5D-Erlebniskino bietet fragwürdige Zeitreise für Touristen durch Wien

13. März 2013, 05:30
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Die Show will einen Einblick in die Geschichte der Stadt geben, liefert aber Kitsch und Revisionismus

Wer durch das Gassengewirr der Wiener Innenstadt spaziert und die Habsburgergasse zwischen Michaelerplatz und Graben passiert, steht unvermittelt vor einer recht neuen Attraktion in altem Ambiente. Im Keller des Salvatorianerklosters im ersten Bezirk befindet sich seit Sommer 2012 das 5D- Erlebniskino "Time Travel Vienna". Zum Preis von 18 Euro wird eine "atemberaubende Zeitreise durch die Geschichte Wiens" vom römischen Vindobona bis zum heutigen Tag angepriesen.

Begibt man sich in die Kellergewölbe des im 17. Jahrhundert errichteten Klosters, begegnen einem vor allem kitschige Wien-Klischees. Schnell wird klar: Historische Präzision scheint hier nicht oberste Priorität zu haben.

Promi-Begrüßung und britische Bomber

In einer virtuellen Begrüßung stellen sich Wolfgang A. Mozart, Sissi, Maria Theresia und Sigmund Freud vor, nur um kurze Zeit später in Deckung vor einem Bombenangriff der Alliierten im Zweiten Weltkrieg zu gehen. Denn das Gewölbe wurde, nach 300-jähriger Nutzung als Weinkeller, im Krieg auch als Bombenschutzbunker verwendet, erklärt der Tourguide. Ob Freud wirklich vor britischen Bomben aus Wien geflohen sei und nicht eigentlich vor den Nazis, fragt aus dem Publikum niemand.

Türkenkrieg und Sachertorte

Dann beginnt die rasante 5D-Fahrt durch Vindobona: Vom Pest geplagten Wien geht es hinauf auf den sich im Bau befindlichen Stephansdom und weiter zu einer Schlachtszene gegen die Türken im Jahr 1683. Immerhin hat man letzteren den Kaffee zu verdanken, heißt es weiter, wonach die Zeitreisenden bei einem virtuellen kleinen Braunen und Sachertorte landen.

Mit 5D-gebeuteltem flauen Magen geht es weiter zu einer Puppenshow. Kaiser Franz Joseph und sein Familienanhang näseln als lebensgroße Plastikaristokraten vom herrlichen Wien und ihrer großen Dynastie. Anschließend streiten Mozart und Strauß Junior über kaiserliche Musik, ehe die Besucher im Walzertakt Ringelspiel fahren dürfen. Auf die schon schwer verdauliche Kombination aus Austro-Kitsch, Animations-Hochschaubahn und modriger Kellerluft folgt der nächste Höhepunkt: "Die Kriegsjahre".

Highlight Bombenangriff

Nach einer kurzen Erwähnung des Ersten Weltkriegs ist man auch schon beim eigentlichen "Highlight" des jüngeren Kapitels der österreichischen Geschichte angelangt. Die Zeitreisenden betreten nun einen Bombenschutzbunker, in dessen Mitte ein nationalsozialistischer "Volksempfänger" rauschend zuerst einen Auszug aus Schuschniggs letzter Kanzlerrede wiedergibt.

Es folgen Teile der "Anschlussrede" Adolf Hitlers am Wiener Heldenplatz vom 15. März 1938. Unkommentiert. Im nächsten Augenblick dröhnt dann schon der Fliegeralarm, Blitze zucken und Detonationswellen erschüttern den Bunker. Nun wird auch dem geschichtlich unbedarften Besucher klar: Wien wird von den Aliierten bombardiert. Man hört einen russischen Soldaten vor dem Bunker etwas rufen, ehe Infotafeln sinngemäß erklären: Österreich ist unfrei. Nicht etwa befreit.

"Befreiung 1955"

Zehn Jahre lang dauert die "Besetzung durch die Alliierten", so kann man weiterlesen, ehe Österreich 1955 endlich befreit wird. Also nicht die Alliierten befreiten Österreich durch den Sturz des nationalsozialistischen Terrorregimes 1945. Nein, erst deren Abzug 1955 ermöglichte endlich die Wiederherstellung der ersehnten Demokratie.

Wer auf einen inhaltlichen Hinweis zu den Jahren 1938-45 gewartet hat, auf jegliche Anmerkung zur  nationalsozialistischen Herrschaft oder gar auf eine Erwähnung der knapp 65.000 ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden, wartet umsonst. Aber nicht lange.

Fiakerfahrt statt unbequemer Geschichte

Denn bereits Sekunden später schweben die Besucher schon auf einer magischen Fiakerfahrt über den Dächern Wiens. "Genießen Sie zum Ausklang noch eine heitere Kutschenfahrt durch das heutige Wien", heißt es im Begleitfolder. Dann ist die Zeitreise nach einer knappen Stunde wirklich Geschichte.

Wer erwarten würde, in einem 5D-Erlebniskino einen historisch fundierten Überblick über die Wiener Stadtgeschichte präsentiert zu bekommen, wäre wohl naiv. Und wahrscheinlich auch im falschen Programm: Eine animierte Touristenattraktion, die Action und Erlebnis in den Vordergrund stellt,  muss ja keineswegs irgendwelchen Bildungsansprüchen genügen.

Unkommentierte Auswahl

Problematisch ist aber die unkommentierte selektive Auswahl und Gewichtung der präsentierten Themen. Wenn man den Bombenangriffen auf Wien im Zweiten Weltkrieg kommentarlos einen Platz als Erlebnis-Event einräumt, hat das einen seltsamen Beigeschmack. Ohne jeglichen Kontext, ohne Hinweis auf andere Opfer als jene der Bombardierungen wird in einer vermeintlich unpolitischen Show ein politisches Statement abgegeben.

Auf derStandard.at-Nachfrage bei den Betreiben heißt es, das inhaltliche Konzept sei unter der Leitung des Historikers Manfried Rauchensteiner erarbeitet worden. Der ehemalige Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums habe gemeinsam mit einer Kollegin die wichtigsten Ereignisse und Personen der österreichischen Geschichte herausgearbeitet und ein narratives Konzept entwickelt, das mittels moderner Technik umgesetzt worden sei.

Opfermythos reloaded

Neben aller inhaltlichen Oberflächlichkeit wird in dieser Konzeption aber wieder einmal jenes altbekannte Geschichtsbild gepflegt, in dem Österreich ausschließlich Opfer ist: Erst von Hitler, dann von den alliierten Bomben und schließlich von der Besetzung. Das passt eben viel besser zum mannerschnittenrosaroten Wien-Kitsch als eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. (David Rennert, derStandard.at, 13.3..2013)

  • Von Franzl, Sissi und Donauwalzer...
    foto: timetravel vienna

    Von Franzl, Sissi und Donauwalzer...

  • ...bis zum alliierten Bombenangriff sind es nur wenige Minuten.
    foto: timetravel vienna

    ...bis zum alliierten Bombenangriff sind es nur wenige Minuten.

  • Per "Volksempfänger" lauschen die Besucher im Schutzbunker Adolf Hitlers "Anschlussrede" von 1938.
    foto: derstandard.at/rennert

    Per "Volksempfänger" lauschen die Besucher im Schutzbunker Adolf Hitlers "Anschlussrede" von 1938.

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