Die Absenz von Frauen ist fest verankert

20. Februar 2013, 18:13
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Die Quote ist unbeliebt. Sie trägt einen karitativen Beigeschmack, als müsse man der gehandicapten Spezies Frau auf die Beine helfen. Wie aber soll man ohne Quote jemals Burgtheaterdirektorin werden können?

Wien - Die klassische Musik ist eine Männerdomäne. Trotz eines hohen Frauenanteils in der Ausbildung sind die entscheidenden Positionen etwa an der Staatsoper durchwegs männlich besetzt. Intendanz, Komposition und Regie ergeben dort eine hundertprozentige Männerquote. Am Sprechtheater ist es um Nuancen besser. Das Burgtheater ist ebenso eine Geschichte von männlichen Intendanten, der Anteil von Frauen als Autorin oder Regisseurin dort höchst kümmerlich.

Hatten sich in der Ära Achim Bennings (1976-1986) unter den 147 aufgeführten Autoren ganze zwei Autorinnen eingeschlichen, darunter Marieluise Fleißer mit Fegefeuer in Ingolstadt, so waren es bei Claus Peymann schon elf an der Zahl, bei Klaus Bachler bereits 17 (bei 247 Stücken). Das große Haus des Burgtheaters haben Regisseurinnen bisher auch nur spärlich von innen gesehen; neben Annette Raffalt hatten dort bisher nur Andrea Breth und Karin Beier Zugang.

Da loben wir uns Bruce Willis, der jüngst in der FAZ am Sonntag sagte: " Frauen sollen das Sagen haben." Und Michelle Obama wäre die bessere US-Präsidentin. Solche Plädoyers sind überall in Mode, allein es ändert sich wenig. Im Kulturbetrieb, wohlgemerkt an den entscheidenden Stellen, scheint die Absenz von Frauen besonders fest verankert. Auch die Professuren in den Ausbildungsstätten sind meist männlich besetzt. Ohne Quotenregelung würde es bis zur Professuren-Gleichstellung hochgerechnet übrigens noch 900 Jahre dauern.

In der Kunst ist die Quote verminte Zone, Sperrgebiet, oberstes Tabu. Weil es ein "sensibler" Bereich sei. Zugleich ist Kunst aber auch ein beinhartes Geschäft und gar nicht sensibel. Tatsache ist: Die Quote ist ein unbeliebtes Instrument, weil es einen qua Geschlecht qualifiziert. Wer will das schon? Die Quote trägt einen karitativen Beigeschmack, als müsse man der gehandicapten Spezies Frau auf die Beine helfen.

Aber wie anders sollen Frauen in jahrhundertelang männlich dominierten Netzwerken Fuß fassen, wenn auf dem Weg dahin überall Männer entscheiden? Und dennoch gibt es nur wenige Befragte, die für eine Quote plädieren. Eine davon ist Sibylle Fritsch, Konsulentin der Volkstheater-Direktion: "Ich bin für eine Frauenquote, aber nicht um jeden Preis. Es ist noch immer so, dass Frauen ihre Qualität in den Schatten stellen, selbstkritischer sind als Männer und sich schon deshalb nicht so gut verkaufen. Zum Netzwerken bleibt oft keine Zeit, vor allem weil Frauen persönlichen sozialen Verpflichtungen meistens den Vorrang geben."

"Ist mir nicht aufgefallen"

Wenn sich Männer für ihre Geschlechtsgenossen entscheiden, dann vielleicht nicht immer bewusst, sondern meist im Sinn von "ist mir gar nicht aufgefallen". Eine häufige Antwort, die indirekt besagt, dass es keine qualifizierten Frauen gegeben habe. Eine recht praktische Behauptung, derer sich auch Malermeister Baselitz bedient. Frauen mangle es eben an Talent, ließ er jüngst im Spiegel verlauten. Das traurige Fazit eines wohl in Männerbündnissen aufgewachsenen Herrn. Was nützt jedes Talent, wenn es nicht gesehen wird? Oder wenn es trotz Bekanntheit - wie im Fall der Komponistin Olga Neuwirth - einfach nicht zum Zug kommt?

Silke Hassler sagt, es fühle sich als Dramatikerin so an, als würde man auf der Autobahnauffahrt stehen und dazu angehalten werden, nun zuerst 98 Männer einbiegen zu lassen; erst dann dürften zwei Frauen, bevor dann natürlich wieder 98 Männer drankommen.

Nicht dass das alles kein alter Hut wäre, die US-amerikanische Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls hat schon vor einem Vierteljahrhundert in ihren Plakaten jeden Zynismus in diese Richtung ausgereizt und The Advantages Of Being A Woman Artist aufgezählt (s. Bild). Der Vorteil, eine Künstlerin zu sein, liege auf der Hand: Man habe die Wahlmöglichkeit zwischen Mutterschaft und Karriere. Und man sei niemals der Peinlichkeit ausgeliefert, als Genie gelten zu müssen.

Also warum schaffte es noch keine Frau, Burgtheaterdirektorin oder Staatsopern- oder Volksoperndirektorin zu werden? Wo bleiben die fünfzig Prozent bestens ausgebildeter Menschen auf ihrem Karriereweg? Kann man den Zugang zur Macht vorläufig anders regeln als mit einem Werkzeug namens Quote? Dass es selbstredend immer um Qualität geht, ist unbestritten. Nur es geht eben auch um die Qualität von Männern und Frauen.

Auf die Quoten-Frage meinte Burg-Direktor Matthias Hartmann in einem Ö1-Interview übrigens: "Das wird schwierig. Ich glaube nicht, dass sich die künstlerische Arbeit mit Quoten regeln lässt, aber man soll Frauen ermuntern."    (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 21.2.2013)

  • 1989 startete die amerikanische Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls diese Plakat-Serie. Die erste Zahl ist seither gesunken.
    foto: guerrilla girls

    1989 startete die amerikanische Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls diese Plakat-Serie. Die erste Zahl ist seither gesunken.

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