Mitt Spindelegger, Sarah Karl

Blog21. Februar 2013, 10:37
78 Postings

Die ÖVP steckt in der gleichen Falle einer überholten Gesellschaftspolitik wie die US-Republikaner

Seit der Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama im vergangenen November beschäftigen sich die amerikanischen Medien und Politikexperten intensiv mit der Krise der Republikanischen Partei. Dabei wird eines deutlich: Die Partei hat ein riesiges Problem mit Latino-Wählern sowie mit jüngeren Frauen und jüngeren Wählern im Allgemeinen.

Das Latino-Problem hat viel mit der Haltung der Republikaner zur Einwanderung zu tun; dort versucht die Partei schon gegenzusteuern. Die Abneigung von (nicht verheirateten) Frauen und jüngeren Amerikanern aber hängt vor allem mit der altmodischen Haltung zur Abtreibung, Homo-Ehe und anderen gesellschaftlichen Themen zusammen, und dort ist kein Ausweg in Sicht.

Solange die Republikaner nicht offen und tolerant wirken, haben sie bei den unter 40-Jährigen kaum eine Chance auf eine Mehrheit. Aber angesichts des tief sitzenden Konservativismus der Basis und der meisten Funktionäre ist dies in naher Zukunft kaum möglich.

Sprung nach Österreich: Die ÖVP hat das gleiche Problem. Abtreibung ist bei uns zwar kein Thema, aber bei der Gleichstellung von Homosexuellen und der beruflichen Chancengleichheit für Frauen - nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis - hält sie genauso an überholten Vorstellungen von Familie und Sexualität wie die US-Republikaner fest. Das wurde bei der so zögerlichen Reaktion auf das Adoptionsurteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte deutlich.

Michael Spindelegger tritt in die Fußstapfen von Mitt Romney, Beatrix Karl in die von Sarah Palin: Das kann nicht gutgehen.

Denn die gesellschaftlichen Vorstellungen ändern sich in Österreich genauso schnell wie in den USA. Die klassische Familie hat zwar nicht als nützliches Modell ausgedient, aber sehr wohl als moralisch überlegenes Ideal.

Und eine Partei, die das nicht versteht, wird von Jahr zu Jahr an Wählern verlieren. Denn die konservativen Stammwähler, die sich an solchen Ideen festklammern, sterben langsam aus, und die Menschen werden zunehmend tolerant.

Homo-Ehe mag zwar nicht das wichtigste Thema sein, nicht so wichtig wie wirtschaftliche Fragen, aber sie ist zum Symbol für eine ganze Lebenseinstellung geworden - für Modernität, für Offenheit, für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Das wird die ÖVP wahrscheinlich schon bei den nächsten Nationalratswahlen zu spüren bekommen, und in den kommenden Jahren noch mehr. Parteien von diesem Schlag sind wohl zu einer Randexistenz verdammt.

Wie man sich daraus befreit, ist allerdings nicht klar. Denn für die eigene Basis ist die Homo-Ehe ein rotes Tuch, gehört die Frau immer noch grundsätzlich an den Herd (bzw. zum Kleinkind nach Hause). Nur eine mutige, charismatische Führungspersönlichkeit kann hier einen Gesinnungswandel durchsetzen, und diese ist bei der ÖVP sicher nicht in Sicht. (Eric Frey, derStandard.at, 21.2.2013)

Share if you care.