Deutsche leihen deutlich billiger

20. Februar 2013, 17:58
12 Postings

Unwürdige Bedingungen bei Amazon haben für Aufregung gesorgt. Wäre der Fall auch in Österreich möglich gewesen? Ein Vergleich

Wien/Berlin - Die Leiharbeiterfirma Trenkwalder kommt in Deutschland immer mehr unter Druck. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) gab am Mittwoch bekannt, dass bei einer gemeinsam mit der Zollverwaltung durchgeführten Sonderprüfung "Verstöße gegen das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz festgestellt" wurden. Anlass war, wie berichtet, eine ARD-Dokumentation über katastrophale Arbeitsbedingungen beim Online-Händler Amazon, für den die Deutschland-Tochter des österreichischen Leiharbeiter-Konzerns Personal rekrutiert.

Trenkwalder hatte noch am Dienstag behauptet, die Anschuldigungen seien durch die Prüfung "nicht bestätigt" worden. Die Arbeitsagentur widerspricht nun klar. Über die Konsequenzen, sprich einen Lizenzentzug, werde "in dem dafür vorgesehen Verwaltungsverfahren" entschieden. "Wir wollen keine schwarzen Schafe", erklärte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker.

Amazon möchte jedenfalls an Trenkwalder festhalten. Für Kritik hatte gesorgt, dass den Leiharbeiter weniger als versprochen bezahlt wurde und sie in den Quartieren unter Dauerüberwachung eines Sicherheitsdienstes mit Naheverhältnis zur rechten Szene standen.

Wäre der Fall auch in Österreich möglich gewesen? Ein Vergleich der Rechtslage zeigt jedenfalls, dass Leiharbeiter hierzulande in einigen Bereichen besser abgesichert sind.

Bezahlung: In Österreich gibt es einen zentralen Leiharbeiter-Kollektivvertrag. Das Mindestgehalt liegt derzeit bei brutto 1428 Euro. Allerdings: Ist der Branchen-KV, wo der Leiharbeiter gerade eingesetzt wird, höher, muss dieser gezahlt werden. In Summe führt das dazu, dass Leiharbeiter wegen der Kosten nicht für alle Branchen interessant sind.

In Deutschland gibt es keinen einheitlichen Leiharbeiter-Tarifvertrag, wie Dirk Schumann von der Industriegewerkschaft Metall auf Standard-Anfrage erklärt. Die Untergrenze ist gesetzlich definiert, liegt derzeit bei rund 1150 Euro in den östlichen Bundesländern und bei 1250 Euro im Westen. In einigen Branchen - etwa Industrie, Holz, Kunststoff, Textil - werden seit dem Vorjahr aber Zuschläge verhandelt, wie Schumann sagt.

Derartige Branchen-Zuschläge - vor allen in der Industrie - gibt es auch in Österreich, laut Wirtschaftskammer liegen sie bei sechs bis 19,8 Prozent. In Deutschland kommt ein Leiharbeiter inklusive Zuschlag nach sechs Monaten auf circa 90 Prozent eines Stammmitarbeiters. Auf Betriebsebene kann noch mehr ausgehandelt werden. In Branchen ohne Zuschläge, etwa Handel, kämen sie aber nur auf 50 bis 60 Prozent der Stammbelegschaft, rechnet Schumann vor.

Unterbringung: Schwierig ist die Frage Unterbringung, die bei Amazon für Empörung sorgte. Laut Gewerkschafter René Schindler wäre in Österreich die Zeitarbeitsfirma für die Quartiere verantwortlich, weil bei ihr die gesetzlichen Fürsorgepflichten liegen. Trenkwalder verteidigte sich mit dem Argument, nicht mit der Organisation der Wohnräumlichkeiten betraut gewesen zu sein. IG-Metall-Vertreter Schumann ist aber der Meinung, dass auch in Deutschland Trenkwalder verantwortlich sei.

Q Information Neu ist in Österreich seit 1. Jänner des heurigen Jahres, dass Leiharbeiter 14 Tage im Vorhinein über die Beendigung eines Einsatzes informiert werden müssen. In Deutschland ist keinerlei Vorankündigung nötig.

Q Sozialleistungen Ebenfalls mit heurigem Jahr wurde in Österreich umgesetzt, dass Leiharbeiter auch Zugang zu Sozialleistungen wie Betriebskindergärten oder Kantine haben müssen. In Deutschland wurde diese EU-Vorgabe schon Ende 2011 umgesetzt. Ausnahmen sind laut Gesetz aber möglich, wenn sachliche Gründe eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen. (Günther Oswald, DER STANDARD; 21.2.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Amazon setzt vor allem im Lager Leiharbeiter ein, vor Weihnachten waren es mehrere Tausend. Dem Vermittler Trenkwalder droht nun der Entzug der Leiharbeiterlizenz in Deutschland.

Share if you care.