Windspiele und viele Wirbelsprünge

21. Februar 2013, 17:41
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Das Staatsballett unter Manuel Legris präsentiert "Tanzperspektiven": ein vitales Lebenszeichen des klassischen Stils

Wien - Ballettdirektor Manuel Legris hat es nicht leicht in seinem Bemühen um den Spagat zwischen klassischem Repertoire und zeitgenössischen Stücken. Zeigt er zu viele Handlungsballette, maulen die Erneuerer - und umgekehrt. Ein guter Kompromiss ist ein Programm wie die Tanzperspektiven, in dem vier Werke aktueller Choreografen präsentiert werden. Premiere war am Mittwoch in der Wiener Staatsoper.

Dynamisch geht es los mit dem 2000 in Amsterdam uraufgeführten Stück A Million Kisses to my Skin des Briten David Dawson, einer abstrakten Arbeit über Symmetrie und Anziehung zu Bachs Klavierkonzert in d-Moll (am Klavier Igor Zapravdin). Spannend sind dabei die extremen Dehnungen und Drehungen, die aus der Achse gefallen scheinen und konform zur musikalischen Struktur sind. Der Titel entspricht einer realen Glücksempfindung, die Dawson als Tänzer auf der Bühne erfahren hatte, wenn der Bewegungsfluss maximal umgesetzt wurde. Unverkennbar die Formensprache von William Forsythe, in dessen Frankfurter Ballett Dawson auch getanzt hat.

Ebenso die Amerikanerin Helen Pickett, ehemals Principal Dancer bei Forsythe. Ihre Neufassung des 2008 in Boston entstandenen Eventide ist ein schöner farblicher Kontrast zur klaren, in Weiß und Hellblau gehaltenen Farbskala von Dawson. Dunkle Rosa- und Rottöne schaffen die passende Atmosphäre zum Geschehen der tanzenden Paare in der Dämmerung. Auch hier ist die klare Sprache des Meisters prägend, doch erweitert um fließende und weiche Bewegungen. Ein fröhliches, energiereiches Stück zur Musik u. a. von Philip Glass, Ravi Shankar und Jan Garbarek vom Band.

Ein energetischer Abfall dagegen Vers un pays sage des Franzosen Jean-Christophe Maillot zu John Adams' Fearful Symmetries, ebenfalls musikalische Konserve. Zwar ist das Stück des Direktors des Balletts de Monte-Carlo sehr persönlich, da eine Hommage an seinen Vater, den Maler Jean Maillot. Die Choreografie ist deutlich anspruchsvoller zu tanzen, als sie aussieht, und ging auch nicht ohne kleine Schnitzer über die Bühne. Eine konditionell fordernde Leistung der hervorragenden Tänzer.

Die Uraufführung Windspiele des Deutschen Patrick de Bana, einst Solist im Ballet Lausanne von Maurice Béjart, fand danach unter Mitwirkung des Staatsopernorchesters (Dirigent Markus Lehtinen) statt. Zum Konzert für Violine und Orchester d-Dur von Tschaikowski, musikalisch nicht einwandfrei dargeboten, vollzog allen voran Kirill Kourlaev kühne Wirbelsprünge und hohe Sprünge. Das Stück ist eine Referenz an das legendäre Ballet Russes, und de Bana gilt zu Recht als spannender Choreograf. Seine Marie Antoinette, 2010 an der Volksoper mit Olga Esina uraufgeführt, war auch international erfolgreich. Insgesamt ein empfehlenswerter Abend mit einem hochklassigen Ensemble und besten Solisten.   (Barbara Freitag, DER STANDARD, 22.2.2013)


Nächste Termine: 23. und 26. 2.

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    Helen Picketts "Eventide" in einer Neufassung.

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