Skandal um rechtslastige Hochschülerschaft in Ungarn

22. Februar 2013, 00:33
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Eine Affäre um rassistische Aktivitäten von Studentenvertretern an einer Budapester Universität macht den Einfluss der rechtsextremen Jobbik-Partei deutlich

Die Hochschülerschaft an der Philosophischen Fakultät der renommierten Budapester Eötvös-Universität (ELTE) hat Jahre hindurch illegal Daten über die Studienanfänger der Fakultät gesammelt und diese um politische Kategorisierungen und oft rassistische und sexistische Anmerkungen ergänzt. Der oppositionelle Fernsehsender ATV bekam entsprechende Excel-Tabellen aus dem Jahr 2009 zugespielt und berichtete darüber Mitte der Woche.

Der Skandal erschütterte die ungarische Öffentlichkeit - denn gewählte Studentenvertreter diffamierten die jüngeren Kollegen und Kolleginnen mit Bezeichnungen wie "Offenbar ein Zigo (Zigeuner)", "sie hat einen hässlichen Judenkopf", "liberales Schwulen-Bubi", "sturer alternativer Wichser" oder "auf lateinamerikanische Tänze stehende Mini-Feministin". Einige der Schmähbezeichnungen sind so ordinär, dass sie sich hier gar nicht wiedergeben lassen. Positivere Qualifizierungen erhielten hingegen Studienanfänger, die als Gesinnungsgenossen und -genossinnen der rechtsradikal eingestellten Hochschülerschaftsfunktionäre identifiziert wurden, etwa als "ordentliches, volkstanzendes, katholisches Mädchen". Darüber hinaus wurden die Studienanfänger politisch und rassisch eingestuft. Mit "I" (für "igen", deutsch: ja) und "N" ("nem", dt.: nein) wurde vermerkt, ob der oder die Betreffende jüdischer Herkunft ist oder nicht. Eine weitere Spalte der Tabellen enthielt Buchstaben für vermutete Parteiensympathien, "A" für die Sozialistische Partei (MSZP), " B" für den - 2009 noch existierenden - liberalen Bund Freier Demokraten (SZDSZ) und die neue Öko-Partei "Politik kann anders sein" (LMP), "C" für den heute regierenden rechtsnationalen Bund Junger Demokraten (Fidesz) und "D" für die rechtsextreme Jobbik (Die Besseren).

Von Jobbik unterwandert

Die Hochschülerschaften an den meisten Universitäten in Ungarn gelten seit vielen Jahren als von der Jobbik unterwandert. Genauer: Die seit 2006 im Aufwind befindliche Jobbik entstammt selbst zum Teil der Hochschülerschaft. Jobbik-Chef Gábor Vona war Anfang der 2000er-Jahre Hochschülerschaftsvorsitzender an der ELTE. Vona wurde damals auch von Fidesz-Chef Viktor Orbán umworben und in dessen Projekt der auf einen Sturz der linksliberalen Regierung hinarbeitenden "Bürgerkreise" integriert. Die äußerst niedrige Beteiligung an Hochschülerschaftswahlen und das Intrigenspiel der installierten Platzhirsche sorgten dafür, dass sich der rechtsextreme Bodensatz in den Hochschülerschaftsgremien viele Jahre hindurch zu reproduzieren vermochte - so Beobachter.

Dabei spielen die Hochschülerschaften im ungarischen Universitätsleben eine wichtige Rolle: Sie verteilen nicht unerhebliche Stipendiengelder und Projektförderungen. Die betroffenen Hochschülerschaftsfunktionäre bestritten, die auf illegalem Wege recherchierten Anmerkungen in die Tabellen eingefügt zu haben. "Jeder, der Zugang zum Hochschülerschaftsbüro hatte, kann es gewesen sein", meinte einer der Ersteller der bekanntgewordenen Tabellen, Máté Silhavy, gegenüber ATV.

Dabei lässt sich das wahre Ausmaß des Skandals noch gar nicht abschätzen. Unklar ist, ob auch an anderen Fakultäten und Unis derartige illegale Profile über Studienanfänger angelegt und geführt wurden. Der Rektor der ELTE, Barna Mezey, verfügte am Mittwochabend jedenfalls die Suspendierung der Tätigkeit der Hochschülerschaft an der Philosophischen Fakultät. Die Maßnahme bleibe aufrecht, bis die vermuteten Gesetzesverstöße aufgeklärt sind, fügte er hinzu. (Gregor Mayer, DER STANDARD, 22.2.2013)

  • Seit Monaten - hier im Dezember 2012 - demonstrieren Ungarn immer wieder gegen antisemitische Tendenzen in ihrem Land.
    foto: janos marjai/ap/dapd

    Seit Monaten - hier im Dezember 2012 - demonstrieren Ungarn immer wieder gegen antisemitische Tendenzen in ihrem Land.

  • Die Tabelle der Hochschülerschaft der Eötvös-Universität enthält rassistische und sexistische Anmerkungen zu Studenten.

    Die Tabelle der Hochschülerschaft der Eötvös-Universität enthält rassistische und sexistische Anmerkungen zu Studenten.

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