde die "standardisierte kompetenzorientierte Reife- und Diplomprüfung" bereits im Jahr 2009 beschlossen. Der schriftliche Teil der Matura wird künftig am selben Tag in ganz Österreich mit identen, zentral vorgegebenen Aufgaben stattfinden. Beim mündlichen Part ziehen die Schüler eine Frage aus einem Pool, den die Lehrer der Schule vorbereiten. Die dritte Säule ist die "Vorwissenschaftliche Arbeit". Eine wesentliche Neuerung ist die "Kompetenzorientierung" bei der neuen Matura. Grundidee dabei ist die Prüfung von langfristig abrufbaren Fertigkeiten statt kurzfristigem Detailwissen.

Reform verschoben

Der Zeitplan sah ursprünglich vor, dass die Zentralmatura im Schuljahr 2013/14 an den AHS und im Jahr 2014/15 an den BHS eingeführt wird. Nach viel Kritik von Schüler-, Eltern- und Lehrervertretern, die sich noch nicht genug vorbereitet fühlten, hat die Regierung die Reform im Juni 2012 um ein Jahr verschoben. Den Schulen wurde es allerdings freigestellt, die neue Reifeprüfung bereits 2014 durchzuführen, wenn Lehrer, Eltern und Schüler zustimmen.

Von den 341 AHS in Österreich wagen zwei Privatschulen diesen Schritt: Die Liese-Prokop-Privatschule für Hochleistungssportler in Maria Enzersdorf in Niederösterreich und das Stiftsgymnasium St. Paul von Thomas Petutschnig. Nach den Informationen des Unterrichtsministeriums werden keine weiteren Schulen mehr dazukommen.

"Ich habe mich gewundert"

"Ich habe mich gewundert, dass die Einführung für das Schuljahr 2013/14 zurückgezogen worden ist", sagt Petutschnig. Er sei enttäuscht gewesen. Da Schüler und Schulpartner bereits genug vorbereitet gewesen seien, hätten sie sich dazu entschlossen, die neue Matura schon früher einzuführen. Die Kritik, dass es zu wenig Vorbereitungsmaterial gegeben habe, kann Petutschnig nicht nachvollziehen. "Ich kann mir das nur sehr schlecht erklären." Neuerungen würden eben immer auf Widerstand stoßen, sagt er. Das sei aber auch gut, da die Zentralmatura so noch verbessert werden könne.

Auch der Direktor der Liese-Prokop-Schule fühlt sich ausreichend auf die neue Matura vorbereitet. Die Schule suchte schon vor vier Jahren um einen Schulversuch für eine zentralisierte Reifeprüfung an. "Die Schule hatte bis jetzt eine alte Maturaform aus den 80er Jahren", sagt Heikko Stumvoll. Da das sportliche Training seiner Schüler sehr zeitaufwendig sei, habe man nie eine neuere Maturaform, in der es auch Wahlpflichtfächer gibt, eingeführt. Der Wunsch nach einer Reform der Matura ist deshalb besonders groß. Da sich die Schule schon früh auf die Zentralmatura vorbereitet habe, sei schnell klar gewesen, dass bereits 2014 die Vollversion eingeführt werde.

Genug Vorbereitung

Die Pädagogische Hochschule in Kärnten habe "volles Programm" für die Lehrerfortbildung angeboten, sagt Thomas Petutschnig vom Kärntner Stiftsgymnasium. "Wir hatten auch eine Bringschuld und mussten die Schüler informieren, das haben wir gemacht." Er selbst versuche in seiner Deutschklasse, die schon die neue Matura absolvieren wird, die Schüler nicht zu verwirren. Schließlich sei jede Matura für die Schüler selbst sowieso neu, egal ob sie eine Zentralmatura oder die alte Matura sei. "Das ist ihre Matura 2014 und kein Politikum", so Petutschnig. Solange man sich an den Lehrplan halte, in dem bereits seit zehn Jahren die Kompetenzorientierung festgeschrieben ist, brauche man als Lehrer keine Angst zu haben.

Übungsgruppen für Schüler

Bereits 2012 hat sich an der Liese-Prokop-Privatschule in Niederösterreich ein Lehrerteam gebildet, das sich mit der Zentralmatura eingehend befasst und Übungsgruppen für die Schüler organisiert. Eine Stunde pro Woche wird unter anderem an der Vorwissenschaftlichen Arbeit gefeilt. Zu den freiwilligen Einheiten haben sich laut dem Direktor alle angemeldet, die 2014 maturieren werden. Auf die häufige Kritik, dass es vor allem für die Mathematik-Matura zu wenig Vorbereitungsmöglichkeiten gibt, antwortet Stumvoll knapp: "Ich schicke meine Lehrer auf Fortbildung." Zudem hätten alle Lehrer mit den Schulbuchverlagen Kontakt aufgenommen und sich mit Lehrunterlagen versorgt.

Auch am Stift St. Paul gibt es Vorbereitungskurse für die Vorwissenschaftliche Arbeit. "Die Schüler müssen lernen, wie man Fußnoten setzt und zitiert", erklärt Thomas Petutschnig. Für die mündliche und die schriftliche Reifeprüfung ist laut dem Direktor aber der reguläre Unterricht als Vorbereitung ausreichend.

Schülervertreter nocht nicht zufrieden

Während diese zwei Schulen die Vorbereitungsmöglichkeiten als ausreichend empfinden, gibt es weiterhin Kritik an der Zentralmatura. Die Schülerunion hat im Jänner dem Unterrichtsministerium "Untätigkeit" vorgeworfen. Inzwischen wurde ein Problem gelöst: Für jene Schüler, die 2014 in der achten Klasse durchfallen und den Stoff der alten Matura gelernt haben, werden Förderkurse eingerichtet. Trotzdem ist Bundesschulsprecher Felix Wagner (Schülerunion) noch nicht zufrieden. Er kritisiert, dass der Beurteilungsschlüssel für die Zentralmatura nicht direkt gesetzlich verankert ist, sondern vom BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung) auf dessen Homepage veröffentlicht wurde. "Es reicht nicht, dass Beurteilungsschlüssel auf einer Homepage stehen, solange es keine gesetzliche Grundlage dafür gibt", meint Wagner.

Eltern-, Schüler- und Lehrervertreter haben in einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche zudem gefordert, dass die Aufgaben für den komplexeren Teil der Mathematik-Matura "zumindest vorübergehend" vom Lehrer und nicht zentral vorgegeben werden.

Regelung der Hilfsmittel "unfair"

Für Schülervertreter Wagner ist außerdem die Regelung der Hilfsmittel bei der Zentralmatura nicht fair. An AHS dürfen nach den derzeitigen Plänen keine Wörterbücher verwendet werden, an der BHS schon. "Bei einer zentral vereinheitlichten Matura braucht es eben auch die gleichen Rahmenbedingungen für alle", so Wagner. Er kritisiert außerdem, dass Lehrer auf Fortbildungen teilweise nicht mehr aktuelle Informationen bekommen würden. "Auf Informationsveranstaltungen der Landesschülervertretungen können Referenten des BIFIE Fragen nicht beantworten oder sagen selbst, dass sich noch einige Informationen bis zur tatsächlichen Matura ändern werden", so der Bundesschulsprecher.

Wagner fordert wegen der noch immer bestehenden Verwirrungen, dass mit Beginn des Schuljahres 2013/14 ein finaler Informationsstand für den ersten Zentralmaturajahrgang 2014/15 kommuniziert wird. "Die Kandidaten sollen zumindest eineinhalb Jahre vor ihrer Matura mit Sicherheit wissen, wie ihre Matura aussehen wird", meint der Bundesschulsprecher. Falls sich dann noch etwas ändert, sollen diese Änderungen erst für die späteren Jahrgänge gelten.

Trotz seiner positiven Einstellung zur Zentralmatura sieht auch Direktor Petutschnig noch Verbesserungsbedarf in Detailfragen. Diesen könne er aber direkt dem Unterrichtsministerium mitteilen, da er in direktem Kontakt mit dem Ministerium stehe. So sei bereits die Länge des Entwurfs für die Vorwissenschaftliche Arbeit verkürzt worden. (Lisa Aigner, derStandard.at, 25.2.2013)

  • Jene Schüler, die im nächsten Frühjahr die Zentralmatura absolvieren, üben schon jetzt in Vorbereitungsgruppen.
    foto: dpa/kleinschmidt

    Jene Schüler, die im nächsten Frühjahr die Zentralmatura absolvieren, üben schon jetzt in Vorbereitungsgruppen.

  • Direktor Thomas Petutschnig hat sich über die Verschiebung der Zentralmatura "gewundert".
    foto: ap/punz

    Direktor Thomas Petutschnig hat sich über die Verschiebung der Zentralmatura "gewundert".

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