Wenn Fragen vor Selbstgerechtigkeit schützen

Interview21. Februar 2013, 17:38
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Robert Schindel über seinen neuen Roman "Der Kalte", über Tabus, die Shoah und Schlüsselromane

Am Freitag, 22.2. , um 20 Uhr, präsentiert Robert Schindel im Wiener Akademietheater "Der Kalte".

Wien - Roberts Schindels neuer, 660 Seiten umfassender Roman "Der Kalte" (€ 25,70, Suhrkamp), in dessen Zentrum der Auschwitzüberlebende Edmund Fraul steht, ist im Wien der 1980er-Jahre angesiedelt, wo man sich gerade streitet, ob ein Bundespräsidentschaftskandidat mit undurchsichtiger Kriegsvergangenheit wählbar ist. Daneben finden zwei weitere Kulturkämpfe statt: um ein Antifaschismus-Denkmal am Albertina-Platz und um ein Theaterstück, in dem der Heldenplatz eine Rolle spielt.

Die historischen Personen Waldheim, Hrdlicka und Bernhard bilden - unter anderen - den "realen Steinbruch", aus dem Schindel sein Porträt einer Epoche schöpft, in der man sich in Österreich zu fragen begann, wie sich der Einzelne im Weltkrieg verhalten hat. Ähnlich wie Alfred Goubrans soeben erschienene analytische Untersuchung "Der gelernte Österreicher" (Braumüller) lässt sich Robert Schindels Roman zudem als Psychogramm einer Gesellschaft lesen.

STANDARD: Der gelernte Österreicher, der im Roman ja auch eine Rolle spielt, ist vergesslich geblieben, er schaut bei heutigen Missständen nicht gern hin?

Schindel: Der Österreicher, vor allem der Wiener, ist von Beruf Zuschauer, er schaut schon hin, aber er zieht wenige Schlussfolgerungen.

STANDARD: Das Buch wird von der Kritik gut aufgenommen. Es wurde aber moniert, der Roman sei zu figurenreich und zu nah an der Realität gebaut. Schlüsselroman, sagen Sie, ist es keiner?

Schindel: Ich glaube, dass es ein fiktiver Roman ist, der sich auf Begebenheiten bezieht, die sich so oder auch anders abgespielt haben könnten.

STANDARD: Ist es nicht schwer, aus diesem doch politischen Stoff einen poetischen Mehrwert zu schöpfen?

Schindel: Mir hat das weniger Probleme bereitet. Ich glaube, das Problem liegt bei manchem Leser. Es gibt viele in Wien, die den Roman nicht so unbefangen lesen wie beispielsweise jemand in Bremen. Manche lenken sich durch das ständige Fragen ab, wer nun im Buch wer sein könnte, statt sich in die Lebensgeschichten des Romanpersonals hineinzuleben.

STANDARD: Edmund Fraul, der Kalte, ist Auschwitzüberlebender. Am Ende taut er ausgerechnet durch einen ehemaligen Nazi auf?

Schindel: Er bricht auf, weil ein Vertrauter stirbt, auch wenn dieser in Auschwitz auf der anderen Seite stand. Trotzdem haben die beiden in einer extremen Zeit am selben Ort gelebt. Das stiftet gegen den Willen ein Heimatgefühl. Fraul verachtet die Paten des Nationalsozialismus. Dennoch kann er sich der menschlichen Bedürftigkeit seines Gegenübers Wilhelm Rosinger nicht entziehen.

STANDARD: Fraul fragt sich, was er als SS-Mann getan hätte.

Schindel:: Er ist anfänglich sehr empört, als man ihm diese Frage stellt, und dann lässt sie ihn nicht mehr los. Auch, weil sie auf die Conditio humana insgesamt anspielt. Es muss sich jeder fragen, was er, wenn ihn die Geschichte woandershin gestellt hätte, gemacht hätte. Diese Frage schützt vor zu viel Selbstgerechtigkeit.

STANDARD: Gibt es im komplexen Themenfeld Shoah zu viele Tabus?

Schindel: Es gibt diese Tabus, weil es um einen in der Geschichte noch nicht da gewesenen Zivilisationsbruch geht. Die Folgen dieses Bruches und der daraus folgenden Verbrechen sind vielfältig und widersprüchlich. Da können Tabus vor dem Aufbrechen alter Wunden schützen. Andererseits verführen dieselben Tabus eventuell zur Verdrängung und können der Aufarbeitung hinderlich sein.

STANDARD: Rosa Fraul ist Jüdin und KZ-Überlebende. Ein, wie der Roman zeigt, gewaltiger Unterschied zu ihrem Mann Edmund, der als Politischer eingesperrt war.

Schindel: Das Jahrhundertverbrechen besteht auch darin, dass Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft verfolgt wurden, die zudem in manchen Fällen behauptet war. Es wurden ja auch Menschen als Juden verfolgt, die längst schon Christen waren. Das Schicksalhafte, dass man nur aufgrund der Herkunft umgebracht wurde, macht diese Opfer vollkommen unschuldig. Das ist, ohne zu werten, der Unterschied zu jenen, die wegen ihrer Überzeugung eingesperrt waren.

STANDARD: Karl, Frauls Sohn, tut sich schwer mit seinem Vater und dessen dauernder Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Ein Vater-Sohn-Konflikt der anderen Art?

Schindel: Ja. Das Buch ist dick, und es schadet nicht, es genau oder zweimal zu lesen. Es gibt sehr viele in sich abgeschlossene Geschichten in dem Roman. Fast jede der Figuren hat ihre Geschichte. Diese Geschichten werden von manchen bei ihrer Konzentration auf die drei Kulturkämpfe nicht wahrgenommen. Vielleicht hätte ich drei Romane statt einen schreiben sollen.

(Stefan Gmünder, DER STANDARD, 22.2.2013)

 

Robert Schindel wurde 1944 in Bad Hall (OÖ) als Kind jüdischer Kommunisten geboren. Sein Vater wurde im KZ Dachau umgebracht, seine Mutter überlebte das KZ Auschwitz. Schindel ist Autor zahlreicher Lyrikbände, dazu schreibt er Essays und Romane. Eine zentrale Rolle in Robert Schindels Werk spielt die Shoah und die "Vergessenshauptstadt" Wien, wo er lebt.

  • "Vielleicht hätte ich drei Romane schreiben sollen": Robert Schindel.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    "Vielleicht hätte ich drei Romane schreiben sollen": Robert Schindel.

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