Vassilakou: "Olympische Spiele per se sind nicht das Problem"

Interview20. Februar 2013, 05:30
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Wer glaubt, Sommerspiele in Wien wären der Vizebürgermeisterin nicht grün, liegt falsch

Die Stadt könnte bei guter Planung von Olympischen Spielen profitieren, sagt Maria Vassilakou, die sich an Barcelona, aber auch an Athen orientieren will.

STANDARD: Der Bürgermeister propagiert Olympische Sommerspiele 2028 in Wien. Wie steht, anlässlich der Volksbefragung im März, die grüne Vizebürgermeisterin dazu, wie verträgt sich eine Megabaustelle in spe mit grünen Werten?

Vassilakou: Zunächst einmal - ich gehe stark davon aus, dass Wien diese Aufgabe nicht alleine stemmen, sondern Kooperationen suchen würde.

STANDARD: Etwa mit Bratislava?

Vassilakou: Das könnte eine Variante sein.

STANDARD: Dann wäre die Baustelle vielleicht halb so groß, aber immer noch mega.

Vassilakou: Ich sehe Olympia als Chance für die Stadt. Wir haben sehr viel vor in den nächsten Jahren. Die Wiener Stadtbevölkerung wächst jedes Jahr um gut 20.000 Menschen. Die brauchen Wohnraum, Arbeitsflächen, Freizeiteinrichtungen, Kindergärten, Schulen.

STANDARD: Für Olympia wären vor allem sehr große Stadien und Hallen zu errichten.

Vassilakou: Aber auch Wohnanlagen für Tausende Menschen. Diese Wohnanlagen und auch verschiedene Hallen müsste man natürlich so bauen, dass sie nachher genützt werden können.

STANDARD: Wäre es - angesichts des Londoner Olympiabudgets von knapp 15 Milliarden Euro - klüger, jenes Geld, das nur die Bewerbung kostet, in die Errichtung von Wohnungen und vielleicht gar in Sportinfrastruktur zu stecken?

Vassilakou: Die Ausrichtung der Spiele würde natürlich eine Mega-Anstrengung bedeuten. Aber es tut einer Stadt nicht schlecht, wenn sie von Zeit zu Zeit bewertet wird. Olympia wäre ein solches Datum, an dem man etwas vorlegen muss. Wien wäre für mehrere Wochen im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit, Wien könnte sich als besondere Stadt präsentieren - eine riesige Chance.

STANDARD: Inwiefern besonders könnte oder sollte sich Wien präsentieren?

Vassilakou: Zum Beispiel als Welthauptstadt in ökologischen Fragen oder Klimaschutzfragen.

STANDARD: Fahren nicht gerade mit solchen Plänen die Veranstalter von Großevents regelmäßig ein? Jüngstes Beispiel war die Ski-WM in Schladming.

Vassilakou: Natürlich sind Großveranstaltungen kritisch zu betrachten. Aber am Ende einer solchen Betrachtung muss kein Nein herauskommen. Das Um und Auf ist doch die Frage der Nachnutzung. Wie kann ich eine Anlage oder ein Areal später noch verwenden, oder wie kann ich etwas rasch wieder abbauen? Barcelona mit den Sommerspielen 1992 hat diesbezüglich echte Maßstäbe gesetzt.

STANDARD: Inwiefern?

Vassilakou: Dort wurden vor den Olympischen Spielen viele städtebauliche Probleme behoben. Ein ganzes Stadtviertel hat ein neues Antlitz bekommen. Gebäude, die für die Spiele errichtet wurden, wurden nachher in Wohnhäuser oder Schulen verwandelt. Barcelona war der Beweis dafür, dass man mit Olympischen Spielen einen ganzen Stadtteil forcieren kann, wenn man nur von Anfang an mit großer Anstrengung richtig entwickelt.

STANDARD: Wo befindet sich in Wien ein solcher Stadtteil? Würde Olympia nicht eher helfen, einen neuen Stadtteil wie, sagen wir, die Seestadt Aspern hochzuziehen?

Vassilakou: Es gibt etliche Erweiterungspotenziale, und ein potenzieller Schwerpunkt liegt wohl jenseits der Donau. Und es gibt Stadtteile, die jetzt schon Aufwertung brauchen, wo es sich lohnen würde zu investieren, um jenen Menschen, die dort leben und arbeiten, mehr Qualität zu bieten. Nehmen wir, nur zum Beispiel, das Zentrum Kagran her. Jeder weiß, dass man dort den öffentlichen Raum aufwerten, mehr Platz für Fußgänger schaffen muss. Auch für solche Stadtteile kann eine olympische Gesamtanstrengung eine Chance bedeuten.

STANDARD: Sie haben Barcelona als Beispiel gebracht, ich bringe Athen. Viele Menschen meinen, die Olympischen Spiele 2004 hätten den wirtschaftlichen Niedergang Griechenlands stark beschleunigt. Sehen Sie das anders?

Vassilakou: Ich war absolut dafür, dass Athen die Spiele veranstaltet. Und ich ziehe immer noch eine positive Bilanz. Die Spiele haben Athen viel gebracht - Fußgängerzone, Verlinkung antiker Stätten, Sanierung vieler historischer Gebäude. Auf vielen öffentlichen Plätzen in Athen herrschte früher Autochaos, durch Olympia ist die Lebensqualität gestiegen, es wurde begrünt. Ohne Olympia wäre die Metro wahrscheinlich immer noch in Konstruktion. Die Spiele waren ein immenser Modernisierungsschub für Athen.

STANDARD: Die Spiele haben aber auch immense Kosten gebracht.

Vassilakou: Wie so oft in Griechenland gab es auch viel Missmanagement. Etliche Bauten verrotten nun, weil man sie als permanente Anlagen errichtet hat. Auch der Naturschutz wurde oft missachtet. Was Athen betrifft, so könnte Wien sich sowohl an den Chancen orientieren, die dort genützt wurden, als auch aus den Fehlern lernen, die dort begangen wurden. Olympische Spiele per se sind nicht das Problem, das Problem ist die Art und Weise, wie Städte damit umgehen.

STANDARD: Sie würden Wien den richtigen Umgang zutrauen?

Vassilakou: Das klingt aus meinem Mund vielleicht wie ein Oxymoron. Aber Großveranstaltungen gehören zu unserem Leben und zu unserer Zeit. Olympia wäre eine schöne Herausforderung, in den Augen einer Grünen eine ganz besondere Herausforderung. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 20.2.2013)

Maria Vassilakou (43), gebürtige Athenerin, lebt seit 1986 in Wien. Ab 1996 saß sie für die Grünen im Gemeinderat, seit 25. November 2010 ist sie Wiener Vizebürgermeisterin. 

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    Beim Vienna City Marathon gehen jedes Jahr einige der weltbesten Langstreckenläufer an den Start. 2028 könnte in Wien auch ein olympischer Marathon zur Disposition stehen.

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    Es tut einer Stadt nicht schlecht, wenn sie von Zeit zu Zeit bewertet wird, sagt Maria Vassilakou.

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