Panoramablick aus dem Aqua-Dome

  • Ein Bravo fürs Baukonzept und Buhrufe für die Bauordnung: Der Panoramablick aus dem Penthouse zum Pritscheln geht nur in eine Richtung.
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    foto: aqua dome

    Ein Bravo fürs Baukonzept und Buhrufe für die Bauordnung: Der Panoramablick aus dem Penthouse zum Pritscheln geht nur in eine Richtung.

Die Tiroler Therme in Längenfeld ist wieder gewachsen - nach oben, wo die Luft für Luxus schon dünner wird

Die Sache mit dem Leitsystem, gesteht Bärbel Frey, die Geschäftsführerin des Aqua Dome, sei natürlich unangenehm. Aber Kinderkrankheiten gebe es in jedem Betrieb. Und auch wenn zur Eröffnung des neuen Spa 3000 auf dem Dach der Therme Längenfeld im Ötztal nicht alle Taferln, die zur Beinahe-privat-Badelandschaft führen, geliefert wurden, hätten doch alle ihr Ziel erreicht.

Einmal hier, setzte Frey fort, als sie knapp vor den Semesterferien den neuen Warmwasserwohlfühlpalazzo offiziell eröffnete, würden hoffentlich die Strapazen des Alltags von den zu Verwöhnenden abfallen. Schließlich hätten die Betreiber der Ötztaler Therme viel dafür getan, als sie ihre ohnehin 50.000 Quadratmeter große Bade- und Sauna-Anlage noch einmal auffetteten: Um 20 Millionen Euro wurde ein Luxus-Spa für Hotelgäste aufs Thermendach gesetzt, ans Hotel ein neuer Trakt mit 54 Zimmern gebaut, und die alten Zimmer erhielten ein Facelift.

Der Schritt war offensichtlich notwendig, denn in der 2004 eröffneten Therme sah der Betreiber Vamed, dass Tages- und Hotelgäste unterschiedliche Spezies sind, die oft nicht miteinander können: Hotelgäste fühlen sich von der "Laufkundschaft" mitunter im Wortsinn überrannt, also in ihrer teuer erkauften Entspannung beeinträchtigt. Umgekehrt haben Tagesgäste oft das Gefühl, dass ihnen weniger Wertschätzung entgegengebracht wird als der Klientel mit Schlafplatz. Die an Thermenstandorten üblichen separaten Bereiche für Hotelgäste gibt es eben nicht ohne Grund.

Schwitzen vorm Gletscher

Im Ötztal stockte man daher auf und setzte ein an die umliegenden Berge angelehntes, spitzzackiges Dach auf den bestehenden Bau. Eines der Highlights ist da sicherlich die große Panoramasauna, die zum einen den spektakulären Blick in Richtung Sölden und des Gletschers bietet, und zum anderen die Sicht auf die drei charakteristischen zu schweben scheinenden Becken der Therme zulässt.

Wer lieber im warmen Sprudelwasser liegt, als beim Aufguss irgendwann vom Sprießerl zu kippen, kann open air auf der anderen Seite des Ausbaus in mehreren Whirl-Wannen den Blick auf Längenfeld genießen. Zumindest theoretisch, denn die schöne Idee des Architekten, im Freien, aber doch unter einer hohen Gaupe geschützt das Panorama zu genießen, war gut - sie verlor aber gegen die Bauordnung: Vor den Wannen gibt es eine Brüstung. Und um das Publikum nicht durch Gitterstäbe schauen zu lassen, ist sie aus Glas, das sich blickdicht beschlägt.

Die kulturellen Nuancen beim Entspannen lassen sich nirgendwo besser studieren als in der Sauna: Österreicher, Deutsche und Niederländer schwitzen meist nackt - manche Osteuropäer hingegen angezogen. Und natürlich wird das Verhalten der jeweils anderen als unpassend empfunden. Immer. So versucht der Betreiber zwar, dem durch eine Aufteilung - unteres Geschoß: nackt, oberes: bekleidet - zu begegnen, scheitert aber. Unten befinden sich Dampfbäder, Warmwasserpool und Liegen, oben Sauna und Bar. Der Deutsche setzt sich aber nicht nur oben nackt in die Sauna und der Russe unten durstig ins Dampfbad. Man zahlt ja auch nicht bloß für die Hälfte des Angebots.

Alle wollen Dreitausender

Allerdings fällt derlei tagsüber, solange die Mehrheit der Gäste auf Söldens Skipisten rutscht, keineswegs störend auf. Doch ab 15.30 Uhr wird es mitunter eng auf den exklusiven 2000 Quadratmetern. Selbst wenn niemand in den sehr abwechslungsreich gestalteten Ruhezonen gleich mehrere Liegen mit Handtüchern tapezieren würde, gäbe es zu wenige Plätze zum Ausspannen. Erst recht, da auch Tagesgäste dieses Zuckerl buchen können: Gegen Voranmeldung und 95 Euro Aufpreis dürfen täglich 20 Thermengäste hinauf in die Höhen des Spa 3000.

Doch Aqua-Dome-Chefin Bärbel Frey ist optimistisch. So voll wie bei der Eröffnung sei man normalerweise nicht einmal in der Hochsaison. Und es wäre ein Lernprozess, die Gäste so zu verteilen, dass Nadelöhre gar nicht spürbar sind. Die ebenfalls 2000 Quadratmeter große Saunawelt im " alten" Teil der Therme sei zudem bisher bloß zu 50 Prozent ausgelastet gewesen, argumentiert Frey. Doch ob sich Gäste, die auf das Dach einer Wohlfühlwelt gelockt wurden, jemals wieder unter Tagesgäste mischen, wird sich erst zeigen - spätestens dann, wenn sie die Schilder für das Leitsystem dorthin führen können. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Album, 23.2.2013)

Informationen: Aqua Dome

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