Keine Opferrolle und Sonderbehandlung

25. Februar 2013, 10:32
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Im Berufsleben Fuß zu fassen stellt Menschen mit Behinderung vor große Hürden. An welchen Hebeln angesetzt werden sollte, wurde in Wien diskutiert

Menschen mit Behinderung haben am Arbeitsmarkt nach wie vor große Hindernisse zu überwinden. Die Zero Project Conference, einer Initiative der Essl Foundation, des World Future Council und der Bank Austria, widmete sich am 18. und 19. Februar genau diesem Thema. Ziel des Treffens ist es, eine Plattform für den internationalen Austausch zu bieten und die weltweite Umsetzung der besten Lösungen voranzubringen.

Die wichtigsten Hebel zum Überwinden dieser Barrieren wurden bei der Podiumsdiskussion mit Helene Jarmer, österreichische Nationalratsabgeordnete, Safak Pavey, türkische Parlamentsabgeordnete, Ilja Seifert, Mitglied des Deutschen Bundestags, sowie Gregor Hackmack, Gründer der Plattform Parliamentwatch.org, William Kiernan, Direktor des Institute for Community Inclusion, USA und dem Gründer des World Future Council, Jakob von Uexküll, diskutiert.

Halbherzige Versuche

Einigkeit herrschte darüber, dass die derzeitigen Versuche, Menschen mit besonderen Bedürfnissen in den Arbeitsmarkt einzugliedern, nur halbherzig seien. Eine Quote, die Unternehmen dazu verpflichte, ab einer gewissen Mitarbeiterzahl auch Menschen mit Einschränkungen zu beschäftigen, sei notwendig, aber: "Solange es für Unternehmen keine spürbaren Sanktionen bei der Nichterfüllung gibt, sind diese Regelungen zahnlos", sagt Helene Jarmer. Durch die geringe Abschlagstaxe würden sich Unternehmen auch die Auseinandersetzung mit dem großen Thema der Barrierefreiheit ersparen, so Jarmer.

Aber die Lücke zwischen dem Gesagten und den tatsächlichen Handlungen werde größer, meint von Uexküll. Dabei bestünden die größten Barrieren häufig nur in den Köpfen, merkt er an und wünscht sich auch eine ermutigendere Sprache. "Im Moment klingt alles in diesem Zusammenhang zu sehr nach Opferrolle", sagt er. Und genau dieser Rolle gelte es zu entkommen.

Nicht als Bittsteller auftreten

Mehr Mut von Menschen mit Behinderung wünscht sich auch Ilja Seifert, selbst Rollstuhlfahrer. "Auch die Menschenrechte haben wir nicht einfach bekommen, sondern sie uns genommen. Genau dasselbe gilt auch für Behindertenrechte", sagt er. Dafür sei es auch notwendig, dass Menschen mit Behinderungen nicht als Bittsteller auftreten. "Denn es geht nicht darum Defizite auszugleichen, sondern Chancen zu sehen", ergänzt er.

Wenig Handlungsbedarf sehe auch die türkische Regierung hinsichtlich der Integration behinderter Menschen am Arbeitsmarkt, kritisiert Safak Pavey. Trotz beachtlichen Wirtschaftswachstums seien keine neuen Jobs entstanden, die Arbeitslosigkeit hoch. "Das Thema steht nicht auf der Agenda, dafür ist die Gruppe der Betroffenen zu klein, außerdem heißt es, dass sie ohnehin staatliche Unterstützung bekommen", ergänzt sie und wünscht sich diesbezüglich auch mehr Druck von der Zivilgesellschaft.

Um die Chancen von Menschen mit Behinderung nachhaltig zu verbessern, müssten bereits im Bildungssystem Veränderungen passieren, sagt Kiernan. " Solange es für Menschen mit Einschränkungen spezielle Schulen gibt, wird sich an der Akzeptanz am Arbeitsmarkt nichts ändern", so Kiernan. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

  • Angeregte barrierefreie Diskussion bei der Zero Project Conference (v. li.): Ilja Seifert, William Kiernan, Helene Jarmer, Safak Pavey, Jakob von Uexküll und Gregor Hackmack.
    foto: standard/hendrich

    Angeregte barrierefreie Diskussion bei der Zero Project Conference (v. li.): Ilja Seifert, William Kiernan, Helene Jarmer, Safak Pavey, Jakob von Uexküll und Gregor Hackmack.

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