Fernsehexperiment auf Arte: Cleveland klagt Wall Street

19. Februar 2013, 17:33
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Das Gerichtsverfahren findet statt, nur theoretisch und nur für die Kamera, trotzdem ist alles echt

Die Immobilienkrise hat in Cleveland tiefe Spuren hinterlassen. Rund 100.000 Personen mussten ihre Häuser nach Zwangsenteignungen räumen: Sie hatten ihr Eigenheim über Kredite erworben, die sie irgendwann nicht mehr zurückzahlen konnten. Bis heute werden zwei Familien täglich ihre Wohnsitze los. Die Bürger der Stadt protestieren, mit ihnen der Bürgermeister Josh Cohen: "Die Banken sind unmittelbar schuld an der Krise in Cleveland." Er verklagt sie und will Entschädigungen erwirken. Doch die 21 Banken stellen sich quer, es gibt vorerst keinen Prozess: auf unbestimmte Zeit vertagt.

Echte Anwälte, echte Richter, echte Zeugen

Wie das Verfahren enden hätte können, so es eines gegeben hätte, rekonstruiert der Filmemacher Jean-Stéphane Bron in der Doku Cleveland versus Wall Street. Das Gerichtsverfahren findet statt, nur theoretisch und nur für die Kamera, trotzdem ist alles echt: echte Anwälte, echte Richter, echte Zeugen und rechtmäßig ausgesuchte Geschworene, die am Ende ein Urteil fällen. Der Prozess ist gestellt, erfolgt aber nach geltendem Recht: Was wäre, wenn es ein Verfahren gegeben hätte?

Keine eindeutige Entscheidung

Zeugen werden einvernommen, Banken werden be- und entlastet, Beweise vorgelegt. Der Kreditvermittler Pete Taylor etwa hat sich aus dem Ghetto Clevelands emporgearbeitet, vom Drogendealer zum Kreditvermittler. Wenn er erzählt, wie die Antragsteller bei Fragen der Kreditwürdigkeit offenkundig schwindelten und Banken bewusst mit horrendem Risiko wirtschafteten, sollte der Schuldspruch eindeutig ausfallen. Doch dem Anwalt der Bankenseite gelingt es immer wieder geschickt, die Verantwortung auf die Kreditnehmer abzuwälzen. Zwischendurch verlässt der Regisseur den Gerichtssaal und begleitet Betroffene nach Hause oder fängt Bilder einer Zwangsversteigerung ein. Die betrügerischen Handlungen der Investmentbanken sind nachweisbar, und dennoch diskutieren die Geschwornen am Ende lange und intensiv. Die Entscheidung fällt nicht eindeutig. 21.40, Arte. (Doris Priesching, DER STANDARD, 20.2.2013)

  • Pete Taylor war Kreditvermittler und sagt im inszenierten Verfahren " Cleveland versus Wall Street" aus.
    foto: arte france/les films pellžas/saga production

    Pete Taylor war Kreditvermittler und sagt im inszenierten Verfahren " Cleveland versus Wall Street" aus.

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