Oscars: Die großen 'Player' und Debatten, oder: Wer ist Megan Ellison?

22. Februar 2013, 11:09
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Preise für Filme sind immer auch Preise für die Produzenten im Hintergrund - und in Hollywood wird darauf nie vergessen

Wer jemals in einer Jurysitzung Stellung bezog, kennt den Spagat zwischen dem Anspruch, für alles offen zu sein, und persönlichen Wünschen wie Vorbehalten. Verschärft ist dies bei einer Akademie-Wahl wie den Oscars: Die Mitglieder stimmen auch darüber ab, wieviel einträglichen Spaß sie in ihrer Arbeit künftig haben werden. Schauspieler etwa werden klarerweise Filme bevorzugen, in denen Schauspieler eine große Show haben - so lustig ist TV-Serien-Fließbandarbeit nämlich auch nicht -, Kostümbildner werden Kostümfilme mögen. Abgestimmt wird natürlich über die einzelnen Produkte und individuelle Leistungen, de facto ebenso über Filmfirmen und deren Arbeitsweise, über Produzenten.

Weithin bekannte sind darunter: Ben Affleck ist bei "Argo" auch Produzent, gemeinsam mit George Clooney, und beide sind sie Modellvertreter jenes politisch liberalen, fleißigen Amerikas, das sich bubenhaften Charme erhalten hat - wer mag: die Bill Clintons der Branche. Ganz als Elder Statesman gibt sich seit langem Steven Spielberg; sein "Lincoln"-Projekt begleitete er mit ausgewählt diplomatischen Stellungnahmen und zahlreichen Unterhaltungen mit aktuell aktiven Politikern.

"Thanks to Harvey"

Dann wäre da die in mehrerer Hinsicht bullige Persönlichkeit von Harvey Weinstein. Auch wenn er seinen Schauspieler und Regisseuren ein ebenso mächtiges PR-Arbeitstempo abverlangt wie sich selbst, kommt das in den abgelaufenen Jahren oft zu hörende "Thanks to Harvey" von Herzen - ist er doch der Inbegriff des Produzenten-Daddys alter Schule, lässt ihnen bei der Arbeit viele Freiheiten für ihre Spleens und kämpft danach massiv für den Erfolg der Filme. Immer noch erstaunlich, wie beharrlich er im Vorjahr als US-Verleiher seine Landsleute davon überzeugte, dass das spielerische französische Fan-Projekt "The Artist" einfach umwerfend sei. 

In der Saison 2012/13 hat er sich zwei Genres verschrieben, die bei der Branche und bei einer College-Zuseherschaft zwar sehr beliebt sind, bei der Drama-lastigen Oscar-Academy aber bislang wenig Anklang fanden: Für The Weinstein Company unter anderem im Rennen um den Besten Film sind sowohl die schräge Beziehungsgeschichte "Silver Linings Playbook" wie die augenzwinkernde Rache-Oper "Django Unchained".

Wie Oracle eine CIA-Aufarbeitung ermöglichte

Ein einer breiteren Öffentlichkeit weithin unbekannter Mann hinter zahlreichen diesjährigen Nominierungen ist dagegen Tim Bevan. Mit seiner Firma Working Title Films produzierte er mittlerweile jahrzehntelang Erfolge, aktuell im Oscar-Rennen sind die Romanbearbeitung "Anna Karenina" und das Musical "Les Miserables", beides Neubetrachtungen des 19. Jahrhunderts. Vertreter von Kostüm, Maske und Ausstattung lieben solche Werke, aber auch jene vor der Kamera, die maßgeschneiderte Aufgaben erhalten: Fragen Sie nur beispielsweise Keira Knightley, Hugh Jackman oder Anne Hathaway.

Vorhang auf nun für das Wunderkind: Megan Ellison, 27 Jahre alt, ist einerseits jemand, die sich immer schon für Film interessiert hat, ein einschlägiges Studium belegt (wenngleich nicht abgeschlossen) und Vor-Ort-Erfahrungen als Executive Producer an diversen Filmsets gesammelt hat. Auf der anderen Seite ist sie Tochter des Oracle-Gründers und Software-Milliardärs Larry Ellison, und dieser beherzigte das Prinzip des "nicht Kleckerns", als er ihre Produktions-Ambitionen mit kolportierten zwei Milliarden Risikokapital unterstützte. 

Megan Ellison bewies in ihren ersten beiden eigenständigen Projekten Qualitätswillen wie persönlichen Mut. Paul Thomas Andersons 1950er-Jahre-Parabel "The Master" machte machte sich zwar bei der Scientology-Lobby in Hollywood ziemlich unbeliebt, wird aber von Kritikern wie Cinephilen hoch geschätzt. Dass "The Master" zahlenmäßig kein Erfolg war, ließ sich durch den zweiten Film kompensieren, der auch an den Kinokassen kräftig einschlug: Wiederum ein unbequemes Thema, wiederum ganz aus Ellisons Tasche finanziert, wird Kathryn Bigelows CIA-Studie "Zero Dark Thirty" langfristig wohl als einer der Monolithen des 2012er-Jahrgangs Bestand haben, unabhängig von diversen Preisen.

 Wahlkampfstimmung mit entsprechenden Debatten

Firmenmacht im Hintergrund ist wesentlich, wenn Filme medial gepusht oder aber in destruktive Diskussionen verstrickt werden sollen - im Branchenjargon "the politics". Profi-Qualitäten bewies wieder einmal Weinstein: Routiniert bewältigte er die Krise, die sich daraus ergab, dass kurz vor der "Django"-Premiere ein Schul-Massaker stattfand und eine Waffendebatte hochkochte. Stur blieb er, als er den Academy-Mitgliedern DVD-Zusendungen verweigerte und diese vor die Breitleinwand nötigte - vielleicht etwas geschäftsschädigend, jedenfalls bewundernswert. Und Christoper Waltz' "DJesus Uncrossed"-Sketch bei "Saturday Night Life" war ganz Weinstein-Format, vertraute zu Recht darauf, dass das Publikum schon Monthy Python's "The Life of Brian" sehr mochte. An der zweiten Preisfront assistierte zuletzt Kritiker-"Papst" Roger Ebert massiv, indem er großes Lob für "Silver Linings Playbook" veröffentlichte.

Überrepräsentiert bei den diesjährigen Oscars sind Themen der US-Geschichte. Während "Django Unchained" und dezenter auch "Argo" ihren satirischen Charakter offen deklarierten, sahen sich die ernst gemeinten Ansätze in Debatten um die Korrektheit der Darbietung verwickelt - im Fall von "Lincoln" des gutgemeinten Verbiegens der Historie, im Fall von "Zero Dark Thirty" des sich jeder Wertung enthaltenden Insider-Blickwinkels auch auf dünklere Aspekte des US-Ermittlungsapparats.

Zum Start von "Lincoln" hatte Spielberg mit diplomatischer Klugheit seinen Ansatz erläutert und damit die erwarteten und dann auch eingetroffenen Kritikpunkte weitgehend neutralisiert: Ihm sei es darum gegangen, dem als düster und furchteinflößend empfundenen Lincoln-Monument in Washington eine menschliche Facette entgegenzustellen - im Klartext: dem Präsidenten seine Denkmalhaftigkeit zu belassen, nicht akademisch-kritische Geschichtsschreibung zu betreiben. US-Fahnen im Film haben dann schon mal wie heute 50 Sterne, nicht wie damals 24 oder 36.

Ellison gibt sich hingegen - wenig Wunder bei ihrem Alter - als komplett medienscheu, interveniert nicht wie etwa Weinstein mit vulkanischem Zorn bei Chefredaktionen. Was aber auch bedeutet: Sie verweigert sich dem Wahlkampf-ähnlichen Medienzirkus im Vorfeld, "she does not play the game". Als sich "Zero Dark Thirty" dem paradoxen Doppelvorwurf der CIA-Nähe wie der unpatriotischen Gesinnung ausgesetzt sah, lag es somit rein an Regisseurin Bigelow und Drehbuchautor Mark Boal, sich zu verteidigen. Nicht dass die Beiden auf den Mund gefallen wären, aber es ist fraglich, wie weit die Wirkung ihrer vorwiegend intellektuellen Argumente reicht.

Eine vielsagende Änderung wurde übrigens am Mittwoch bekanntgegeben: Vergeben werden ab sofort nicht mehr die "Academy Awards" der "Academy of Motion Picture Arts and Sciences"; die geläufige, aber auch verniedlichende Bezeichnung "The Oscars" wird zur offiziellen. (hcl, der Standard.at, 22.2.2013).

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    Die rundum beliebten Sunnyboys hinter "Argo": Ben Affleck, George Clooney und Grant Heslov, hier unterwegs zur Official After Party der British Academy Film Awards 2013. 

     

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    Steven Spielberg im US-Repräsentantenhaus (= am Set von "Lincoln") bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Nicht an Inhaltsaspekten kleben, sondern an deren Visualisierung arbeiten. Ganz rechts sein ebenfalls Oscar-nominierter Kameramann Janusz Kaminski.

     

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    Ein Jahrhundert früher wäre er wohl Opern-Impressario geworden: Harvey Weinstein liebt die PR-Arbeit, das Kämpfen für seine Produktionen, die bulligen Branchenunterhaltungen - wie hier mit George Clooney bei der vorigen Oscar-Gala. 

     

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    Immens produktiv seit gut dreißig Jahren: Von "Notting Hill" (1997) über "High Fidelity" (2000), "Bridget Jones" (2001+2004), "Flug 93" (2006), "Hot Fuzz" (2007) bis "Dame, König, As, Spion" (2011) stand der aus Neuseeland stammende britische Produzent Tim Bevan hinter einer langen Reihe anspruchsvoller Kassenschlager - hier 2008 mit dem BAFTA-Award für den auch mit Oscar-Nominierungen bedachten "Atonement" ("Abbitte").

     

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    The New Kid on the Block: Produzentin Megan Ellison zwischen "Zero Dark Thirty"-Regisseurin Kathryn Bigelow und Hauptdarstellerin Jessica Chastain Anfang des Jahres bei den angesehenen National Board of Review Kritiker-Preisen in New York, wo alle drei in ihren jeweiligen Kategorien prämiert wurden.

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