Schiefergas im Weinviertel: "Die sind schon längst da"

21. Februar 2013, 19:38
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Bohrt Halliburton im Weinviertel? Besorgte Bürger diskutierten die Gefahren des Frackings

Nach 30 Minuten ist Renate Vacha mit ihrer Powerpoint-Präsentation fertig. Rund 40 Personen waren gekommen, um ihr zuzuhören. Vacha zeigte bedrohlich wirkende Fotos von Bohrtürmen und warnte die Zuhörer vor aggressiven Chemikalien. Die Weinviertlerin lebt in einem kleinen Dorf im nördlichen Niederösterreich und kämpft gegen Fracking und die Förderung von Schiefergas. "Ich weiß nicht, ob ich mein Gemüse aus meinem eigenen Garten noch essen möchte", sagte die besorgte Niederösterreicherin.

Fracking? Ja, viele Bürger im Weinviertel sind beunruhigt. Vergangenes Jahr wurde bekannt, dass die OMV in der Region Schiefergas fördern will. Das ist jedoch nur durch Einsatz von Chemie möglich, als Folge wird vor verschmutztem Grundwasser gewarnt. Nachdem Bürgerinitiativen Druck gemacht hatten, zog sich die OMV nach und nach wieder zurück, die Politik bestand auf Umweltverträglichkeitsprüfungen. Erst vergangene Woche betonte die OMV neuerlich, dass das Thema vom Tisch sei. Auch die ÖVP, die viele für ihre zu lasche Position gegenüber der OMV kritisieren, beschwichtigt und betont, dass es zu keiner Förderung von Schiefergas kommen werde.

Seismologen verunsichern

Das Misstrauen ist aber nach wie vor groß. Auch polnische Seismologen, die in den vergangenen Monaten den Erduntergrund untersuchten, trugen dazu bei. In regelmäßigen Abständen treffen sich in Bürgerinitiativen-Aktivisten und Interessierte, um sich über Gefahren und Folgen für die Region auszutauschen.

So auch am Montagabend. Mehrere Dutzend Bürger waren ins Gasthaus Sommer in Auersthal gekommen. Neben Vacha informierten Greenpeace-Energiesprecher Jurrien Westerhof und der Arbeitsmediziner Herbert Untner über mögliche Folgen der Förderung von Schiefergas. Die Grünen haben vor der Landtagswahl am 3. März erkannt, dass sie mit dem Thema und ihrer Position gegen Schiefergas punkten könnten, und standen Pate für die Veranstaltung.

Sogar die Spitzenkandidatin der Grünen, Madeleine Petrovic, war in das entlegene 1.800-Einwohner-Dorf gekommen, um die Besorgnis der Bürger zu teilen. "Im Moment gibt es kein kategorisches Nein", sagte die Grünen-Politikerin. "Man lässt sich ein Hintertürl offen." Es sei Vorsicht angesagt, man könne noch nicht Entwarnung geben. Sie forderte ein Verbot der Schiefergas-Bohrungen.

Bohrte Halliburton in Prinzendorf?

Warum das Misstrauen bei den Grünen und in Teilen der Bevölkerung groß ist, wurde durch Vachas Präsentation augenscheinlich. Sie hat in den vergangenen Monaten gemeinsam mit anderen Mitgliedern ihrer Bürgerinitiative "Risiko Gas" viele Argumente und Materialien gesammelt. Vacha zeigte Bilder eines Bohrturms, bei dem ein Lastwagen der internationalen Firma Halliburton parkt und der im Gemeindegebiet von Prinzendorf aufgebaut war (siehe Foto links). Mittlerweile ist er nach Schönkirchen verlegt worden. Halliburton ist einer der Pioniere der Fracking-Technik.

Vacha erzählte auch von Probebohrungen in der Ortschaft Poysbrunn, wo "laut Auskunft vom Wirtschaftsministerium Salz- oder Essigsäure hineingepumpt wurde, direkt neben dem Bach im Grund- und Trinkwassergebiet".

Sieben gefährliche Chemikalien

In Hohenau und Umgebung soll es konventionelle Bohrungen gegeben haben, sagte Vacha: "Nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums wurden aber auch dort mindestens sieben Chemikalien beziehungsweise Produkte mitten im Naturschutz- und Europaschutzgebiet March-Thaya-Auen eingesetzt. Alle identifizierbaren Chemikalien sind auf Stufe 1 der Wassergefährdungsklasse."

Für Vacha sind alle geschilderten Eindrücke Anzeichen dafür, dass in Zukunft in Niederösterreich gefrackt werden soll: "Ich glaube nicht, dass die Schiefergasförderung auf Eis liegt." Im Gegenteil: "Die sind schon längst da", warnte Vacha.

"Wissen nicht, was OMV vorhat"

Der Arbeitsmediziner Herbert Untner teilte die Besorgnis der Bürgerinitiativen-Sprecherin. "Wir wissen nicht genau, was die OMV in Zukunft vorhat." Untner könne es "als Arzt nicht gutheißen, was da in den Köpfen mancher herumschwirrt".

Der Mediziner vertritt die Meinung, dass es 100-prozentig Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung haben werde, sollte es zur Schiefergasförderung kommen. "Wir müssen der Gefahr ins Auge sehen." Außerdem warnte er vor dem Wasserverbrauch, der für das Fracking notwendig sei: "Das Weinviertel ist eine der trockensten Gegenden Österreichs."

Untner forderte weiterhin Druck von der Basis in Richtung Politik: "Das ist die Chance. Es geht um die Lebensgrundlage für uns alle. Stehen wir auf und sagen: Wir wollen das nicht."

Lippenstift aus erneuerbarer Energie?

Aufstehen und protestieren? Im Gasthaus Sommer reagieren die Menschen eher zögerlich. Jemand schlägt vor, eine Volksabstimmung über die Förderung von Schiefergas durchzuführen. Ein anderer Besucher erzählt, dass ihn die Bohrtürme nicht wirklich stören, weil sie keinen Lärm erzeugen. Und eine junge Frau fragt, wie in Zukunft Kleidung und Lippenstift erzeugt werden sollen, wenn man auf erneuerbare Energie setzen will und nicht mehr auf die Förderung von Öl und Gas.

Greenpeace-Experte Westerhof widmete sich in seinem Beitrag in erster Linie den Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP). Sie seien alles andere als ein Hindernis für Konzerne: "Die Erfahrung zeigt, dass sich in den meisten Fällen die wirtschaftlichen Interessen durchsetzen. Die OMV hat genug Einfluss, das UVP-Verfahren für sich zu entscheiden und sich damit das offizielle 'Öko-Okay' zu holen." Westerhofs Aussagen zufolge lassen sich die UVPs "sehr kreativ gestalten".

Theater über Schiefergas

Kreativität gefragt ist im Zusammenhang mit Fracking bald auch schon in einem Theaterstück, das sich dem Thema Schiefergas widmet. Es wird im Frühling im Zuge des Viertelfestivals in Niederösterreich uraufgeführt. Das Stück "Schwarzer Veltliner" spielt im Jahr 2020: Weltweit herrscht Energieknappheit, im Weinviertel wird deshalb nun doch nach Schiefergas gebohrt. Eine utopische Vorstellung? Die besorgten Weinviertler würden sich jedenfalls wünschen, dass die gesamte Diskussion um Schiefergas nur eine Fiktion ist.

Halliburton dementiert Fracking

Die Firma Halliburton, die ihren Österreich-Sitz in Seyring im Bezirk Wien-Umgebung hat, dementiert gegenüber derStandard.at im Weinviertel Fracking zu betreiben. Geschäftsführer Christian Seyr sagt, dass es sich in Prinzendorf um eine Ölbohrung gehandelt habe. Die Aufgabe von Halliburton sei gewesen, die Rohre zu zementieren, eine routinemäßige Arbeit beim Bohren von Ölsonden im Auftrag der OMV. Auch die OMV hält erneut fest, dass es sich bei den angesprochenen Fotos nicht um Schiefergas-Arbeiten handeln könne, bei Prinzendorf fänden zur Zeit überhaupt keine Bohrungen statt. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 21.2.2013)

  • Ein Lkw der Firma Halliburton beim Bohrturm in Prinzendorf.
    foto: buergerinitiative

    Ein Lkw der Firma Halliburton beim Bohrturm in Prinzendorf.

  • Der Bohrturm inmitten von Windrädern.
    foto: buergerinitiative

    Der Bohrturm inmitten von Windrädern.

  • Eine zehn Meter hohe Fackel an der Bohrstelle in Hohenau.
    foto: buergerinitiative

    Eine zehn Meter hohe Fackel an der Bohrstelle in Hohenau.

  • Setzen sich gegen die Förderung von Schiefergas ein: Bürgerinitiativen-Sprecherin Renate Vacha, Grünen-Spitzenkandidatin Madeleine Petrovic, Arbeitsmediziner Herbert Untner, Jurrien Westerhof von Greenpeace und Amrita Enzinger, Grünen-Politikerin im Weinviertel.
    foto: grüne

    Setzen sich gegen die Förderung von Schiefergas ein: Bürgerinitiativen-Sprecherin Renate Vacha, Grünen-Spitzenkandidatin Madeleine Petrovic, Arbeitsmediziner Herbert Untner, Jurrien Westerhof von Greenpeace und Amrita Enzinger, Grünen-Politikerin im Weinviertel.

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