Schiedsrichter darüber, was islamisch ist

Kopf des Tages19. Februar 2013, 19:49
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Ägyptens Großmufti Shawki Ibrahim Abdel Karim Allam

In einer Kultur, in der das Alter prinzipiell mehr Wertschätzung erfährt als in unserer, ist so eine Begrenzung eher unüblich: Um sich um das Amt des Großmuftis in Ägypten - des höchsten islamischen Juristen - zu bewerben, muss Mann unter sechzig Jahre alt sein. Der neue, Shawki Ibrahim Abdel Karim Allam, ist 55. Vor einer guten Woche haben ihn Islamgelehrte von Al-Azhar aus ihren Reihen gewählt, nun hat ihn Präsident Mohammed Morsi bestätigt.

Dieses Procedere ist neu, bisher wurde der Großmufti vom Präsidenten bestimmt – und musste mit dem Makel des Regimegünstlings herumlaufen. In den Mubarak-Jahren hat dies jedoch immer zu Ernennungen von "Moderaten" geführt. Vor der neuen Mufti-Wahl war die Nervosität dementsprechend groß. Die Institution Al-Azhar (theologische Hochschule und Moschee) stand zwar traditionell der 1928  gegründeten Muslimbruderschaft durchaus kritisch gegenüber. Aber die Differenzen sind heute verwischt - ein verbindendes Element ist der in Katar ansässige ägyptische TV-Prediger Yussuf al-Qaradawi. Deshalb wurde spekuliert, dass Abdel Rahman al-Bar, der einer der Muslimbruder-"Zellen" in Al-Azhar zugerechnet wird, zum Zug kommen könnte - was unweigerlich zu neuen Straßenprotesten geführt hätte.

Über Allam, den 19. auf dem im Jahr 1895 eingeführten Posten, lässt sich noch nicht viel sagen: Er war bisher Ordinarius des Instituts für Islamisches Recht an der Al-Azhar-Filiale in Tanta. Sein Doktorat erwarb er 1996 auf der Al-Azhar - auch das ist Voraussetzung für eine Bewerbung. Er ist Autor mehrerer Bücher, eines beschäftigt sich mit der Frage der pränatalen Geschlechtsbestimmung im islamischen Recht.

Der "alte" Großmufti Ali Gomaa geht Anfang März mit 61. Er hatte vorigen April Empörung ausgelöst, als er die Al-Aqsa-Moschee besuchte - was ihm als Anerkennung der israelischen Besetzung Ostjerusalems ausgelegt wurde. Der Großmufti - dessen Aufgabe es ist, Rechtsgutachten (Fatwas) zu erstellen - wird deshalb in Ägypten eine politisch wichtigere Rolle spielen als früher, weil in der neuen Verfassung jene von Al-Azhar aufgewertet ist: als Schiedsrichter darüber, was mit den "Prinzipien der Scharia", wie es in der Verfassung heißt, vereinbar ist und was nicht. Zwar ist der Posten nun nicht mehr allein Domäne des Präsidenten, aber es ist zu befürchten, dass sich in Zukunft die verschiedenen sunnitischen Gruppen und Strömungen dar um reißen werden. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 20.2.2013)

  • Shawki Ibrahim Abdel Karim Allam
    foto: standard

    Shawki Ibrahim Abdel Karim Allam

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