Nur Beppe Grillo hat Zulauf

19. Februar 2013, 18:00
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Protestbewegung in Italien lehrt Parteien das Fürchten

Es ist acht Uhr früh, und der Cavaliere zeigt sich in bester Kampflaune. In der Morgensendung  Agorá auf Rai 3 hat der Moderator Mühe, Silvio Berlusconis Redeflut zu bremsen: "In der ersten Sitzung des Ministerrats schaffen wir die Immobiliensteuer ab und erstatten allen Bürgern jene des Vorjahres zurück."

Nur zwei Stunden später klärt der 76-jährige italienische Expremier die verdutzte Chefredakteurin von Rai News über die "erfundene Krise" auf, die ihn zum Rücktritt gezwungen habe: "Es hat nie eine Schuldenkrise gegeben. Ich war das Opfer eines von den Medien verursachten Umsturzes."

Doch Berlusconis Dauerpräsenz in den Medien täuscht. Die Einschaltquoten sind drastisch gesunken. Auf Italiens Straßen und Plätzen nimmt man vom Wahlkampf kaum Notiz. Plakate und Flugblätter sind spärlich und fallen nur in der Lombardei und in Latium auf, wo gleichzeitig Regionalparlamente gewählt werden. Wahlveranstaltungen sind selten und kaum besucht.

Sichtlich irritiert stand Gianfranco Fini, Präsident der Abgeordnetenkammer, am Sonntag in Agrigento vor einem nahezu leeren Saal. Nur der Komiker Beppe Grillo bringt Zehntausende auf die Plätze und lädt die traditionellen Parteien ein, "die Koffer zu packen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden."

Wenige Tage vor den Wahlen am 24./25. Februar wächst die Furcht vor Grillos Fünf-Sterne-Bewegung, dem die Demoskopen bis zu 100 Mandate in der Kammer zutrauen. Ein Resultat nahe der 20-Prozent-Marke könnte im Senat die Bildung einer regierungsfähigen Mehrheit verhindern. Umfragen dürfen nicht mehr publiziert werden. Nach unbestätigten Meldungen führt weiter das Linksbündnis.

Kritisch scheint die Lage für die Zentrumsunion des amtierenden Premiers Mario Monti zu sein. Bleibt sie unter 15 Prozent, könnte sie im Senat ihr Ziel einer Sperrminorität verfehlen. Die Popularität des Ökonomen nimmt seit seinem Einstieg in die Parteipolitik ständig ab. Inzwischen schlägt Monti den früheren EU-Kommissionspräsidenten und Expremier Romano Prodi als Nachfolger von Staatspräsident Giorgio Napolitano vor, dessen Amtszeit im Mai endet. (Gerhard Mumelter aus Rom /DER STANDARD, 20.2.2013)

  • Romano Prodi soll laut Monti Präsident werden.
    foto: standard/matthias cremer

    Romano Prodi soll laut Monti Präsident werden.

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