Häuser mit kleinerem Fußabdruck

Interview19. Februar 2013, 18:56
1 Posting

Bei der Umstellung auf nachhaltiges Bauen ist es mit ein paar Quadratmetern Kollektorfläche auf dem Dach nicht getan - Warum, das erklärte Johanna Pucker, Energieexpertin von Joanneum Research, Doris Griesser

STANDARD: "Grünes Bauen" gehört mittlerweile zum guten Ton in der Architektur. Die Häuser der Zukunft sollen dabei von Treibhausgasschleudern und Energieverbrauchern zu Energieproduzenten werden. Wie beurteilen Sie diese Ambitionen?

Pucker: Ausgehend von energieeffizienten Gebäuden wie Niedrigenergie- und Passivhäusern wurden in den letzten Jahren Forschungsarbeiten und Demonstrationsprojekte zu Plus-Energie-Gebäuden und treibhausgasneutralen Gebäuden durchgeführt. Bei Niedrigenergie- und Passivhäusern geht es primär darum, die Wärmeverluste des Gebäudes zu minimieren und so den Energiebedarf zur Gebäudebeheizung möglichst gering zu halten. Bei Plus-Energie-Gebäuden soll durch den Einsatz von nachhaltigen Energietechnologien mehr Energie erzeugt werden, als die Bewohner über einen bestimmten Zeitraum benötigen.

STANDARD: Wie wird diese Energie erzeugt?

Pucker: Meistens bezieht sich das auf die Erzeugung von Strom aus Photovoltaik-(PV-) oder Kleinwindkraftanlagen. Der Beobachtungszeitraum beträgt ein Jahr. Das bedeutet, dass es auch zu Situationen kommt, in denen das Gebäude Strom aus dem Stromnetz bezieht. Allerdings sollte über ein Jahr gesehen mehr Strom erzeugt als verbraucht werden. Geht man noch einen Schritt weiter, muss man in diese Betrachtung auch den Wärmebedarf, das Mobilitätsverhalten und den Energiebedarf für die Errichtung und den Abbruch des Gebäudes mit aufnehmen.

STANDARD: Welche Voraussetzungen muss ein Gebäude erfüllen, um überhaupt so viel Energie produzieren zu können?

Pucker: Ein wesentlicher Faktor für Plus-Energie-Gebäude ist die zur Verfügung stehende Gebäudefläche für die Energieerzeugung. Denn für eine ausreichende Gewinnung von Strom durch PV-Anlagen oder die Wärmeerzeugung mittels solarthermischer Kollektoren braucht man entsprechend große Flächen. Geschoßwohnbauten oder Mehrfamilienhäuser, die aufgrund der Gebäudegeometrie geringere Wärmeverluste als Einfamilienhäuser haben, sind hier benachteiligt, weil der Energiebedarf im Verhältnis zur Gebäudefläche, die für die Energieproduktion zur Verfügung steht, höher ist. Deshalb muss das Gebäude grundsätzlich einen möglichst geringen Wärme- und Strombedarf haben. Erst dann ist es sinnvoll zu überlegen, ob und wie Energie am Gebäude erzeugt werden kann.

STANDARD: Wie funktionieren treibhausgasneutrale Gebäude?

Pucker: Diese bauen auf dem Konzept von Plus-Energie-Gebäuden auf. Zusätzlich zur Energiebilanz werden hier aber auch die Treibhausgasemissionen des Gebäudes bei Errichtung, Betrieb und Abbruch berücksichtigt. Von einem treibhausgasneutralen Gebäude spricht man erst, wenn die Treibhausgasemissionen, die man durch den Einsatz erneuerbarer Energieträger vermeidet, genauso hoch sind wie die verursachten Emissionen.

STANDARD: Muss man Abstriche beim Wohnkomfort machen?

Pucker: Das Schweizer Qualitätslabel für Gebäude, Minergie, zeigt, dass es möglich ist, den Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen bei gleichbleibendem Nutzerkomfort stark zu reduzieren. Die Leitgröße zur Bewertung der geforderten Bauqualität ist der spezifische Energieverbrauch. Für den Standard "Minergie-P" beispielsweise muss man die Kennzahl für Wärme von 30 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr erreichen, und es dürfen nur Haushaltsgeräte einer hohen Energieeffizienzklasse eingesetzt werden.

STANDARD: Wie weit liegen die Investitionskosten über den Kosten eines herkömmlichen Hauses?

Pucker: In einem aktuellen Forschungsprojekt von Joanneum Research wurde errechnet, dass für ein treibhausgasneutrales Gebäude bei Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus und einer Ausstattung mit PV-Anlagen zur Erzeugung von Überschussstrom Zusatzinvestitionen von mindestens 20 Prozent der Gebäudeerrichtungskosten anfallen. Den erhöhten Investitionskosten stehen Ersparnisse durch einen geringeren Strombezug bzw. Erlöse aus dem Stromverkauf bei Einspeisung des Überschussstroms gegenüber.

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei der Standort?

Pucker: Der Standort ist in vieler- lei Hinsicht von Bedeutung. Die Möglichkeit, etwa Kleinwindkraftanlagen zur Energieerzeugung einzusetzen, ist natürlich stark von den Windverhältnissen am jeweiligen Standort und den gesetzlichen Vorgaben für die Installation dieser Anlagen abhängig. Bei der Nutzung von Solarenergie ist es wichtig, auf die Gebäudeausrichtung zu achten.

STANDARD: Können Plus-Energie- und treibhausgasneutrale Gebäude überhaupt ohne entsprechende Experten geplant werden?

Pucker: Nein, aber auch während des Betriebs ist eine fachgerechte Wartung und Kontrolle der eingesetzten Haustechnik wichtig. (Doris Griesser, DER STANDARD, 20.01.2013)


Johanna Pucker ist seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Joanneum Research im Bereich Resources - Institut für Wasser, Energie und Nachhaltigkeit. Die vorgestellten Ergebnisse wurden im Projekt " Ökoplus Komplex" erarbeitet, das im Rahmen der Programmlinie des Verkehrsministeriums "Haus der Zukunft Plus" durchgeführt wurde. Pucker spricht am 27. 2. (14.15 Uhr) auf der Tagung "World Sustainable Energy Days" in Wels.

  • Der Einsatz von Photovoltaikanlagen soll dazu beitragen, Gebäude treibhausneutral zu machen.
    foto: reuters

    Der Einsatz von Photovoltaikanlagen soll dazu beitragen, Gebäude treibhausneutral zu machen.

  • Johanna Pucker: "Man muss den kompletten Lebenszyklus eines Gebäudes in Betracht ziehen."
 
    foto: privat

    Johanna Pucker: "Man muss den kompletten Lebenszyklus eines Gebäudes in Betracht ziehen."

     

Share if you care.