Bewusst atmen

27. Februar 2013, 17:00
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Wie die Aufmerksamkeit auf die Atmung den Weg aus Stress und Anspannung erleichtert

Prüfungen, sportliche Wettkämpfe, berufliche Herausforderungen, in solchen Situationen gerät der Mensch in Stress. Der Organismus reagiert prompt und wappnet sich gegen die Herausforderung: Puls, Atmung und Herzschlag beschleunigen sich, der Blutdruck steigt, Stresshormone werden produziert. Binnen kürzester Zeit wird der Körper unwillkürlich auf Höchstleistungen vorbereitet, einem uralten Reaktionsmuster folgend, zum Kampf oder zur Flucht bereit.

Willkürlich beeinflussbar ist nur eine Vitalfunktion: die Atmung. Bewusstes Atmen erhöht auch die Kontrolle über andere körperliche Reaktionen, da diese in unmittelbarem Zusammenhang stehen.

Falsche Atmung verstärkt Belastung

In Stresssituationen ist die Atmung unbewusst beschleunigt und flach. Ist Angst involviert,  wird die Luft oft sogar gänzlich angehalten. Die Folgen sind spürbar: Zuwenig Sauerstoff und zu viel Stickstoff im Organismus steigern die Nervosität zusätzlich, denn das Herz muss schneller pumpen, um das Sauerstoffdefizit zu kompensieren.

Lange, tiefe Atemzüge können hier hilfreich sein. Eine bewusste ruhige Atmung wirkt entspannend auf alle vegetativen Funktionen. "Bei Stress gibt es nichts Befreienderes, als ausatmen. Es ist wichtig, dass man sich seines Körpers wieder bewusst wird und sich auf das Ein- und Ausatmen konzentriert", rät Psychologin Claudia Krenn. In ihrer Praxis hat sie des Öfteren mit Stresspatienten zu tun. Bei Verspannungen gibt sie bewusst auch Atemübungen als Hausaufgaben mit, damit in Stresssituationen besser reagiert werden kann.

Formen der Atemtherapie

Die klinische (medizinische) Atemtherapie wird nicht zur Behandlung von Stress eingesetzt. Sie ist ein Teil der physiotherapeutischen Praxis und wird hier vor allem bei Krankheiten und Funktionsstörungen von Lunge und Stimmapparat (z.B. COPD - chronisch obstruktive Lungenerkrankung) angewendet. Stress wird in der konventionellen Medizin psychosomatisch oder verhaltenstherapeutisch begegnet.

Alternative Atmungsschulen zur Stressbekämpfung gibt es in großer Zahl und unterschiedlichsten Ausprägungen, die meist auf fernöstlichen Praktiken basieren. Zu den stresslidernden Methoden zählt beispielsweise die integrative Atemtherapie zu der auch die Rebirthing-Technik gehört. Dabei handelt es sich um kreisförmiges Atmen, bei dem die Pausen zwischen den Atemzügen wegfallen.

Kritiker halten gerade diese beschleunigte Atmung ohne Atempausen, auch als holotropes Atmen oder Hyperventilation bezeichnet, für nicht ungefährlich, da es zu einer Sauerstoffunterversorgung im Gehirn kommen kann. Bedenken dieser Art hat Angela Tichy, die die integrative Atemtherapie mittels Rebirthing praktiziert, nicht, da diese Form der Atmung auch bei Babys, tiefschlafenden, entspannten Menschen und auch bei Tieren beobachtet worden ist. "Es entsteht ein Energiekreislauf im Körper, der bewirkt, dass die atmende Person mehr Energie aufnimmt", sagt Tichy und ergänzt, dass es bei der integrativen Atemtherapie nicht primär darum geht atmen zu lernen, sondern auch unterdrückte Gefühle und Empfindungen aufzuarbeiten.

Lebensenergie beeinflussen

Wie viele andere esoterische Therapieformen hat auch das Rebirthing seinen Ursprung in der alten, spirituellen Yogapraxis. Dort sind Atemübungen - sogenannte Pranayamas - fester Bestandteil der Praxis. "Das Sanskrit Wort "Pranayama" besteht aus zwei Begriffen: Prana lässt sich am besten als Lebensenergie übersetzten und Ayama heißt so viel wie kontrollieren, beeinflussen, beachten oder steuern.", erklärt Claudia Sekardi von der Yogalounge in Wien.

Yoga-Atemtechniken haben einen unmittelbaren Einfluss auf das menschliche Nervensystem. Befürworter glauben an eine Verbesserung des gesundheitlichen Allgemeinzustandes, eine Stärkung der Konzentration und eine Lösung von Blockaden. Mit unterschiedlichen Atemübungen lässt sich angeblich Stress reduzieren, der Körper entweder aktivieren oder aber beruhigen. Empfohlen wird, auf eine aufrechte, bequeme Sitzhaltung zu achten, damit der Atem frei fließen kann.

Bei alternativen Methoden auf Qualität achten

Auch die Schulmedizin ist heutzutage für alternative Methoden offener. "Besonders die Atemtherapie gründet auf recht altem Wissen, das neu verpackt wird", meint Sibylle Benczak Referentin der Ärztekammer Wien für Komplementärmedizin. Natürlich gibt es auch hier Befürworter und Gegner, wichtig ist vor allem, bei der Wahl des Praktikers auf die Qualität zu achten.

"Der Anbieter der Methode sollte kompetent sein, damit es zu keinen atmungsbedingten Problemen kommt", sagt Benczak. Für Patienten mit Vorerkrankungen wie Asthma, Epilepsie oder Herzerkrankungen sind Methoden der integrativen Atemtherapie generell kontraindiziert.

"Andererseits sollte der Anbieter eine psychotherapeutische Basiskompetenz mitbringen um die Patienten auffangen und ihnen wirklich helfen zu können, wenn dadurch Traumata entstehen", so Benczak. (Madeleine Harbich, derStandard.at, 27.2.2013)

  • Mit Atemübungen, wie sie z.B. im Yoka praktiziert werden, soll sich Stress reduzieren lassen.
    foto: yogalounge

    Mit Atemübungen, wie sie z.B. im Yoka praktiziert werden, soll sich Stress reduzieren lassen.

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