Christen im Libanon: Absage an die Demokratie

Kommentar20. Februar 2013, 18:54
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Ein Wahlgesetz, das religiöse Apartheid festschreibt, ist ein sicherer Weg in die eigene Isolation

Die libanesischen Christen, eine identitätsstiftende Kraft des Landes, stehen unter großem Druck. Die durch den langen Bürgerkrieg der 1970er und 1980er gewonnene Einsicht, dass keine Gruppe alleine den Libanon beherrschen kann, scheint in Vergessenheit zu geraten: Die Radikalisierung schwappt diesmal aus Syrien über, wo der Aufstand immer "konfessioneller" wird. Die schiitische Hisbollah, in die Ecke gedrängt, wird aggressiver. Das moderate sunnitische Lager ist durch die Dauerabwesenheit ihres Führers Saad al-Hariri geschwächt. In dieses Vakuum stoßen radikale sunnitische Kräfte vor.

Es ist also verständlich, dass die Christen "Sicherheit" wollen, was ihre Rolle im Libanon anbelangt. Sie wollen nicht von demografischen Realitäten abhängig sein, sondern ihren Anteil am politischen Kuchen behalten: fünfzig Prozent im Parlament. Dies durch ein Wahlgesetz erreichen zu wollen, das religiöse Apartheid festschreibt - jeder darf nur die Abgeordneten der eigenen Religion wählen -, ist jedoch nicht nur vormodern, sondern auch ein sicherer Weg in die eigene Isolation.

Der Taif-Vertrag, der 1989 den Bürgerkrieg beendete, schrieb zwar das christlich-muslimische Proporzsystem erst einmal fort, gleichzeitig forderte er ein Ende des Konfessionalismus. Der christliche Wahlgesetzentwurf ist ein klarer Verstoß gegen Taif - und eine Absage an die demokratische Zukunft des Libanon. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 21.2.2013)

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