Schwedisch für Fortgeschrittene

21. Februar 2013, 17:00
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Mode aus Schweden ist zum Erkennungszeichen für hippe Zeitgenossen geworden. Warum das so ist, erfuhr Stephan Hilpold bei einem Besuch bei J. Lindeberg in Stockholm

Es ist ungemütlich an diesem Nachmittag in Stockholm. Im Wasser treibt das Eis, feiner Nieselregen hängt über der Stadt. Dicke Wintermäntel sind trotzdem wenige zu sehen. Die Mittzwanzigerinnen, die sich zum Champagnertrinken in dem alten Backsteingebäude eingefunden haben, tragen bereits die ersten Teile aus den neuen Frühlingskollektionen. Quietschebunte Oversize-Pullis, flattrige Röcke zu Stilettos mit Stulpen drüber. Designerstücke aus Mailand und Paris sind wenige darunter. Die schwedischen Modejournalistinnen, die Bloggerinnen und Streetstyle-Fotografinnen vertrauen auf ihre eigenen Labels.

Mode aus Schweden ist in den vergangenen Jahren auch abseits von H&M zu einer Trademark geworden. Deutlich abgehoben von den großen Designermarken und doch anders positioniert als die vielen Billigmodeketten, haben sie eine Nische besetzt, in der es um Coolness genau so wie um Leistbar- und Tragbarkeit geht. "In Schweden muss alles einen Zweck erfüllen", ist Jessy Heuvelink überzeugt. Der 35-jährige Niederländer kam vor acht Jahren nach Stockholm und arbeitet seitdem bei J. Lindeberg: in der Anfangszeit noch unter dem genauso chaotischen wie legendären Gründer der Marke Johan Lindeberg, später als Chefdesigner unter dem neuen Eigentümer Stefan Engström.

Rockstars' most loved

J. Lindeberg ist eine jener Marken, die den Ruf der schwedischen Mode außerhalb der kleinen skandinavischen Welt mitgeprägt haben. Lange Zeit war die Marke für ihre hautengen Jeans bekannt, in die sich mit Vorliebe amerikanische Rockstars zwängten. Bevor Johan Lindeberg 1996 sein eigenes Label gründete, betreute er für viele Jahre den amerikanischen Markt für die italienische Jeansmarke Diesel. Den Used- und Destroyed-Look tauschte er mit einem nüchterneren, aber mindestens genau so hippen Rock-'n'-Roll-Stil ein. Skandinavien meets Los Angeles, und mit diesem Look fuhr die Marke lange ziemlich gut. Erst als sie Mitte der Nullerjahre immer weitere Unterlinien auf den Markt brachte und sich in finanzielle Turbulenzen brachte, zog der neue Eigner Engström die Reißleine und führte das Unternehmen wieder näher an den Mainstream. Johan Lindeberg dagegen machte sich auf nach Amerika, wo er erst zusammen mit Justin Timberlake dessen Linie William Rast betreute und im vergangenen Jahr dann die Jeansbrand BLK DNM gründete.

J. Lindeberg hat, wenn man so will, alle Ingredienzien, die schwedische Modemarken aus der großen, weiten Welt der gehobenen Mittelpreismarken herausstechen lassen: ein bisschen "edgy", aber nicht zu viel, nicht ganz billig, aber dennoch leistbar, jung, aber nicht pubertär. "Skandinavier haben ein ausgesprochenes Trendbewusstsein", ist Designer Jessy Heuvelink überzeugt. "Der Nachteil dabei ist, dass das leider oft einen ziemlichen Einheitsbrei ergibt."

Schwedenlook als Trendsetter

Dieser ist auf den Straßen Stockholms derzeit ganz gut zu studieren. Der Schwedenlook, der momentan in ist, schreib kürzlich der britische Independent, schaut in etwa so aus: "Lange Haare, androgyn, eine Spur Schneiderkunst, ein bisschen Grunge und dazu einen Ankle Boot." Größere Marken wie Tiger of Sweden oder die zu H&M gehörende Indiefirma Cheap Monday setzen auf ihn genau so wie kleinere Labels wie Whyred oder Carin Wester. Auch J. Lindeberg ist davon nicht allzu weit entfernt. Seitdem Stefan Engström im Unternehmen das Sagen hat, kommt der Look aber etwas gesetzter daher - und auch etwas funktionaler.

"Ein Spezifikum der schwedischen Mode ist ihre Nähe zum Sport und zur Natur", sagt Engström: "Bei J. Lindeberg ist das sogar noch stärker ausgeprägt als bei anderen Marken." Neben der Männerlinie (eine Frauenlinie kam später dazu, wurde wieder eingestellt und entsteht gerade neu) gehörte eine Ski- und eine Golflinie von Anbeginn an zum Sortiment. Für Engström waren sie mit ausschlaggebend, bei dem Unternehmen einzusteigen - schließlich war er einer der Gründungsmitglieder der Outdoormarke Peak Performance. "Heute geht es darum, Sport- und Alltagskleidung zu fusionieren", ist er überzeugt.

Hommage an die Stadtbibliothek

Was das bedeutet, kann man einige Stunden später im riesigen Backsteingebäude direkt neben dem Fähranlegehafen beobachten. Im ehemaligen königlichen Zollgebäude ist das imposante Fotografiemuseum der Stadt untergebracht - und das Hauptquartier von J. Lindeberg. Vor einer überschaubaren Menge von in erster Linie schwedischen Journalistinnen zeigt Jessy Heuvelink die kommende Winterkollektion: eine Hommage an die von Architekt Erik Gunnar Asplund gebaute modernistische Stadtbibliothek in Stockholm. Das Stiegenhaus oder die riesigen Fenster inspirierten den Designer zu einer strukturierten, sich auf die traditionelle Schneiderkunst beziehenden Kollektion. Die Silhouette leicht oversized, die Schultern hängend, die Männeroutfits relativ klassisch, jene der Frauen mit einem Schuss Rock 'n' Roll.

Die interessantesten Aspekte der Kollektion liegen in ihren Details: Anzüge sind wasserdicht, Blazers und Hosen in Steppoptik und mit Daunen gefüllt, Lederjacken haben Nyloninserts, Mäntel und Jacken windundurchlässige Beschichtungen. Auf dem Höhepunkt der Modeschau schippert vor dem Fenster des Backsteingebäudes ein riesiges Fährschiff vorbei. Früher einmal war Schweden eine Seefahrernation - vielleicht wird man das Land schon bald als Modenation bezeichnen können. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 22.2.2013)

  • Die Wurzeln der Marke liegen im Grunge der Neunziger, heute gibt sie sich aber relativ klassisch: Peter Lindbergh hat die neue Kampagne von J. Lindeberg geschossen.
    foto: hersteller/peter lindberg

    Die Wurzeln der Marke liegen im Grunge der Neunziger, heute gibt sie sich aber relativ klassisch: Peter Lindbergh hat die neue Kampagne von J. Lindeberg geschossen.

  • CEO Stefan Engström (links) und Designer Jessy Heuvelink.
    foto: hersteller/peter lindberg

    CEO Stefan Engström (links) und Designer Jessy Heuvelink.

  • Outfit der aktuellen J. Lindeberg Kampagne.
    foto: hersteller/peter lindberg

    Outfit der aktuellen J. Lindeberg Kampagne.

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