Der Holzkopf

21. Februar 2013, 17:40
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Der kanadische Musiker Airick Woodhead beerdigt als Doldrums die Großraumdisco in seinem MacBook

Allein Musik zu machen hat natürlich etwas. Man ist sein eigener Chef, niemand redet einem speziell auch bei den Arbeitszeiten drein. Kurz, man kann machen, was man will. Das ist die Freiheit, die spätestens seit der Erfindung dieser kleinen elektronischen Geräte mit Deckel und Speicherbank Heerscharen von jungen Leuten in Einzimmerwohnungen in großen Städten meinen. Leider ist die Sache oft auch mit erheblichen existenziellen Unsicherheiten verbunden.

Die Eltern verweigern einem mit Mitte 20 die weitere finanzielle Unterstützung. Man findet kein finanzielles Auskommen in prekären Jobs. Kurz, man hat jede Menge Zeit bei keiner Kohle. Man kann also in aller Ruhe seine Neurosen entwickeln und pflegen und macht ein wenig Hausmusik, für die man sich dann aber auch nicht zu sehr anstrengen mag. Weil: Das alles wird sich in diesem Leben ohnehin nicht rechnen. Hauptsache, eine Stunde vergeht in 60 Minuten. Fertig. Wer die Nerven dafür hat, diesem Lebensstil beizuwohnen: Die US-Serie "Girls" ist ganz nah dran.

Airick Woodhead teilt als eines der neuesten Hätschelkinder der Trendsport-Blogger das Schicksal vieler Zeitgenossen und Musikerkolleginnen wie Zola Jesus, Laurel Halo, Holly Herndon, Grimes und Tralali, Tralala auf Bandcamp, Hypemachine oder Soundcloud. Als Doldrums legt der 23-jährige Kanadier auf dem Debüt "Lesser Evil" zwar einen guten Start hin, man muss aber einmal die unglaubliche Kaltschnäuzigkeit besitzen, 2013 hohles europäisches Großraumdisco-Bollern im Gedenken an die bis heute nicht ganz verwundene Sandra ("In The Heat Of The Night", "I'll Never Be Maria Magdalena ..."), an C. C. Catch ("I Can Lose My Heart Tonight") oder gleich an das Frühwerk von Modern Talking in den 1980er-Jahren zu produzieren - und damit bei den jungen Leuten von heute durchzukommen.

Möglich wird das dadurch, dass Woodhead mit geschlechtsloser hoher Kopfstimme das Ganze natürlich clever unter Schichten von Zynismus versteckt. Die Stücke von Doldrums krachen nicht nur rein nostalgisch mit verhallter elektronischer Snaredrum und babyleichten Zweifinger-Keyboardmelodien in die heutigen Clubs. Sandra hat schließlich gerade selbst ihr eigenes Retroalbum am Start ("Stay In Touch"). Über die durch die Speicherbank einfachst gehaltenen Stücke legt Woodhead auch Lärmschlieren, nervt mit Distortioneffekten und gegen den Takt gelegten Eingangssignalen neuer Mails auf dem MacBook.

Frühe Schießspielgeräusche in Spielhallen werden mit Verzerrereffekten behandelt. Handclapping auf der Suche nach dem Klischeeflamenco klackerdiklackert von rechts nach links. Basswummern aus der Dubstepszene täuscht sinnliche Dringlichkeit vor. Falsche Chöre aus dem Lande Phaser ertönen, dazu werden immer wieder bei alten Synthiepophelden wie Orchestral Manoeuvres In The Dark oder den Pet Shop Boys geborgte Riffs zum Einsatz wiederbelebt.

Und immer wieder schießt die relativ unerträgliche Gesangsstimme Woodheads den Vogel ab. Unter dem Motto "It's my party and I cry if I want to!" stößt er in Ausdruckstanz- und Videoclip-Pantomimenbereiche vor, die historisch gesehen zuvor nur von Gruftieübermutter Siouxsie Sioux oder der total sensiblen Björk erforscht wurden.

Ach ja, einen Nachteil hat es, wenn man sein eigener Chef ist: Niemand sagt einem, dass man zwar hip ist, aber an seinen Songs noch ein wenig arbeiten sollte.   (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 22.2.2013)

Doldrums: "Lesser Evil" (Souterrain Transmissions)

  • Die Eltern verweigern einem die weitere Unterstützung. Man findet kein Auskommen in prekären Jobs und kann also in aller Ruhe seine Neurosen pflegen und ein wenig Hausmusik machen:  Airick Woodhead.
    foto: souterrain transmissions

    Die Eltern verweigern einem die weitere Unterstützung. Man findet kein Auskommen in prekären Jobs und kann also in aller Ruhe seine Neurosen pflegen und ein wenig Hausmusik machen:  Airick Woodhead.

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