Was ist ein Mulac?

Glosse22. Februar 2013, 12:43
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Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art

Mulac ist eigentlich die Bezeichnung für das das Männchen des Maultieres, das in Dalmatien Mula genannt wird. Die Mehrzahl lautet Mulci und eine Gang solcher Mulci wird als Mularija bezeichnet. Mädchen bleiben einfach Mädchen und werden irgendwann zu Frauen, die die ehemaligen Mulci heiraten. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art, deren manche, wie Saufen und anschließend eine Prügelei anzufangen, nicht ganz harmlos sind. Meine beiden Kumpel Boba aus Beograd und Viktor aus Sarajevo und ich sind irgendwann auch Mularija in Sutivan.

Geräuschlos Speiben

Auch wir saufen bei Gelegenheit, wie alle Halbwüchsigen es machen: Zu schnell, zu viel. Schlägereien sind aber nicht unser Ding. Wir fallen in die "Disco Citra" ein, um dort Touristinnen anzubaggern, die genauso betrunken sind wie wir.

Viktor säuft immer am schnellsten und am meisten wodurch er auch als erster außer Gefecht gesetzt ist. Manchmal lassen wir ihn in der Macchia nahe der Citra liegen, wissend, dass wir ihn morgens, wenn es Zeit ist nach Hause zu torkeln, an derselben Stelle und in derselben Körperhaltung vorfinden werden.

Das Problem: Wie kotzt man, ohne von den anderen Hausbewohnern bemerkt zu werden? Ein Problem, das Viktor gelöst zu haben meint indem er prinzipiell aus dem Küchenfenster  in die darunterliegende Macchien speibt, die das Fallgeräusch der Kotze dämpft.

An diesem Morgen weckt uns das Geschrei von Viktors Schwester Irina. Worte, wie "Säufer", "Idiot" und "Schwein" sind zu hören. Am Abend zuvor, so erfahren wir anschließend von Viktor, wäscht Irina ihre neue, schwarze Reisetasche aus Leder für die Reise nach Sarajewo und hängt sie, weit gespreizt, damit das Leder über Nacht schön trocknet, unter das Küchenfenster.

Bei einer anderen Gelegenheit gräbt Viktor ein Loch in den großen Topf mit Omas Geranien, kotzt ausgiebig hinein und gräbt alles zu. Zwei Tage später zeigt die Oma ihrer Freundin die Geranien. Ihr besonderer Stolz ist die aus der Herzegowina herbeigeschaffte Erde. Um die Qualität zu demonstrieren bohrt sie ihre Hand wie ein Schaufelbagger tief in den Humus.

Torpedo voraus!

Mulci bleiben wir auch ohne Alk. Nach der Bora ist das Meer auch mitten im August einige Tage besonders kalt. Weil keiner von uns Lust hat ein Bad in der kalten Dünung zu nehmen liegen wir nur am Strand, lassen uns bräunen und fantasieren vom echten Leben, das uns nach unseren Mulac-Tagen erwartet. Die Teufelei besteht darin, dass sich zwei von uns wortlos gegen den Dritten verbünden und ihm ohne Vorwarnung auf den Kopf zu spucken beginnen. Was das Opfer der Schlatzattacke vor Ekel sofort aufspringen und in das kalte Meer laufen lässt.

Doch auch wenn die Wassertemperatur karibisch ist, ruht der Mulac in uns nicht. Unsere Großmütter sind alle drei, sowohl in der Nachbarschaft als auch bei uns unbeliebte, alte Krätzen und eines Tages beschließen wir, kurz bevor die Omas ihr gemeinsames Tratsch-Bad nehmen, im Meer, nahe am Strand abzukacken und anschließend die Vorstellung zu genießen. Leider trifft keine der Omas auf unsere Torpedos. Aber ein kleines Mädchen schwimmt mit weit ausholenden Kraul- Bewegungen mitten in eines davon. Weil sie nicht merkt was da in ihren schönen, langen  Haaren klebt und es wohl für Seetang hält, versucht sie es mit der flachen Hand abzustreifen.

Gott straft Schamlosigkeit sofort!

Der inoffizielle Nacktbadestrand befindet sich gut eine halbe Stunde Fußmarsch durch die Macchien nördlich der Livka Bucht. An manchen Tagen machen wir uns die Mühe dieser Wanderung, weil es dort echte, nackte Frauen zu sehen gibt.

Wenn eine Erektion droht, was uns irgendwie peinlich ist, legen wir uns entweder auf den Bauch oder laufen schnell ins Meer, zwecks abschwellender Abkühlung. Also liegen wir fast nur auf dem Bauch oder schwimmen Runde um Runde. Bis Viktor beschließt, dass es ihm nicht mehr peinlich sein will. Und außerdem, so doziert er, könnte ja der Anblick seiner Aufrichtigkeit eine der echten, nackten Frauen so erregen, das Instantsex in der Macchia keine Fantasie mehr zu sein braucht.

Boba und ich nicken zustimmend, jedoch nicht restlos überzeugt, legen uns auf den Bauch und beobachten den Fortgang des Experiments. Was offenbar eine Pferdebremse auch macht und beschließt auf Viktors Eichel zu landen, wo sie ideale Bedingungen für ihr tägliches Mahl vorfindet: Dünne Haut und darunter bestens durchblutetes Gewebe. Die nächsten drei Tage verbringt Viktor zu Hause und sitzt mit weit gespreizten Beinen auf dem Schaukelstuhl seiner Oma.

Der ewige Mulac

Das es Mulci auch woanders gibt und dass man auch mit Mitte 40 einer sein kann, erfahre ich durch meinen Kumpel Georg den Griechen, der sich im Besonderen und die übrigen Griechen im Allgemeinen für das hält, was Nietzsche mit Übermensch meint. Als ich nach meiner Krebsdiagnose im AKH liege und einen dicken Katheter in meiner Harnröhre tragen muss, besucht er mich und bringt mir etwas Gras und meine Lieblingslektüre, das bekannte deutsche Nachrichtenmagazin, als Lesestoff mit.

Nachdem wir im Hof einen gut gepfefferten Joint rauchen verabschiedet er sich und ich schleppe mich und meinen Urinsack, der auf einem Rollgestell hängt, in mein Zimmer wo ich erwartungsfroh das Nachrichtenmagazin aufschlage. Doch darin sind keine Nachrichten weil nur das Deckblatt vom Original stammt. Der Rest der Seiten besteht aus Fotos die Georg aus diversen Pornomagazinen fein und säuberlich am Abend zuvor hineinklebt. Die Instanterektion lässt den dicken Katheter in meiner Harnröhre zu einem Folterinstrument werden. Ich versuche nach dem Klingelknopf zu greifen, dessen Kabel Georg beim Verlassen des Zimmers mit einem Kaugummi außerhalb der Reichweite meiner verzweifelt greifenden Hand an die Wand geklebt hat. (Bogumil Balkansky, 22.2.2013, daStandard.at)

  • Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
    foto: ap / axel heimken

    Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art

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