Eine ganze Halle voller "Probleme" in Bodennähe

22. Februar 2013, 05:30
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Wiens neue Kletterhalle "Boulderbar" will ein Ort sein, an dem urbane Kletterer ihr "Wir-Gefühl" pflegen

Wien – Boulderer sind ein bisserl das, was Snowboarder vor 20 Jahren waren: coole Hunde. Erstens weil Klettern heute so angesagt ist, wie Snowboarden damals. Zweitens weil Boulderer eine Boarder-Angewohnheit haben, die Skifahrer – also Unkundige – nie verstehen (konnten): Auch Boulderer sitzen oft einfach herum – und tun nichts.

Freilich: So stimmt das nicht. Denn Bouldern – also Klettern in (meist) geringer Höhe – ist richtig anstrengend, betont Bernhard Kerschbaumer: "Das hängt nicht davon ab, wie hoch über dem Boden man unterwegs ist." Im Gegenteil: Knapp über dem Boden traut man sich "vielleicht an manche Probleme eher heran als in zehn Metern Höhe."

Kerschbaumer spricht Klettersprech: Ein "Problem" ist da eine knifflige Stelle oder Route im Fels. Oder in der Halle: Kerschbaumer ist einer der vier Gründer der Wiener "Boulderbar"– einer neuen, 600 Kletterquadratmeter großen Kletterhalle in Wien.

An sich wäre eine neue Halle nichts Besonderes: Klettern boomt. In ganz Europa schießen die Hallen  aus den Stadtumlandböden. Und sie sind oft überlaufen, bevor sie in Vollbetrieb sind: 2011 wurden allein in Wiens Hallen mehr als 300.000 Tagesgäste gezählt.

Ungünstige Lage

Doch die großen, hohen Hallen liegen meist ungünstig. Alte Hallen sind oft dunkle, enge und schlecht belüftbare Verlegenheitslösungen in adaptierten Kellern alpiner Vereine: Was der urbanen Kletterklientel fehlte (und in vielen Metropolen super funktioniert), war eine luftige, helle, übersichtliche und gut erreichbare Location.

In der Brigittenau, beim Hannovermarkt, fand Kerschbaumer genau das: eine supermarktgroße Halle mit Oberlichten. Früher wurde hier Post sortiert. Davor betrieb Franz Klammer hier ein Fitnesscenter – und scheiterte.

Die Kletterer rechnen mit mehr Fortune: Der Kletterboom sei noch lange nicht am Höhepunkt – und man böte hier, was in anderen Hallen zu kurz käme: Das soziale Element.  "Am Seil in der Halle bin ich oben, und mein Kumpel sichert unten: Das ist manchmal einsam," meint Kerschbaumer.

Bouldern in einer übersichtlichen Halle ist aber etwas ganz anderes: Man klettert – und bis das Popeye-Feeling im Unterarm nachlässt, studiert und analysiert man die "Moves" der anderen – und ist cool.

So, wie Snowboarder beim Im-Rudel-im-Schnee-Sitzen. Und wenn Skifahrer und Trendversäumer das nicht verstehen, ist das – bitte schön – deren Problem. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, 22.2.2013)

  • Ein "Problem" ist eine knifflige Stelle in der Wand – zur "Lösung" führt die Analyse bei einer Pause und aus der Distanz. 
    foto: www.boulderbar.net

    Ein "Problem" ist eine knifflige Stelle in der Wand – zur "Lösung" führt die Analyse bei einer Pause und aus der Distanz. 

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