Stechers Silber, der Kitsch der Kombination

23. Februar 2013, 12:41
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Just der Kombinierer Mario Stecher besorgt Österreichs erste Medaille. Hinter Jason Lamy Chappuis aus Frankreich holt der 35-jährige Steirer sieben Wochen nach einer Knieoperation Silber im Normalschanzenbewerb.

Das ist so kitschig, so etwas Kitschiges habe ich schon lange nicht mehr gesehen." Mit diesem Eindruck stand Mario Stecher am Freitagnachmittag im Langlaufstadion in Lago di Tesero nicht alleine da. Nachdem er sich am 2. Jänner eine Verletzung zugezogen hatte, die ihn ans Karriere-Ende denken ließ, sprang und lief der Eisenerzer im Val di Fiemme zu seiner zweiten Einzelmedaille, zum zweiten WM-Silber nach jenem im Sprint von Ramsau 1999. Seine Gesamtausbeute erhöhte Stecher, zweimaliger Olympionike (2006 und 2010) und Doppelweltmeister (2011) mit dem Team, in einem extrem spannenden Bewerb auf deren neun.

Das kommt vielleicht keinem Wunder gleich, ist aber eine ziemliche Überraschung. Stecher war trotz seiner Routine schließlich der unsicherste Tipp der zur WM hin immer besser in Schuss gekommenen österreichischen Kombinierer gewesen. Erst am vergangenen Samstag stand endgültig fest, dass er nur rund sieben Wochen nach seiner bereits neunten Knieoperation zum neunten Mal um WM-Medaillen kombinieren können würde.

Stehaufmann Stecher

Die xte Verletzung im rechten Knie hatte er sich beim Sprungtraining in Seefeld zugezogen. Beim folgenden Eingriff in Innsbruck wurden Knorpelstücke entfernt, drei Wochen danach stürzte sich Stecher wieder ins Langlauftraining. Der letzte Test auf der Schanze gelang in Ramsau, danach bezeichnete sich der Stehaufmann als "extrem fit".

Schon im Sprungtraining in Predazzo zeigte Stecher, dass mit ihm doch zu rechnen sein könnte. Der Wertungsdurchgang auf der Normalschanze im Trampolino dal Ben geriet dann zu einem Glücksspiel, in dem der Steirer, als erster Österreicher am Ablauf, von den Aufwindbedingungen etwas begünstigt, den weitesten Satz (106 Meter) setzte. Nach Punkten blieb er aber knapp hinter Haavard Klemetsen.

16 Sekunden nach dem Norweger und praktisch gleichauf mit dem drittplatzierten Tiroler Christoph Bieler ging Stecher in die zehn Loipenkilometer und musste in seinem ersten Rennen seit 16. Dezember des Vorjahres (Ramsau) gleich volles Tempo gehen. Denn die Favoriten, der deutsche Weltcupführende Eric Frenzel sowie dessen Landsmann Björn Kircheisen und der Franzose Jason Lamy Chappuis, lagen beileibe nicht aussichtslos zurück.

Frenzel schloss zur Halbzeit auf, Kircheisen und Lamy Chappuis taten dies vor den letzten 2,5 Kilometern. In den Sprint ging Stecher als Vierter. "Da habe ich gewusst, dass ich noch einiges drauf habe." In der Zielgerade wurde er von Frenzel etwas abgedrängt, "ich musste fast stoppen", aber während Lamy Chappuis nicht zu holen war, konnte Stecher Kircheisen und Frenzel um Haaresbreite abfangen. Der eine Deutsche lag nach Auswertung des Zielfotos 0,1, der andere 0,2 Sekunden zurück. "Das war ein lässiges Rennen", konnte Stecher da mit Fug und Recht behaupten.

Zu Beginn seiner 21. Saison - die ersten der mehr als 250 Weltcupbewerbe bestritt er 1992/93 - hatte Stecher auf den Schanzen seine größten Probleme gehabt. Resultat zweier Regeländerungen bezüglich der Anzugweiten innert kürzester Zeit.

Dass er in Predazzo auf dem kleinen Bakken den Grundstein zur Medaille legen konnte ("Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt nach dem Springen so weit vorne lag"), verweist weit in die Anfänge seiner Karriere. Vor allem auf den Schanzen war Stechers Stern als Wunderkind der Kombination aufgegangen. Der erste seiner zwölf Weltcupsiege war ihm als 16-Jähriger auf dem Holmenkollen zu Oslo gelungen, wo er 2011 dem österreichischen Team mit erfolgreichen Schlusssprints gegen den Deutschen Tino Edelmann zweimal WM-Gold besorgte - einmal mit 0,4 und einmal mit 0,1 Sekunden Vorsprung.

Die Nervenstärke hat sich Stecher mühsam erarbeitet. Lücken in seiner Siegerliste - etwa eine zwischen dem siebenten (1998) und dem achten (2005) Weltcuperfolg - erklären sich neben den Verletzungen vor allem durch das verstärkte Langlauftraining um die Jahrtausendwende.

Dazu kam manch bittere Enttäuschung. So war er 2003, vor den Bewerben der zweiten WM im Val di Fiemme, wegen Formlosigkeit nach Hause geschickt worden. Um die Rechnung zu begleichen, ist er erneut ins Trentino gekommen. Das ist dem Vater zweier Söhne vor den Augen seiner Frau Carina, der Schwester von Alpinstar Benjamin Raich, am Freitag gelungen. "Das ist so kitschig."  (Sigi Lützow aus Lago di Tesaro, DER STANDARD, 23.02.2013)

Endstand des WM-Normalschanzen-Bewerbs der Nordischen Kombinierer am Freitag im Val di Fiemme nach dem Langlauf über 10 km:

1. Jason Lamy Chappuis (FRA) 29:13,2 Min. (11. im Springen/6. im Langlauf) - 2. Mario Stecher (AUT) +0,2 Sek. (2./17.) - 3. Björn Kircheisen (GER) 0,3 (12./2.) - 4. Eric Frenzel (GER) 0,5 (6./12.) - 5. Haavard Klemetsen (NOR) 16,2 (1./35.) - 6. Taihei Kato (JPN) 24,7 (5./18.) - 7. Marjan Jelenko (SLO) 32,3 (4./29.) - 8. Christoph Bieler (AUT) 35,5 (3./36.) - 9. Akito Watabe (JPN) 36,0 (14./10.) - 10. Magnus Krog (NOR) 47,4 (29./4.). Weiter: 13. Bernhard Gruber (AUT) 1:01,0 Min. (10./22.) - 20. Wilhelm Denifl (AUT) 1:29,9 (9./38.)

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    Comeback

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    14 Jahre liegen zwischen Stechers Einzelmedaillen.

     

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