Sozialer Jetlag: Eulen schlafen zu wenig

6. März 2013, 17:00
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Sozialer Jetlag entsteht aus dem dauerhaften Widerstreit zwischen innerer Uhr und äußerer Zeitplanung - Geschätzte 80 Prozent der Bevölkerung leiden darunter

Gleich drei Uhren geben den Takt an, nach dem Menschen in industrialisierten Ländern ticken: Die fix programmierte biologische Uhr lässt fast alle Prozesse im Körper in einem rund 24 Stunden-Rhythmus ablaufen. Das innere Laufwerk synchronisiert sich mit der äußeren Uhr des Tag-Nacht-Wechsels über das Sonnenlicht. Die "soziale Uhr" tickt nach den Notwendigkeiten des Alltags. Ihr Takt folgt Stunden- und Schichtplänen, Terminen und anderen zeitlichen Vorgaben.

"Wir schätzen, dass bis zu 80 Prozent der Populationen in den westlichen Ländern unter einer Diskrepanz zwischen der inneren Uhr und den Anforderungen aus frühem Schulbeginn, Arbeit und auch Freizeitstress leiden", konstatiert der Chronobiologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der soziale Jetlag entsteht aus dem ständigen Widerstreit zwischen innerer Uhr und Lebensstil. Der resultierende Schlafmangel mündet in Erkrankungen und Leistungseinbußen.

Viele Eulen

"Normale Arbeitszeiten sind ausgerichtet auf den Schlaf-Wachrhythmus von frühen Chronotypen. Die Frühaufsteher oder Lerchen gehen auch entsprechend früh schlafen", erklärt Roenneberg. "Leider repräsentieren späte Chronotypen, die Eulen, die spät bis sehr spät schlafen gehen, den Großteil der Bevölkerung." Spätes Schlafengehen ergibt in Kombination mit frühem – durch den Wecker erzwungenem Aufwachen – ein substantielles Schlafdefizit im Laufe einer Woche, das am Wochenende ausgeglichen werden muss.

Besonders augenfällig ist das Phänomen bei Jugendlichen, denen nicht etwa Aufmüpfigkeit sondern ein biologisches Programm chronischen sozialen Jetlag aufbrummt. Der frühe Schulbeginn zwingt sie täglich zur Überwindung ihres genetisch programmierten Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich nicht durch früheres Schlafengehen durchbrechen lässt. "Mit dem Eintritt der Pubertät verschiebt sich der Schlaf-Wach-Rhythmus rapide nach hinten, im Schnitt um zwanzig Minuten jährlich. Nach etwa fünf Jahren ist der Höhepunkt erreicht, die Einschlafzeiten rücken wieder nach vorne", schreibt der Medizin-Journalist Mathias Plüss.

Beim späteren Schlafengehen folgen Jugendliche durchaus ihrer inneren Uhr, zum Aufstehen zwingen sie hingegen Wecker und Schulbeginn. "Um acht Uhr früh befinden sich die Schüler mitten in ihrer subjektiven Nacht", stellt der Münchener Forscher Roenneberg klar. Einzig ein späterer Schulbeginn ab halb neun Uhr könnte Schülern und Lehrern die somnambule morgendliche Trägheit ersparen.

Schichtarbeit und Vielfliegerei

Der soziale Jetlag schlägt auch im Berufsleben zu. Schichtarbeit, Nachtdienste oder Vielfliegerei erzeugen ein chronisches Schlafdefizit. Obwohl die unterschiedlichen Chronotypen auch mit unterschiedlich viel Schlaf gut auskommen, liegt die optimale durchschnittliche Schlafdauer für einen Erwachsenen bei etwa achteinviertel Stunden. Jede Minute weniger bedeutet langfristig eine Leistungsreduktion wie in der Schweiz Experimente mit Reaktionszeiten gezeigt haben.

Die gesundheitlichen Folgen der Dauerübermüdung sind noch nicht gänzlich erforscht. Die Münchner Wissenschaftler um Till Roenneberg fanden in ihrer Studie eine Korrelation zwischen Schlafmangel und Adipositas. Bei bereits übergewichtigen Menschen verstärkt die nächtliche Wachheit den Trend zur Fettleibigkeit. Für Normalgewichtige können die gesundheitlichen Auswirkungen von Bluthochdruck über Stimmungsschwankungen und Depressionen bis zu schweren Stoffwechselstörungen wie Diabetes und Beeinträchtigungen des Immunsystems reichen.

Späte Chronotypen neigen auch eher zu Stimulantien wie Alkohol, Kaffee oder Nikotin. "Der Konsum von Alkohol und Nikotin wird als Symptom für ein Verhalten gewertet, das auf eine Unfähigkeit sozialen Anforderungen zu entsprechen, hinweist," schreiben Roennebergs Kollegen Marc Wittmann, Jenny Dinich und Martha Merrow in ihrer Studie "Social Jetlag. Misalignment of Biological and Social Time." "Das führt uns zu der Hypothese, dass späte Chronotypen affektive Störungen entwickeln, weil ihr endogener Schlaf-Wach-Rhythmus nicht in konventionelle soziale Zeitpläne passt."

Chronischer Jetlag

Zusätzlich zeigen die mit der Schlafstörung verbundenen Leistungseinbußen schwere volkswirtschaftliche Auswirkungen. Übermüdetes medizinisches Personal macht Fehler, Autofahrer verursachen Unfälle, die Hälfte aller Betriebsunfälle geht angeblich auf Schlafmangel zurück.

All diese Erkenntnisse haben noch nicht zu einer Imageaufwertung des Schlafens geführt. "Die Frühaufsteh-Moral, die aus der Agrargesellschaft stammt, ist bei uns immer noch tief verwurzelt", schreibt der Schweizer Plüss. "Frühaufstehen ist tatsächlich sinnvoll, wenn es darum geht, das Heu vor dem Regen einzubringen. Bei Mathematik hingegen wäre ein wacher Kopf hilfreicher. Und auch der Arbeitswelt täte etwas mehr Ausgeschlafenheit gut." Eine Schlafkultur, zu der beispielweise ein mittäglicher Power-Nap zählen könnte, wäre sein Vorschlag gegen den ständigen Kampf gegen die innere Uhr.

Diesen Ausweg bestärken auch die Untersuchungen der Chronobiologen um Till Roenneberg: "Während der transmeridiane Jetlag vorübergehend ist und relativ wenige Menschen betrifft, ist der soziale Jetlag chronisch und betrifft die Mehrzahl der Menschen in Industrieländern. Sozialer Jetlag kann nur durch tiefgreifende Änderungen in der Organisation der Gesellschaft korrigiert werden. Unsere Forschungsergebnisse legen dringend nahe, Arbeits- und Schulzeiten an den Chronotypen anzupassen wo immer dies möglich ist." (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 6.3.2013)

  • Der soziale Jetlag betrifft die Mehrzahl der Menschen in den Industrieländern.
    foto: derstandard.at/photodisc

    Der soziale Jetlag betrifft die Mehrzahl der Menschen in den Industrieländern.

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