Ägypten flutet Gaza-Tunnel mit Abwasser

21. Februar 2013, 13:55
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Ägypten geht rigoroser gegen die Schmuggelrouten vor - Die Gründe dafür sind vielfältig

Ägypten flutet die Schmuggeltunnel unter der Grenze zwischen dem Gazastreifen und dem Sinai seit kurzem mit stinkendem Abwasser. Das berichtete die "New York Times" am Donnerstag und nannte die Vorgehensweise eine neue Taktik, um den Warenfluss in der Grenzregion zu unterbinden.

Schon unter dem 2011 gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak hatte Ägypten versucht, den Warenverkehr in und aus dem Gazastreifen zu stören. In die Tunnel wurde hin und wieder Gas eingeleitet, das aber leicht durch das Einpumpen von Luft wieder entfernt werden konnte. Im Februar dieses Jahres begann Ägypten, Wasser einzusetzen - und nun eben stinkendes Abwasser. 

Zurückhaltender Protest der Hamas

Diese Vorgehensweise rückt das Verhältnis zwischen der Hamas im Gazastreifen und den in Ägypten regierenden Muslimbrüdern erneut in den Mittelpunkt. Die Reaktion der Hamas, ein Abkömmling der Muslimbruderschaft, war bisher eher verhalten, obwohl die Tunnel eine der wirtschaftlichen Lebensadern des Gazastreifens darstellen. Bis zu 30 Prozent aller Waren, die Gaza erreichen, gelangen über diese Tunnel in den schmalen Landstrich am Mittelmeer. Die "New York Times" interpretiert die ruhige Reaktion der Hamas als Vertrauen der Gaza-Führung in ihre ideologischen Verbündeten im Nachbarland. "Ägypten ist ein souveräner Staat, dem wir nichts aufzwingen", sagte Salah al-Bardawil, ein offizieller Vertreter der Hamas, zur Zeitung. "Wir vertrauen der ägyptischen Führung, dass sie uns Palästinenser nicht allein lassen."

Waffenlieferungen unterbinden

Ein Grund für das Fluten der Tunnel könnte der Versuch Ägyptens sein, Waffenlieferungen aus dem Gazastreifen in den Sinai zu unterbinden. Im vergangenen August starben 16 ägyptische Soldaten bei einem Angriff im Sinai. Laut ägyptischer Regierung kamen auch die Angreifer durch die Tunnel ins Land. Ägypten machte damals "Jihadisten", die aus dem Gazastreifen eingesickert wären, für den Angriff verantwortlich.

Beziehungen zu USA

Eine andere Erklärung könnte das einstweilen auf Eis gelegte Hilfspaket der USA sein. Ägypten könnte sich mit der härteren Vorgehensweise gegen die Schmuggelrouten als verlässlicher Verbündeter der USA zu profilieren versuchen. Es könnte auch darum gehen, die Verantwortung Israels für die Versorgung des Gazastreifens erneut zu betonen. Aber auch eine innenpolitische Botschaft des ägyptischen Militärs scheint denkbar. Die Generäle könnten so ihre Unabhängigkeit von den Muslimbrüdern unterstreichen wollen.

Nach dem unter ägyptischer Vermittlung zustande gekommenen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas Ende des vergangenen Jahres sind auch die Lieferungsbestimmungen in den Gazastreifen gelockert worden: Baumaterialien dürfen nun vermehrt eingeführt werden, Stahl allerdings bleibt weiterhin verboten. Auch diese Veränderungen könnten die ägyptische Regierung zur Flutung der nun weniger gebrauchten Tunnel veranlasst haben. Die Versorgung der Bevölkerung im Gazastreifen sei nun auch auf dem legalen Landweg möglich. 

Arbeitsplätze im Tunnel-Geschäft

Die Schmuggeltunnel sind auch eine der wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten im Gazastreifen, wo die Arbeitslosigkeit bei rund 30 Prozent liegt. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge arbeiten rund 10.000 Palästinenser im Tunnel-Geschäft. Über die Anzahl der Tunnel gibt es lediglich Schätzungen, diese variieren zwischen rund 200 bis zu 1000. (red, derStandard.at, 21.2.2013)

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    Aufräumarbeiten in einem Schmuggeltunnel bei Rafah. Ägypten flutete einige der Tunnel mit Abwasser.

  • Die Tunnel an der Grenze zu Ägypten sind eine wichtige Versorgungsquelle für Gaza. Allerdings werden neben Baumaterialen und Lebensmitteln auch Waffen geschmuggelt.
    foto: epa/ali ali

    Die Tunnel an der Grenze zu Ägypten sind eine wichtige Versorgungsquelle für Gaza. Allerdings werden neben Baumaterialen und Lebensmitteln auch Waffen geschmuggelt.

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    Für die Vorgehensweise Ägyptens gibt es vielfältige Erklärungsvarianten.

     

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    Ägyptische Soldaten bei einem der Ausgänge der Tunnel auf der ägyptischern Seite der Grenze.

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