Rückkehr in die nordische Normalität

19. Februar 2013, 18:23
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Siebenmal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze gab's bei der WM 2011 in Oslo für Österreich. Das spielt es im Val di Fiemme sicher nicht. Die Zeiten, vor allem im Skispringen, haben sich geändert

"Es gibt solche Krisen, und es gibt solche Krisen", sagt Ernst Vettori, angesprochen auf den gegenwärtigen Zustand der österreichischen Skispringerei. Die Ansprache des Sportdirektors für Sprunglauf und Kombination im Skiverband ist angebracht vor der nach 1991 und 2003 dritten WM im Val di Fiemme, die am Mittwoch gewiss festlich und ebenso gewiss anders eröffnet wird als jene der Alpinen 16 Tage zuvor in Schladming.

Warum der Zustand der sogenannten Adler und Adlerinnen so wichtig ist für das nordische Glück des ÖSV im Allgemeinen und das des Sportdirektors im Besonderen, ist leicht erklärt. Schließlich haben sie vor zwei Jahren auf dem Holmenkolmen zu Oslo alle WM-Goldmedaillen geholt - jeweils im Einzel und im Team auf der Normal- und der Großschanze sowie auch im Einzel der Damen.

Das kann es im "Trampolino dal Ben" genannten Schanzenkomplex des Städtchens Predazzo, das gemeinsam mit dem Langlauf-Zentrum Lago di Tesero und dem Fleimstaler Verwaltungssitz Cavalese bis 3. März die WM beherbergt, unmöglich spielen. Schon alleine, weil es für die Herren den Teambewerb auf der Normalschanze nicht mehr gibt. Er wird ersetzt durch einen Mixedbewerb für Damen und Herren, in dem Österreich durch den verletzungsbedingten Ausfall der Weltmeisterin von Oslo, Daniela Iraschko, und das Fehlen einer zweiten starken Skispringerin neben der aktuellen Weltcup-Vierten Jacqueline Seifriedsberger chancenlos ist.

Zu Iraschkos Pech schlug sich in den vergangenen Wochen das Pech, dass in den vergangenen Jahren verlässliche Skisprunggrößen außer Form gerieten (Andreas Kofler) oder nie zu ihrer Form fanden (Thomas Morgenstern, Martin Koch). Resultat ist auch, dass in dieser Weltcup-Saison bei vier Gelegenheiten kein Mannschaftssieg gelang.

Die Nominierung der WM-Teams wird für Coach Alexander Pointner eine Herausforderung. Schon alleine die Entscheidung, Koch nicht ins Trentino mitzunehmen, kam dem erfolgreichsten Skisprungtrainer aller bisherigen Zeiten schwer an. Eine Wahl blieb ihm nicht, weil Kofler zumindest zu Saisonbeginn stark gesprungen war. Dass Morgenstern als Normalschanzenweltmeister automatisch für Val di Fiemme qualifiziert ist, war ein Glück. So konnte der Jungvater getrost etliche Weltcups auslassen, um mit seinem persönlichen Trainer Heinz Kuttin nach der verlorenen Form zu suchen.

Für Vettori ist das alles nur eine Krise, wenn man die gloriose Vergangenheit als Maßstab nimmt. Und für die Gegenwart will der Olympiasieger von 1992, der im Jahr davor, anlässlich der ersten WM im Val di Fiemme, mit dem Team Gold geholt hatte, schon zur Kenntnis genommen wissen, dass ein Österreicher den Weltcup anführt, dass dieser Österreicher, Gregor Schlierenzauer, auch die Vierschanzentournee gewonnen hat und dass im Nationencup ebenfalls noch Österreich, wenn auch verhältnismäßig knapp, an der Spitze sieht.

Schröcksnadels Erwartung

Schlierenzauer ist denn auch für die Springen in Predazzo, wo er anlässlich der Generalprobe im Vorjahr auf dem großen Bakken einmal siegte und einmal Rang zwei belegte, der sicherste österreichische Tipp. Nicht zuletzt an den Stubaier Rekordweltcupsieger denkt ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, wenn er seine Medaillenerwartungen an die Nordischen mit vier Stück beziffert. Das wäre etwas mehr als 2003 (je einmal Gold, Silber und Bronze), etwas weniger als 1991 (dreimal Gold, je einmal Silber und Bronze) und quasi nichts gegen Oslo (siebenmal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze).

Vettori möchte sich nicht festlegen. Seine Kombinierer, die zweimal Teamgold zu verteidigen hätten, das aber eigentlich nicht können, weil der Bewerb von der Großschanze diesmal als Teamsprint mit Duos statt Quartetten angelegt ist, sind schließlich noch schwerer als die Springer einzuschätzen. Immerhin gab es in dieser Saison mit Bernhard Gruber und Christoph Bieler schon zwei Einzelsieger im Weltcup. Und mit Mario Stecher einen Superroutinier, der nach einer Bänderverletzung doch noch rechtzeitig fit wurde für die WM. Leichter einzuschätzen sind die Langläuferinnen und Langläufer von Sportdirektor Markus Gandler. Eine Medaille wäre für sie eine Sensation, bessere Leistungen als in Oslo sind in dieser Sparte, aber eben nur in dieser, Pflicht. (Sigi Lützow aus Predazzo, DER STANDARD, 20.2.2013)

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    Das waren Zeiten. 2011 war Thomas Morgenstern (links) Normalschanzenweltmeister und auf der Großschanze WM-Zweiter hinter Gregor Schlierenzauer. Dazu kamen zwei Teamtitel.

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