Landschaft und Latex auf Londoner Laufstegen

20. Februar 2013, 18:34
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Starke Kollektionen von Tom Ford, Burberry oder Christopher Kane

Vor zehn Jahren plagte die London Fashion Week noch das Image des unprofessionellen Jungdesignertummelplatzes. Dem wurde man auch geografisch gerecht. Während seinerzeit die Laufstege in halbverfallenen Fabrikhallen von Künstlerkommunen im ehemals verarmten Osten lagen, ist schon seit ein paar Saisonen das noble Somerset House Mittelpunkt des Geschehens. Einkäufer und Presse erwarten sich von London aber nach wie vor in erster Linie künstlerische Kreativität – überperfektionistische Langeweile bleibt Mailand vorbehalten.

Großsponsor Topshop ist sich dessen offenbar bewusst und suchte sich die Tate Modern am gegenüberliegenden Ufer der Themse als zweiten Eventstandort für die kommenden Herbst/Winter-Kollektionen aus. Aber haben sich die Londoner Designer auch wirklich an die Grenzlinie zur Kunst herangewagt?

Paul Smith zeigte in der Tate Britain und teilte sich die altehrwürdigen Räumlichkeiten daher mit Kurt Schwitters' Spätwerk, das dort gerade ausgestellt wird. Die Verbindung zur Kunst manifestierte sich aber hauptsächlich in seinem virtuosen Umgang mit abstrakt geblockter Farbe und bunt beleuchteten Perspexwürfeln auf dem Laufsteg.

Louise Gray, die als neue Vivienne Westwood gehandelt wird, hätte besser in die Tate Britain gepasst. Während Schwitters seine Kunstobjekte auf deutschen Zwischenkriegsmüllhaufen suchte, entschied sich Gray mit Punkattitüde und einem ähnlichen Gespür für Recycling von Plastiksackerln vom Cornershop als Haarschmuck und von Klopapierrollen als Broschen. Präsentiert wurden ihre knallbunten Designs allerdings auf dem Topshop-Laufsteg in der Tate Modern, wo gerade eine Roy-Lichtenstein-Retrospektive auf dem Programm steht.

Der Popkünstler mit seiner Cartoon-Ästhetik schien wiederum die Kollektion von Tom Ford beeinflusst zu haben. Der Ex-Gucci-Designer zeigt seine Damenkollektion neuerdings in London und ist somit eines der Highlights der Fashion Week. Er schickte eine ganze Serie von mit Comicsprechblasen bedruckten "Kaboom"-Outfits auf den Laufsteg. Neben Leopardenmustern, Fransenoptik, Ethno- und Op-Art wartete er mit wilden Drucken, Leder, Spitze und neonbuntem Pelz auf. Zurückhaltung war noch nie Tom Fords Stärke.

Pilottos starke Schultern

Exzentrisch gab sich auch das Stricklabel Sister by Sibling mit Megagroßmaschigem und extremen Proportionen. Auch der Tiroler Peter Pilotto spielte mit den Proportionen seiner abstrakt bedruckten Outfits und einer stark betonten Schulterpartie, während sich Gräkoösterreicher Marios Schwab von Kaligrammen inspirieren ließ. Beide stehen in London schon seit längerem in der ersten Reihe der aufstrebenden Jungdesigner.

Giles dachte beim Designen seiner neuen Kollektion offensichtlich an die Ritter und Burgfräuleins der britischen TV-Serie Black adder. Dazu passte es bestens, dass Model Kristen McMenamy die Show als eine Art geisterhafte Maid Marian mit wallendem weißen Haar eröffnete. Sie ist derzeit übrigens in der ICA-Ausstellung des deutschen Schnappschussästhetikers Jürgen Teller  zu bewundern. Teller, der in London lebt, beeinflusst mit seinem Grunge-Stil noch immer nachhaltig die Mode – auch wenn jüngere Designer derzeit einen betont poppigeren, unimprovisierteren Stil einschlagen.

Sogar Burberry Prorsum ging diesmal nicht auf Nummer sicher, verabschiedete sich von den üblichen Swinging-Sixties-Ikonen und setzte stattdessen auf Christine Keeler, die die britische Regierung in den 60ern in einen Sexskandal verwickelte. Fazit: Durchsichtige Latextrenchcoats könnten im Herbst eine Alternative zu Regenmänteln sein.

Malewitsch oder Zwangsjacke?

Weniger exzentrisch, dafür sehr abstrakt war die Kollektion von  J. W. Anderson, dessen Tops gleichermaßen an die Kunst von Malewitsch und an Zwangsjacken erinnerten. Anderson ist übrigens so etwas wie der neue Jungdesignstar der britischen Metropole, wo um das "Next Big Thing" traditionell ein besonderes Griss herrscht – vor allem deshalb, weil sein Vorgänger Christopher Kane mittlerweile zum modischen Establishment gehört.

Kanes überbordende Show mit 100 Outfits aus Spitze, Camouflagedrucken und Samt war ein Glanzpunkt der heurigen Fashion Week. PPR-Boss François-Henri Pinault saß in der ersten Reihe, ihm bzw. seinem Luxuskonglomerat gehören seit Jänner 51 Prozent von Christopher Kanes Label. Das war wohl auch der Grund für die für einen gerade einmal 30-jährigen Designer riesengroße Modeschau.

Neben den vielfältigen Kunstbezügen wurde die London Fashion Week diesmal von technischen Spielereien beherrscht: Der Modegigant Topshop näherte sich in Kooperation mit Google der Idee einer Modeschau als virtuelles  Gesamtkunstwerk an. Die Show gab's live auf Youtube und  Google+. Supermodel Cara Delevignes und Jordan Dunns Outfits trugen eingebaute Mikrokameras, die Bilder vom Laufsteg und der Umkleide in Echtzeit ins Internet schickten.

Virtuelle Showbesucher konnten sich mit Designern und Moderedakteuren über die Entwürfe unterhalten oder auch gleich ihre eigene Kollektion zusammenstellen. Beeindruckend – und ziemlich professionell. (Britta Burger, DER STANDARD, 21.02.2013)

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