Wer steht auf dem Kopf: Seeanemonen oder wir?

22. Februar 2013, 19:11
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Analysen zeigen, dass dieselben Gene, die bei uns die Gehirnentwicklung steuern, bei Seeanemonen im "Fuß" wirksam werden

Wien - Oben und unten sind relative Begriffe, und wenn man von dem Körperteil, mit dem sich eine Seeanemone am Boden festsetzt, als ihrem "Fuß" spricht, dann ist dies eigentlich falsch. Das folgert aus genetischen Analysen, die der Evolutionsbiologie Ulrich Technau von der Universität Wien an Seeanemonen vorgenommen hat. Die Studienergebnisse wurde im Fachmagazin "PLoS Biology" veröffentlicht.

Seeanemonen sind als Modellorganismus interessant: So haben frühere Forschungen Technaus gezeigt, dass die Meerestiere bei der Embryonalentwicklung verblüffende Ähnlichkeiten zu uns Menschen aufweisen. Und auch wenn man 600 bis 700 Millionen Jahre zurückgehen muss, um zu einem gemeinsamen Vorfahren zu kommen, verfügen wir beide über einen ähnlichen Genpool. Und speziell das Gen Six3/6 war es, das bei seiner Untersuchung das herkömmliche Verständnis von oben und unten auf den Kopf stellte.

Umgedacht

Die von Technau untersuchte Seeanemone Nematostella vectensis schwimmt während ihres Larvenstadiums auf der Suche nach einem passenden Lebensraum durch Wasserläufe nordatlantischer Watten. Sobald sie sich niedergelassen hat, vollzieht sie eine umfassende Metamorphose in einen Polypen, dessen vorderes Ende für die Verankerung am Untergrund zuständig ist; das hintere Ende bildet Tentakel und eine orale Öffnung zur Nahrungsaufnahme aus.

Technau und Kollegen vom Sars Centre in Bergen fanden nun aber heraus, dass die bei höheren Tieren für die Gehirnentwicklung zuständigen Gene bei der Anemone nicht für das orale, sondern für das aborale, als das dem Mund entgegengesetzte Ende der Larve zuständig sind. Bisher wurde dieses aufgrund des Erscheinungsbildes und der Funktion - es ist für die Verankerung im Untergrund zuständig - immer als "Fuß" bezeichnet. Dagegen galt das hintere Ende mit den Tentakeln und dem Mund als "Kopf".

In Wirklichkeit verankert sich die Seeanemone also nicht mit dem "Fuß", "sondern steht quasi auf dem Kopf", sagt Technau. Und treibt die Relativierung ironisch auf die Spitze: "Vielleicht sind es aber auch wir." (APA/red, derStandard.at, 22. 2. 2013)

  • Ausgewachsener Polyp der Seeanemone Nematostella vectensis.
 
    foto: nature, 2005

    Ausgewachsener Polyp der Seeanemone Nematostella vectensis.

     

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