Armin Wolf: "Für David Letterman bin ich nicht lustig genug"

Interview20. Februar 2013, 09:15
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Auf Twitter ist Armin Wolf der beliebteste Österreicher. Warum traditionelle Medien auch in Zukunft nicht aussterben werden und wieso der gebürtige Innsbrucker eigentlich Uni-Professor werden wollte

STANDARD: Sie sind der Österreicher mit den meisten Twitter-Followern. Wieso?

Wolf: Gute Frage. Vielleicht, weil ich relativ frühzeitig mit Twitter angefangen habe und zudem eine Fernsehsendung moderiere, die ziemlich viele Zuseher hat. Ich bin in diesen Mini-Twitter-Boom in Österreich hineingekommen, und viele Leute, die sich neu auf Twitter registrieren, drücken dann offenbar auch gleich bei mir auf "Follow".

STANDARD: Wie sind Sie überhaupt zu diesem Medium gekommen?

Wolf: Ich habe das 2008 beim Präsidentenwahlkampf in den USA gesehen. Damals hatte ich überlegt, ein bisschen Werbung für die ZiB 2 im Netz zu machen. Ursprünglich via Facebook, aber damals gab es noch keine Fan-Pages, sondern nur die persönlichen Profile. Ein paar Wochen später war ich dann zur Präsidentenwahl vor Ort in Amerika, und dort habe ich Twitter für mich entdeckt.

STANDARD: Die meisten Österreicher sehen Sie als "Mr. Interview". Wollten Sie sich darauf spezialisieren oder kam das notgedrungen mit Ihrem Job als "ZiB 2"-Anchorman?

Wolf: Mein Berufsziel war nicht ZiB-Moderator. Ich wollte eigentlich Uni-Professor werden und bin in den Journalismus geraten, um mein Studium zu finanzieren. Danach wollte ich einfach politischer Journalist sein. Dass ich die ZiB 2 moderiere, hat sich durch einen glücklichen Zufall ergeben. Das war nicht der Plan, als ich mit 18 begonnen habe, zu arbeiten.

STANDARD: Bei manchen Interviews spürt man eine erhöhte Angriffslustigkeit. Liegt das an der politischen Einstellung Ihres Gegenübers, oder passen Sie sich dem Gesprächsstil an?

Wolf: Sie müssen jemanden, der eine sehr verbindliche Persönlichkeit hat und im Studio sehr nett und freundlich ist, wie zum Beispiel die frühere Sozialministerin Ursula Haubner, anders interviewen als jemanden, der polarisierend und angriffig ist, wie etwa Herr Westenthaler. Es wäre völlig absurd, Herrn Westenthaler genau so zu interviewen wie Frau Haubner.

STANDARD: Vor allem Jugendliche kennen Sie zwar, wissen aber oft nicht, worüber Sie berichten. Sie sehen Ihre Interviews, haben aber keine Ahnung, wer Ihnen gegenübersitzt. Ist dieser Personenkult aus Ihrer Sicht in Ordnung?

Wolf: Personenkult verbinde ich dann doch eher mit Nordkorea. Erstens glaube ich nicht, dass es so dramatisch ist, wie Sie sagen - aber selbst wenn es so wäre und es Jugendliche gibt, die nur zuschauen, weil sie mich sehen wollen: super! Dann schauen sie trotzdem eine politische Nachrichtensendung, sehen den Politiker, der im Studio sitzt und die Themen, über die wir berichten. Sonst würden sie es wahrscheinlich gar nicht sehen.

STANDARD: Der ORF als Ganzes ist auf Social Media kaum präsent.

Wolf: Ja, weil uns das ORF-Gesetz da leider sehr einschränkt.

STANDARD: War es in Ihrer Anfangszeit beim ORF noch schwerer, Jugendliche anzusprechen, oder hat sich nichts verändert?

Wolf: Die Frage ist ja hinreißend. Als ich 1985 beim ORF angefangen habe, hat es Social Media noch nicht gegeben, weil es damals noch ziemlich lange kein Internet gegeben hat. Sie können sich das nicht vorstellen, aber es gab eine Welt vor dem Internet.

STANDARD: Es muss schrecklich gewesen sein.

Wolf: Es war eh schrecklich. Es gab auch noch keine Handys. Es gab in der Redaktion auch keine Computer! Wir haben auf Schreibmaschinen geschrieben. Die Frage, ob der ORF ein Facebook-Account betreibt oder nicht, hat sich damals nicht gestellt, weil niemand ahnte, dass es je so etwas wie Facebook geben könnte. Es gab damals ja noch nicht mal den STANDARD.

STANDARD: Braucht man heute überhaupt noch Nachrichtensendungen oder Printmedien? Vieles, worüber in der "ZiB 2" berichtet wird, hat auf Twitter schon lange davor die Runde gemacht.

Wolf: Das würde ich kategorisch bestreiten. Vor kurzem war Kardinal Schönborn zum Rücktritt des Papstes im Studio. Wenn Sie das, was er gesagt hat, vorher auf Twitter hätten schreiben können, müssten Sie schon Hellseher sein. Natürlich hat Twitter manches verändert, aber was macht denn da die Runde? Zum allergrößten Teil Geschichten, die aus traditionellen Medien kommen. Ich würde keine Wette darauf abschließen, dass der STANDARD in zehn oder 20 Jahren noch auf totes Holz gedruckt wird. Aber dass es den STANDARD in 20 Jahren noch geben wird, darauf würde ich schon Wetten abschließen.

STANDARD: Ihre Dissertation handelt von Quereinsteigern in der Politik. Bei fast jedem Online-Artikel, in dem Sie erwähnt werden, findet man Kommentare wie "Armin Wolf for President".

Wolf: Das ist nett, aber das kann ich ausschließen. Das wusste ich schon, bevor ich meine Dissertation über Quereinsteiger in der Politik geschrieben habe. Und seit ich mich wissenschaftlich damit beschäftigt habe, weiß ich ganz sicher, dass ich das nicht kann.

STANDARD: Würde es Sie reizen, eine abendliche Talkshow à la Larry King oder David Letterman im ORF zu haben?

Wolf: Larry King und David Letterman sind zwei sehr verschiedene Sachen. Larry King würde mich nicht besonders reizen, weil mich das Showgeschäft nicht wirklich interessiert. Das Interviewen von Hollywood-Sternchen ist nichts, was mich besonders reizt. Und für David Letterman bin ich nicht lustig genug. Ich bin politischer Journalist - und das mit großer Leidenschaft.

STANDARD: Ist Infotainment für Sie undenkbar?

Wolf: Eine der besten Nachrichtensendungen, die ich kenne, ist die Daily Show mit Jon Stewart. Das ist eine Comedy-Show, eine Fake-News-Show, aber sehr politisch und informativ. Ich habe nichts dagegen, wenn politische Information unterhaltsam ist. Gelegentlich versuche ich das ja auch am Ende der ZiB 2 - aber eben zum Schluss, nach den seriösen Nachrichten. Unterhaltung als Selbstzweck interessiert mich nicht. Als Konsument schon, aber nicht, das selber zu machen. Das können andere besser. (Darius Djawadi, DER STANDARD, 20.2.2013)

Armin Wolf (46) begann 1985 im ORF-Landesstudio. Seit 2002 moderiert der gebürtige Innsbrucker das abendliche Nachrichtenmagazin "ZiB 2".

Am 25. Februar erscheint Armin Wolfs Buch "Wozu brauchen wir noch Journalisten?". Es basiert auf seinen Theodor-Herzl-Vorlesungen an der Uni Wien im Sommersemester 2012. Erschienen im Picus-Verlag, 144 Seiten, 14,90 Euro.

  • Der Hype um seine Person stört Armin Wolf nicht, solange er junge Leute dazu bringt, politische Nachrichten zu schauen.
    foto: standard/corn

    Der Hype um seine Person stört Armin Wolf nicht, solange er junge Leute dazu bringt, politische Nachrichten zu schauen.

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