"Auf den Schrecken folgt der Terror"

20. Februar 2013, 18:24
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Nach Kamerun-Entführung geht bei den 60.000 Franzosen in Westafrika die Angst um

Jaunde/Paris - Clarence ist fünf, seine Brüder Eloi, Andéol und Maël sind etwas älter. Zusammen mit ihren Eltern waren sie im Nationalpark Waza im Norden von Kamerun unterwegs, wo ihr Vater Tanguy Moulin-Fournier für den französischen Konzern GDF Suez tätig ist. Nun wurden sie verschleppt. Paris hegt einen konkreten Verdacht, Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian erklärte: "Wir gehen davon aus, dass die Sekte Boko Haram die Entführung vorgenommen hat, aber wir haben noch kein Bekenntnis erhalten."

Sollten diese in Nigeria berüchtigten Islamisten hinter der Verschleppung stecken, würde das gemäß Le Drian eines bedeuten: "Auf den Schrecken folgt der Terror." Am Mittwoch vermeldete der öffentliche Rundfunk Kameruns, die Entführten befänden sich bereits in Nigeria; die insgesamt drei Erwachsenen seien von den vier Kindern getrennt worden.

Franzosen in Kamerun schockiert

Die Pariser Behörden riefen die französischen Staatsangehörigen am Mittwoch auf, den Norden Kameruns zu verlassen. Das Grenzgebiet zu Nigeria und Tschad galt bisher als sicher. Umso tiefer sitzt der Schock unter den 6200 Franzosen im Land. In Kamerun lebten sie bisher fern von den Vorgängen in Mali, wo Frankreichs Armee die Islamisten mit militärischer Gewalt zurückgedrängt hat.

Le Drian weigert sich fürs Erste, einen direkten Bezug der Entführung zur Militäroperation herzustellen. Schon vorher hatten Islamisten Franzosen entführt. Mit der Familie aus Kamerun befinden sich derzeit 15 Franzosen in Geiselhaft in Westafrika. Immerhin scheint Boko Haram direkt in Mali verwickelt zu sein. Kämpfer, die Verbindungen zu Aqmi sowie zur somalischen Shabaab-Miliz pflegen, helfen laut französischem Geheimdienst den Jihadisten in Nordmali bei der Verteidigung des besetzten Gebietes.

"Feind Nummer eins" seit 2005

Dass die Entführung im unbeteiligten Kamerun stattgefunden hat, lässt bei den Auslandfranzosen in ganz Westafrika die Alarmglocken schrillen. In den französischen Exkolonien zwischen Senegal und Gabun leben 60.000 Franzosen. Die Aqmi-Terroristen hatten Frankreich schon 2005 zum "Feind Nummer eins" erklärt.

Viele französischen Unternehmer in der Region bewegen sich nur noch mit Leibwächtern; französische Schulen wie etwa in Malis Hauptstadt Bamako haben ihre Pforten seit längerem geschlossen. Die Uranminen des Pariser Atomkonzerns Areva in Niger werden sowohl durch französische Militärs als auch Privatfirmen gesichert.

"60.000 Franzosen zu schützen ist völlig unmöglich", meint Philippe Hugon vom französischen Institut für internationale Beziehungen. "In diesem asymmetrischen Krieg gegen Truppen mehrerer Staaten verlegen sich die Islamistengruppen gerne auf Entführungen, die wenig Aufwand kosten, aber viel Geld und Medienecho bringen." Präsident François Hollande bestritt kürzlich, dass Frankreich Lösegeld zahle. Die frühere US-Botschafterin in Mali, Vicki J. Huddleston, erklärte indessen jüngst, Expräsident Nicolas Sarkozy habe für vier im Niger verschleppte Areva-Ingenieure 17 Millionen Dollar bezahlt - ohne eine einzige Freilassung zu erzielen. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 21.2.2013)

  • Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian vermutet Boko Haram hinter der Entführung.
    foto: epa/haider

    Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian vermutet Boko Haram hinter der Entführung.

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