Ein Glas für Dalí

26. Februar 2013, 16:52
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Modernes Glas ist bruchfest, biegsam oder färbt sich auf Knopfdruck dunkel wie eine Sonnenbrille. Das verändert die Gestalt von Elektronikgeräten und das Gesicht ganzer Städte, weiß Susanne Donner.

Nur einmal soll ein Handwerker im alten Rom ein unverwüstliches Glas erfunden haben. Er schenkte Kaiser Tiberius eine Vase aus dem Material und warf sie vor seinen Augen auf den Boden. Das Gefäß blieb heil. Doch Tiberius argwöhnte, seine Vorräte an Silber und Gold würden an Wert verlieren, und ließ den Erfinder töten. Niemand weiß, ob diese Legende tatsächlich stimmt.

Aber nach Jahrhunderten der Entwicklung ist es wieder so weit: Modernes Glas hält einer Gewehrkugel Stand, ebenso der Hitze einer Feuersbrunst. Tausende unterschiedliche Rezepturen des Werkstoffs kursieren weltweit. "Die Vielfalt der Gläser ist noch lange nicht ausgeschöpft", so Chemiker Lothar Wondraczek von der Universität Erlangen. Hersteller machen den Werkstoff neuerdings biegsam wie Draht, stabil wie Beton und bunt wie Kunststoff. Sogar heizen und dimmen lässt sich das transparente Material.

Das Mauerwerk der Zukunft

"Glas als tragender Baustoff statt Mauerwerk - das ist der große Trend", sagt Bernhard Feigl, Geschäftsführer des Bregenzer Unternehmens Glas Marte. Den Neubau des Schweizer Pharmariesen Novartis in Basel bestückte Glas Marte mit gigantischen Glaselementen für eine durchsichtige Fassade. Das Dach ruht nur auf Glas ohne zusätzliche Stützen aus Metall. Im Inneren führen vier Glastreppen abwärts. Wie die meisten österreichischen Glasverarbeiter fertigt Glas Marte fast nur noch Konstruktionen aus Dreifachglas. "In Österreich haben wir schon rund 80 Prozent Dreifachverglasung erreicht - weit mehr als in Deutschland", so Feigl. Das dreilagige Glas isoliert ähnlich gut wie Mauerwerk. Während der lichtdurchlässige Werkstoff einst im Winter die Wärme entweichen ließ und die Heizkosten nach oben trieb, räumt die moderne Variante mit diesem Nachteil auf. Sie strahlt die Wärme nach innen ab und lässt die wärmenden Anteile des Sonnenlichtes nur begrenzt hinein. Dadurch bleibt es im Inneren behaglich.

Das Ende der Jalousie

Gegenwärtig arbeiten die Hersteller vor allem an intelligenten Gläsern: "Sonnenschutz, Hologramme, verschiedene Farb- und Lichtspiele. Da ist viel zu erwarten", weiß Feigl. Sein Unternehmen testet zurzeit die Haltbarkeit von dimmbaren Scheiben. Auf Knopfdruck färben sie sich dunkel wie eine Sonnenbrille. Das verhindert, dass sich Büros oder Wohnzimmer aufheizen. Jalousien werden überflüssig.

Das europaweit erste dimmbare Glas fertigt die Firma E-Control in Plauen. Ein Start-up, das vor wenigen Jahren gegründet wurde. Für das neue Werk im westungarischen Szentgotthárd hat Opel eine Fertigungshalle mit dem dimmbaren Glas ausstatten lassen. Es sind metallische Zusätze und chemische Beschichtungen, die dem Glas Intelligenz einhauchen. Der französische Hersteller Saint-Gobain, der im Jahr knapp 38 Milliarden Euro umsetzt, bezeichnet sich als Weltmarktführer in diesem Segment. Im Portfolio hat er neuerdings Gläser, die auf Knopfdruck die Farbe wechseln, die wahlweise milchig oder klar werden oder aber heizen. Die wärmenden Scheiben sind speziell für Wintergärten gedacht, die so keine zusätzlichen Heizkörper benötigen.

Gegenwärtig arbeiten Solar- und Glashersteller Hand in Hand, um im nächsten Schritt Solarzellen und Fenster zu verschmelzen. "So würden gläserne Häuser zu Kraftwerken und können Strom ins Netz einspeisen", erklärt Wondrazcek. Prototypen von durchsichtigen Solarzellen existieren bereits.

Glas, das sich falten lässt

Vor allem die Informationstechnik hat die Materialentwicklung auf dem Gebiet in den vergangenen Jahren massiv beschleunigt. Mobile Elektronikgeräte, ob Computer oder Mobiltelefone, aber auch Flachbildschirme von Fernsehgeräten sind mit hauchdünnen Gläsern geschützt, die aber oft auch durch Berührung Bedienfunktionen innehaben.

Kaum überrascht es dabei, dass es Steve Jobs war, der Glas in die Elektronikindustrie holte. Er wollte für seine iPhones und iPads eine gläserne Oberfläche. Denn Glas ist viel robuster gegenüber Schrammen und wird im Laufe der Zeit nicht trüb wie Kunststoff. So stachelte Jobs seinerzeit das US-Unternehmen Corning dazu an, hauchdünnes und extrem kratz- und bruchfestes Glas zu entwickeln. Das neue Material wurde unter dem Handelsnamen Gorilla weltberühmt. Mehr als 30 Hersteller von Netbooks, Smartphones und Tablets setzen es heute ein.

Das gläserne Mobiltelefon

Der deutsche Konkurrent Schott aus Jena setzte nach und produziert ebenfalls hauchdünnes stabiles Bildschirmglas. Es lässt sich sogar bei 500 Grad Celsius in eine beliebige Form biegen. Smartphones, die sich ums Handgelenk schmiegen, wären damit möglich. Nur bei Raumtemperatur ist der Werkstoff bisher noch starr. In den Laboren warten allerdings alle namhaften Glashersteller schon mit Varianten auf, die auch im kalten Zustand biegsam bleiben. Denn: "Glas, das sich rollen und falten lässt, ist der nächste große Trend", so Klaus Schneider, Geschäftsführer der Spezialglaswerke Schott in Jena.

Doch dafür müssen auch Batterien und elektronische Bauteile biegsam werden. Die elektrischen Kontakte dürfen bei Bewegung nicht unterbrochen werden. Das hat die Elektronikindustrie noch nicht im Griff. Bis das gläserne Mobiltelefon sich knautschen und krümmen lässt, werden laut Schneider noch gut zehn Jahre vergehen. (Susanne DOnner, Rondo, DER STANDARD, 22.2.2013)

  • Hoch oben auf einem Dach findet sich der Thinktank einer Werbeagentur in Bregenz, gefertigt vom Glasspezialisten Glas Marte - die Architektur stammt von Dorner und Matt.
    foto: glas marte

    Hoch oben auf einem Dach findet sich der Thinktank einer Werbeagentur in Bregenz, gefertigt vom Glasspezialisten Glas Marte - die Architektur stammt von Dorner und Matt.

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