Die schwerumkämpfte "Schweiz Pakistans"

21. Februar 2013, 19:39
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Das Swat-Tal gilt als Rückzugsgebiet pakistanischer Taliban - Wien: Proteste gehen weiter

Wien - Die saftig-grünen Felder und Hügel des Swat-Tals in Pakistan, aus dem eine Reihe jener Flüchtlinge kommen, die in der Wiener Votivkirche protestieren, täuschen beinahe ein Postkartenidyll vor. Früher war das Gebiet im Nordosten des Landes eine beliebte Touristendestination, die oft "die Schweiz Pakistans" genannt wurde.

Doch im Februar 2009 war das Tal unter die Kontrolle der Taliban geraten, die sich seitdem schwere Gefechte mit der Regierung in Islamabad liefern.

Als Führer der Bewegung im Swat-Tal gilt der radikale Geistliche Maulana Fazlullah, der in der Region eine theokratische Herrschaft errichten wollte. Seine Unterstützer dementierten 2010 den Tod des führenden Taliban-Vertreters nach einer Offensive der pakistanischen Truppen, bei der er angeblich verwundet worden sein soll. Derzeit wird er im Norden Afghanistans gesucht.

Die brutale Herrschaft der Taliban führte im Mai 2009 unter Druck der Vereinigten Staaten zu einem Gegenangriff der pakistanischen Streitkräfte und zu großen Flüchtlingswellen. Nach offiziellen Angaben wurden dabei mehr als 2000 Aufständische getötet, trotz Militäroffensiven und versuchter Friedensvereinbarungen konnten sich die Taliban in der Gegend halten. Seitdem prägen Terroranschläge der Taliban und Lufteinsätze der Amerikaner (vor allem mit unbemannten Drohnen) den Alltag der Bewohner im Swat-Tal. Hunderttausende sind deswegen bereits aus der Region geflohen. Manche davon gelangten bis nach Österreich.

Der Norden Pakistans gilt als Rückzugsgebiet islamistischer Kämpfer. Die Islamische Republik Pakistan, wichtiger Verbündeter des Westens im Kampf gegen den Terror, bekommt die Unruheprovinzen nicht unter Kontrolle. Militäroffensiven in den dortigen Stammesgebieten werden mit verheerenden Anschlägen in pakistanischen Städten beantwortet.

Ein Beispiel für den wachsenden Radikalismus war zuletzt das Attentat an Malala Yousafzai: Die 15-jährige Menschen- und Kinderrechtsaktivistin wurde am 9. Oktober 2012 in einem Bus in Mingora angeschossen und schwer verletzt, weil sie sich für das Recht der Mädchen auf Schulbildung eingesetzt hatte. Die Taliban begründeten den Anschlag mit den Worten, das Mädchen habe "den Säkularismus verbreiten" wollen.

Das Attentat sorgte international für große Bestürzung. Das Mädchen wurde nach einer Notoperation nach Großbritannien ausgeflogen und dort von Spezialisten behandelt. Inzwischen ist Malala für den Friedensnobelpreis nominiert, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde.

Einladung in die Votivkirche Die in Wien protestierenden Flüchtlinge haben am Donnerstag bei einer Pressekonferenz vor der Votivkirche Bundespräsident Heinz Fischer eingeladen, mit ihnen gemeinsam zu Abend zu essen. Aus der Präsidentschaftskanzlei kam umgehend eine Absage: Erst müsse eine befriedigende Lösung gefunden werden.

Fischer hatte den rund 60 Flüchtlingen, die seit bald neun Wochen in der Votivkirche auf einem Matratzenlager ausharren, vor wenigen Tagen einen Brief geschickt: Aufenthaltsrecht für alle in der Gruppe sei unmöglich, die Flüchtlinge sollten aus dem Gotteshaus in ein anderes Quartier übersiedeln. Über Bleiberecht könne nur von Fall zu Fall entschieden werden. (Marie Gamillscheg/DER STANDARD, 22.2.2013)

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