Kevin Ayers 68-jährig gestorben

20. Februar 2013, 18:05
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Der ehemalige "Soft Machine"-Sänger und Lebemann war eine Schlüsselfigur der britischen Songwriter-Szene

London - Sein größtes Kapital war seine unnachahmliche Stimme. Kevin Ayers' Bariton drückte eine augenzwinkernde Distanz zum Pop-Geschäft aus, zu dessen Formeln und Versatzstücken.

Ayers war ein genuiner Spross der "Canterbury-Szene". Bereits 1963 formte der in Malaysia aufgewachsene Brite seine erste Band, The Wilde Flowers (sic!). Aus deren Trümmern entstanden The Soft Machine. Englands Gegenkultur kippte damals ins psychedelische Zeitalter hinüber: Bands wie Pink Floyd untermalten ihre Sphärenmusik mit flackernden Lichtshows. Deren Zauber entfaltete sich umso wirkungsvoller, je bedröhnter das Publikum war.

Soft Machine wahrten ein kulturelles Erbe: Ihre Musik war Jazz-affin und mündete immer häufiger in ausgedehnte Improvisationen. Während Ayers mit der engelsgleichen Kinderstimme von Schlagzeuger Robert Wyatt um die Wette sang, muss ihn ein Gefühl des Überdrusses beschlichen haben. Es passierte, was Ayers noch häufiger widerfahren sollte: Er verkaufte 1969 seinen Fender Jazz Bass an den Hendrix-Musiker Noel Redding und zog sich zum "Kräftesammeln" auf die Ferieninsel Ibiza zurück.

Ayers blieb fortan der genialische Amateur unter den großen britischen Songwritern. Bis 1974 veröffentlichte er fünf Soloalben auf dem Kultlabel Harvest, eines schöner und ingeniöser als das andere. Seine Canterbury-Musik verband den "Progressive Rock" mit ausgesucht delikaten Arrangements. Man hört die südenglischen Wälder rauschen, stolpert über Reggae-Klänge oder wundert sich über Soundausbrüche des Saxofon-Extremisten Lol Coxhill.

Gitarrist Mike Oldfield verdingte sich ebenso in Ayers' Zauberreich wie der Avantgarde-Komponist David Bedford. Alles schien möglich in den nachträglich häufig verteufelten 1970er-Jahren.

Ayers aber war, frei nach Bertolt Brecht, ein Mann, auf den man nicht zählen durfte. Seine notorische Erfolglosigkeit machte ihn bei den Plattenfirmen unbeliebt. Er selbst blieb zeitlebens den Frauen und dem Rotwein zugetan und verbrachte unproduktive Lebensabschnitte gerne in wärmeren Klimazonen. Seine galante, unvergleichlich lapidare Lyrik trug er, wenn nötig, auch allein zur Akustikgitarre vor.

Kevin Ayers gehörte zur aussterbenden Klasse der britischen Dandys: Seinem allmählichen Verschwinden aus dem Bewusstsein des erwachsenen Pop-Publikums eignete nichts Tragisches. Für Tragik hätte er womöglich nur ein freundliches Achselzucken übrig gehabt. Von seiner Klasse und Haltung zehrte eine ganze Generation von britischen Liedermachern, von Robyn Hitchcock bis Neil Hannon (Divine Comedy).

Ayers kann als der freundliche Bruder im Geiste des mysteriösen Syd Barrett angesehen werden. Wo dieser aufgrund seines Drogenkonsums der Welt zu Lebzeiten abhandenkam, da machte Ayers weiter (The Unfairground, 2007). Jetzt ist er laut britischen Medien in seinem südfranzösischen Exil 68-jährig gestorben. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 21.2.2013)

  • Kevin Ayers: Der "Ladies' Man" mit dem sanften, ein wenig mokanten Bariton.
    foto: sputnik

    Kevin Ayers: Der "Ladies' Man" mit dem sanften, ein wenig mokanten Bariton.

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