Adopotion: Kinderrechte versus Erwachsenenrechte?

Kommentar der anderen21. Februar 2013, 21:56
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Die Debatte um die Konsequenzen des EuGH-Urteils zum Adoptionsrecht für Schwule und Lesben darf nicht zu einem Streit um weltanschauliche Glaubensgrundsätze verkommen

So laufen die Diskussionen fast immer ab. Wahrscheinlich in ganz Europa. Es gibt widersprüchliche Meinungen, die vorerst wie Glaubensgrundsätze proklamiert werden. Im Falle der Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare ist das wieder gut zu beobachten:

Die einen meinen, lautstark ihre Homophobie (verpackt in Plädoyers für Kinderrechte) vertreten zu müssen, die anderen - beseelt durch jahrtausendealte Diskriminierung - sind selten bereit, die Kinderrechte zu berücksichtigen, und sehen nur ihre eigenen Rechte als wichtig an.

Dabei zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass die Rechte der Kinder und die Rechte der Homosexuellen einander keineswegs so eklatant widersprechen, wie das manche Diskussionsbeiträge nahelegen.

Genauso liebenswert

Schwule, lesbische, Transgender-Paare können selbstverständlich genauso liebevolle Eltern sein wie heterosexuelle Paare. Die Fähigkeit zu Zuwendung und Fürsorge hat mit der sexuellen Orientierung nichts zu tun. Es geht vielmehr ausschließlich um die Situation der Kinder - hier gebe ich dem Psychologen Heinz Zangerle (Standard, 21. 2.) völlig recht:

Kinder, die von den leiblichen Müttern/Vätern früher oder später zur Adoption freigegeben werden, haben durch fehlende frühkindliche konstante, sichere Bindungserfahrungen in der Regel ihr Leben lang Probleme mit ihrer Identität und mit ihrem Selbstwertgefühl. Hunderte Studien belegen dies - die persönlichen Erfahrungen vieler Eltern von adoptierten Kindern und die Berichte von Adoptierten im Erwachsenenalter ebenfalls.

Die Aufgabe von Adoptiveltern, es den Kindern zu ermöglichen, über viele Jahre der Alltagserfahrung eine Bindung zu ihnen aufzubauen, die der der leiblichen Elternschaft sehr nahe kommt, ist schwierig, aber lösbar. Dennoch bleibt stets ein Rest an Unsicherheit. Besonders in der Pubertät - und das bestätigt die gesamte Bindungsforschung - treten bei Adoptionskindern massive Identitätsprobleme auf.

Dieses Identitätsproblem stellt sich für Jugendliche, die bei gleichgeschlechtlichen Adoptiveltern aufwachsen, insofern noch wesentlich schwieriger dar, als sie selbst sich nicht nur der Tatsache bewusst werden, von den leiblichen Eltern verstoßen, sondern noch zusätzlich von nicht "normalen" Eltern aufgenommen worden zu sein. Aus Sicht der Kinder/Jugendlichen also ein zweifaches Handicap.

Wünschenswert

Im Gegensatz zu Heinz Zangerles generellen Vorbehalten gegen die Homo-Ehe ist meinerseits allerdings festzuhalten: Stiefkindadoptionen durch homosexuelle Paare, wie sie jetzt nach dem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs endlich Realität werden können, sind selbstverständlich wünschenswert, da die Kinder ja bereits über konstante Bindungserfahrungen beim leiblichen Elternteil verfügen und somit der Grundstein einer sicheren Identität bereits gegeben ist.

Adoptionen von Fremdkindern sind aber etwas gänzlich anderes. Diese Kinder haben das Recht, im besten Umfeld, das wir ihnen bieten können, aufzuwachsen. Es darf daher nicht um eine Prinzipienfrage gehen: Fremdkindadoptionen durch Lesben und Schwule ja oder nein.

Wesentlich ist vielmehr: Werden dem Kind durch die Adoption zusätzliche psychische Belastungen auferlegt oder nicht.

Derzeit, in einer noch homophoben Welt, muss diese Frage sehr genau im jeweiligen Einzelfall geprüft und darf nicht mit grundsätzlichen Weltanschauungsargumenten weggewischt werden.

Ich hoffe aber, dass in 20 bis 30 Jahren eine derartige Diskussion obsolet ist und Kinder mit ihren homosexuellen Adoptiveltern keine zusätzlichen Belastungen seitens ihres Umfeldes mehr erleben müssen. (Anton Schmid, DER STANDARD, 22.2.2013)

Anton Schmid

ist Wiener Kinder- und Jugendanwalt und Vater eines mittlerweile erwachsenen Adoptivsohnes.

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