"Ein unvermeidliches Paar"

19. Februar 2013, 18:15
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Deutsch-französische Einigkeit auch in EU-27 zentral

Wien - Der Geist des Élysée-Vertrages wird zwar nicht mehr von großer gegenseitiger Leidenschaft ausgefüllt, das deutsch-französische Verhältnis arbeitet aber auch 50 Jahren nach der Unterzeichnung des Übereinkommens noch immer als Katalysator europäischer Entscheidungsfindung. So lautete jedenfalls Montagabend der Tenor bei einer von Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid moderierten Podiumsdiskussion zur Beziehung der beiden Staaten in der deutschen Botschaft in Wien.

Vielleicht sei die europäische Einigung in den vergangenen Jahren "zu politisch" geworden, meine etwa Jacques-Pierre Gougeon, Historiker der deutsch-französischen Beziehungen am renommierten Institut de relations internationales et stratégiques (Iris) in Paris. Wichtig sei es daher vor allem, die Jugend wieder stärker mitzureißen, etwa durch das Lernen der jeweils anderen Sprache, so Gougeon.

Gemeinsames Geschichtsbuch

Ein jüngst erstmals erschienenes gemeinsames deutsch-französisches Geschichtsbuch sei daher "eine europäische Großtat", sagte der Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien, Oliver Rathkolb. Um das volle Potenzial der europäischen Einigung auszuschöpfen, brauche es aber auch in anderen Gebieten "eine politische Großanstrengung".

Für problematisch hält Gougeon den Hang, immer noch in alten Interessensphären zu denken. So sei etwa die von der Regierung des französischen Präsidenten Nikolas Sarkozy geplante Mittelmeerunion - "an sich ein interessantes Projekt" - vor allem daran gescheitert, dass Frankreich davon ausgegangen sei, "dass dieser Teil der Welt nur Frankreich betreffen kann". Entsprechend unvorbereitet sei die Regierung in Berlin dann auch auf den Vorschlag gewesen.

Besonders in der Außen- und Sicherheitspolitik brauche es daher auch eine weiter verstärkte Koordination, meinte der Leiter des EU-Ausschusses im deutschen Bundestag, Gunther Krichbaum (CDU), der das französische Vorpreschen in Libyen und Mali als Beispiel nannte. Dass Frankreich über Deutschlands geringe Beteiligung am Mali-Einsatz enttäuscht sei, glaubt Krichbaum hingegen nicht - immerhin sei sein Land, anders als Frankreich, auch noch anderswo, vor allem in Afghanistan, im Einsatz.

Das Verhältnis der beiden Staaten sei jedenfalls auch in der vergrößerten EU der 27 immer noch zentral - und das liege nicht mehr nur an ihrer wirtschaftlichen oder politischen Bedeutung, sondern vor allem an ihrem Selbstverständnis als Impulsgeber für neue Entwicklungen. In diesem Sinne sei die Beziehung auch weder als reine Vernunftehe noch als Liebesheirat zu sehen - Deutschland und Frankreich hätten sich vielmehr als "unvermeidliches Paar" erwiesen, sagte der frühere französische Finanzminister Hervé Gaymard. (mesc, DER STANDARD, 20.2013)

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