Träumerei in Blau ohne Curaçao

21. Februar 2013, 18:18
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"Wo ist mein Achter?" titelt die erste große Ausstellung zum Werk von Franz West nach dessen Tod 2012

Eine thematische Rückschau des Mumok, die, so scherzen ehemalige Mitarbeiter des Künstlers liebevoll, korrekt heißen müsste: "Wo ist mein Achterl?"

Wien - "Wenn man Neurosen optisch wahrnehmen könnte, würden sie wie Passstücke aussehen", hielt Franz West (1947-2012) einmal fest. Demzufolge käme das Hantieren mit seinen Objekten aus Pappmaché oder den eingegipsten Objets trouvés, zu dem der im Vorjahr verstorbene Bildhauer ausdrücklich aufforderte, geradezu einer Konfrontation mit psychischen Befindlichkeiten gleich.

Der Vielfalt menschlicher Spleens und Verklemmtheiten entsprechend, sind die therapeutischen Schmusereien und Körper-Anlege-Arbeiten variantenreich - das dokumentieren auch Videos. Denn bisweilen wurden die Interaktionen - "Dialoge" - mit den Passstücken filmisch verewigt. In einem Video (1992) nähert sich ein Pullunderträger zaghaft: ein zögerliches Vor und Zurück, bis er das schlanke, spazierstockgroße Passstück schließlich sachte an seiner Spitze berührt.

Freilich kein Vergleich zu den sportlichen Verrenkungen, die die Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff und Sylvie Rohrer 2008 mit den Passstücken vollführten oder gar zu den wilden Tänzen Ivo Dimchevs 2010. Aber auch solch' professionelle Performer können am Donnerstag beim Pressegespräch zur West-Retrospektive im Mumok die Journalisten nicht dazu ermutigen, ihre Rollen zu vergessen und Hand anzulegen an die durchaus zu gebrauchenden Museumskopien von allzu fragil gewordenen Original-Passtücken.

Dabei würde für dies Unterfangen "come as you are" gelten - und nicht etwa Wests Ansage, alle Kleider abzulegen und sich "nach eigenem Ermessen" zu verhalten, wie in einer Ausstellung in der Generali Foundation in den 1990er-Jahren. Ein dieser Aufforderung angemessenes Verhalten ist allerdings nicht überliefert.

Unbequeme Psycho-Couch

Die Generali Foundation war im Übrigen in Österreich die erste Institution, die Werke Wests für die Sammlung ankaufte (international Flick und Hauser Wirth). In deren Schau postproduktion konnte man 1997 auch das nachvollziehen, von dem Mumok-Kuratorin Eva Badura-Triska sagt, es sei von Anfang an in Wests Œuvre angelegt: das In-Beziehung-Setzen von Werken. Aus fünf "zahnprothesenfarbenen" (Wests Mutter war Zahnärztin) Sesseln, einem zuckerlrosa Objektbild und Musik von Schubert und Schumann wurde Chou-Chou (1998); aus Collagen durchaus pornografischer Quellen ("vulgäre Darstellungen" bezeichnete West als "eindringlicher".), Passstücken und einer eher unbequemen Psycho-Couch wurde eine Träumerei (1997). Um die Kunst zum Benutzen nicht dogmatisch werden zu lassen, sperrte West sie später aber auch hinter Glas und nannte das dann Genealogie des Ungreifbaren.

Diese Kombi-Arbeiten sind nun auch der Schwerpunkt einer an die Retrospektive von 1996 im 20er-Haus anschließenden Ausstellung, die noch gemeinsam mit dem Künstler konzipiert wurde. Der konnte damals noch nicht ahnen, welche Zwistigkeiten um seinen Nachlass nun ausgetragen würden. Zwar hat West die ausgesuchten Arbeiten noch im Modell so lange herumgerückt, bis es für ihn okay war. Aber wer ihn kannte, wisse, dass West bei der tatsächlichen Hängung normalerweise bis zuletzt Dinge verschob.

Durch einige dokumentarische, bisweilen amateurhafte Videos in einer schummrigen West-Sofaecke fließt ein Hauch Authentizität in die museale, aber angenehm unangestrengte Schau - dort vermittelt sich etwas von seinem in verschrobenem Charme versteckten belesenen Geist. In manchen Teilen hätte man aber weniger calvinistisch sein dürfen: in Curaçao soll der Museumswärter dem, der sich zumindest der Schuhe entledigt hat, jede Stunde ein Glas des blitzblauen Getränks reichen. Nach dem Genuss einer Flasche sollte sich eine "Überreiztheit der Farbempfindung" einstellen. Bis auf ein paar leere Gläser ist die Pappmachéhöhle aber leer.

Versammelt sind auch Kombiwerke, in die Franz West, der mehr "soziales Tier", denn großer Meister war, Werke befreundeter Künstler integrierte. " Interpersonale" nannte der Sprachspieler diese "Materialisation von Querverbindungen geistiger Natur". (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 22.2.2013)

Bis 26. 5., Eröffnung am Freitag, 22.2.,  19.00

 

Millionen-Streit um Franz Wests letzten Willen

Wien - Es geht um Geld. Viel Geld. Geschätzte 50 Millionen Euro sind jene rund 270 Kunstwerke wert, die Franz West fünf Tage vor seinem Tod per Nachstiftung seiner (nur einen Tag vorher gegründeten) Stiftung überschrieb. Nach sechstägigem Koma lag er mit Leber- und Nierenversagen im AKH, als er seine Erbschaftsangelegenheiten offenbar recht zügig regelte, die Stiftung gründete, seiner Frau, der Künstlerin Tamuna Sirbiladze, per Schenkungsvertrag Liegenschaften überschrieb und im Testament alle Vermögenswerte außer der Kunst seinen Universalerben hinterließ. Neben seiner Frau sind dies ihre beiden minderjährigen Kinder. Ihr Mann, sagt die Witwe, sei todkrank und nicht imstande gewesen, die Vertragsfolgen abzusehen. Sie fühlt sich von der Stiftung übergangen.

Falsch, sagt Wests Rechtsanwalt Ernst Ploil, der die Stiftungsurkunde verfasste und auch Mitglied des Stiftungsvorstandes ist (Vorsitzende ist Wests Exsekretärin Ines Turian). West habe ihn im Zug eines Scheidungsverfahrens mit der Abfassung der Verträge und Urkunden beauftragt und diese nur aus Termingründen nicht unterschrieben. Die in der Zwischenzeit erfolgte Versöhnung habe an Wests Willen nichts geändert. Am 25. Juli 2012 starb Franz West - und hinterließ: Ratlosigkeit. Nun sind Gerichte mit der Klärung befasst. (asch, DER STANDARD, 22.2.2013)

  • Kosmos Franz West im Mumok: kotbrauner Wurst-Wust und rosa Rasierschaum-Planet.
    foto: mumok/titze

    Kosmos Franz West im Mumok: kotbrauner Wurst-Wust und rosa Rasierschaum-Planet.

  • In seinem Werk  treffen ärmliche und krude Materialien auf dessen komplexe, an Philosophen geschulte Ideenwelt: "Parrhesia" ("Freedom of Speech", 2012)
    foto: mumok/titze

    In seinem Werk  treffen ärmliche und krude Materialien auf dessen komplexe, an Philosophen geschulte Ideenwelt: "Parrhesia" ("Freedom of Speech", 2012)

  • Aus Collagen durchaus pornografischer Quellen - "vulgäre Darstellungen" bezeichnete West als "eindringlicher" -, Passstücken und einer eher unbequemen Psycho-Couch wurde eine "Träumerei" (1997).
    foto: mumok/titze

    Aus Collagen durchaus pornografischer Quellen - "vulgäre Darstellungen" bezeichnete West als "eindringlicher" -, Passstücken und einer eher unbequemen Psycho-Couch wurde eine "Träumerei" (1997).

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