Über die Utopie vom Fairtrade-Handy

Leserkommentar20. Februar 2013, 15:40
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Was viele nicht wissen (wollen): Der Weg eines Smartphones in unsere Läden ist ein langer und vor allem blutiger

Weit mehr als 700 Millionen Smartphones wurden im Jahr 2012 verkauft, drei Millionen davon gingen alleine im kleinen Österreich über den Ladentisch. Was viele nicht wissen (wollen): Der Weg eines Smartphones in unsere Läden ist ein langer und vor allem blutiger. Denn die für die Mobiltelefone benötigten (und für den Menschen giftigen) Rohstoffe werden hauptsächlich in Afrika und Südamerika abgebaut - und das von Frauen und Kindern.

In Fabriken in Asien und Indien werden die Einzelteile dann zusammengebaut - zu Niedrigstlöhnen und mit schwersten Gesundheitsschäden für die Arbeiter. Anschließend werden die Smartphones rund um die Welt geflogen, bevor sie schließlich zu Dumpingpreisen in den Geschäften Europas landen. Dank Bonuspunkten und Lockangeboten zahlen wir häufig sogar gar nichts für die aufwendig hergestellten Geräte. Selbst wenn wir einige Euros hinlegen - diejenigen, die an der Produktion beteiligt sind, haben nichts davon. Gerade einmal ein Prozent eines Smartphone-Erlöses geht in Löhne; der Rest verschwindet in Material, Transport, Werbung, der Großteil in der Gewinnspanne der Händler.

Laut der Arbeiterkammer hat der Durchschnittsösterreicher sein Handy nicht einmal so lange, wie die zweijährige Vertragsbindung läuft. Reparieren von Smartphones ist praktisch ausgeschlossen, das Nachkaufen von Teilen - und sei es nur ein Akku - zahlt sich nicht aus. Das sagt zumindest der Shopverkäufer, der nicht dafür bezahlt wird, Handys zur Reparatur einzuschicken, sondern dafür, neue zu verkaufen. Ausgemusterte Telefone treten zum Großteil wieder die Reise rund um den Erdball an, um genau dort als Giftmüll zur letzten Ruhe gebettet zu werden, wo die Reise einst begann. Tote Erde, verseuchtes Wasser und Schäden für die Menschen inklusive.

Es mangelt an Zertifizierungen

Wir kaufen Bioeier, Faitrade-Bananen und Fairtrade-Kleidung. Der Anteil fairer Einkäufe ist gering, aber es gibt sie. Bei Kakao, Kaffee und anderen Lebensmitteln kann man den Weg von der Ernte bis in unsere Regale leichter verfolgen. Das Leben eines Apfels aus unserem Biokisterl ist in unserem Magen zu Ende - das von Elektronikschrott dauert Jahrzehnte, Langzeitfolgen sind nicht abzuschätzen. Obendrein mangelt es an Zertifizierungen und Gütesiegeln, die einen fairen Einkauf von Elektronik garantieren. Faires Einkaufen gibt es in dieser Branche de facto nicht.

Faires Telefonieren

Die niederländische Stiftung Waag Society will mit ihrer Initiative FairPhone nun den Beweis antreten, dass faires Telefonieren möglich ist. Im Herbst soll ein möglichst fair produziertes Mittelklasse-Smartphone herauskommen. Stückzahl 10.000, Preis zwischen 250 und 300 Euro. Kleine Minen, aus denen die Rohstoffe kommen, und strenge Auflagen für die Partnerfirmen sollen das garantieren. Dass das erste FairPhone ganz ohne Kinderarbeit und Ausbeutung auskommen wird, bezweifeln allerdings nicht nur Skeptiker, sondern sogar die FairPhone-Initiatoren selbst. Denn direkte Partner können sie kontrollieren, Subzulieferer von einzelnen Teilen - zum Beispiel Displays und Akkus - nicht. Trotzdem ist die Initiative unterstützenswert, denn sie bringt das bisher komplett ausgeblendete Thema in die Öffentlichkeit.

Kein faires Handy im Sortiment

Was können wir also tun, wenn wir zwar telefonieren, aber Ausbeutung verhindern wollen? Fakt ist: Kein Hersteller hat derzeit ein fair hergestelltes Handy im Sortiment. Ein Blick auf Handy-Rankings (beispielsweise von WWF oder Greenpeace) zeigt, dass wir momentan die Wahl zwischen Pest und Cholera haben. Auch der Preis macht - wie die Vergangenheit gezeigt hat - nicht den Unterschied. Wer teuer kauft, kauft nicht fair. Unser Bedarf an Smartphones wird steigen, die Lebensdauer der Geräte allerdings nicht.

Die Rohstoffe werden aber weniger, weshalb der Endpreis zukünftig auch im Dumpingland Österreich höher ausfallen könnte, als wir es gewohnt sind. Der einzige Weg ist momentan, Hersteller unter Druck zu setzen (zum Beispiel mit Protestmails) und auf sein Handy so gut es geht aufzupassen, anstatt es bei den nächsten hundert Bonuspunkten gegen ein neues einzutauschen. 50 Mobiltelefone (inklusive Smartphones) werden jede Sekunde hergestellt, in Österreich gibt es 1,5 Handys pro Kopf. Solange unser Hunger nach neuer Elektronik nicht gestillt ist, wird die Ausbeutung nicht enden. Vielleicht vergeht uns Europäern bei dem Gedanken an die Menschen in Indien, Afrika und China aber auch einfach die Lust auf Apps, Tablets und Co. (Sarah Obernosterer, Leserkommentar, derStandard.at, 20.2.2013)

Sarah Obernosterer arbeitet für das Rote Kreuz. Dieser Text erschien ursprünglich im Blog des Roten Kreuzes.

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