Telekom-Prozess: Zur Halbzeit nur Ex-Chef-Sundt entlastet

19. Februar 2013, 16:24
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Am Freitag könnten Urteile fallen - Zeuge sprach von "Wild West-Methoden" an der Wiener Börse

600.000 Euro im Papiersackerl am Naschmarkt übergeben - ein Finanzminister, der die Telekom für das Nulldefizit privatisiert - "Wild West"-Methoden an der Wiener Börse - eine Bank die für einen Tag Veranlagung zwei Monate Zinsen verlangt - Vorstände die nicht viel von der Börse verstanden haben wollen - ein kurspflegender "Weinhändler" und ein isolierter Italiener; das sind die Ingredienzien aus bisher vier Tagen Strafverfahren um die Kursmanipulation der Telekom Austria-Aktie im Februar 2004. Sie brachte knapp 100 Managern einen 8,8 Mio. Euro schweren "Erfolgs"-Bonus und beschäftigt nun Richter Michael Tolstiuk.

Urteil könnte Freitag fallen

Geht alles glatt könnte es diesen Freitag (22.2.) noch ein Urteil geben. Gerichtsbeobachtern zufolge gab es bisher nur für den ehemaligen Telekom-Generaldirektor Heinz Sundt Grund zur Freude. Laut dem Ex-Prokuristen Gernot Schieszler, der als erster in der österreichischen Gerichtsgeschichte den "großen Kronzeugenstatus" anstrebt, war Sundt weder bei Besprechungen zu der Causa noch beim entscheidenden "Go" für den Kursankauf zur Hebung des Aktienwertes dabei. Auch der angeklagte ehemalige Prokurist Josef Trimmel hatte ihn entlastet.

Ganz im Gegensatz zu dem ehemaligen Festnetzvorstand Rudolf Fischer und zum Ex-Finanzchef Stefano Colombo, die auch Schieszler in seiner mehr als fünfstündigen Einvernahme als diejenigen nannte, die die entscheidende Freigabe zur "Kurspflege" gegeben hatten. Fischer hatte sich bereits zu Prozessbeginn teilweise schuldig bekannt, alle anderen Angeklagten plädierten auf "nicht schuldig". Neben Fischer als Hauptangeklagten sitzen noch die zweit- bzw. drittbeschuldigten Colombo und Sundt sowie die als Beitragstäter geführten Trimmel und der Broker Johann Wanovits auf der Anklagebank.

600.000 Euro in bar für Wanovits

Wanovits war es, der die entscheidende Order gab damit der Kurs die magischen 11,70 Euro je Aktie bis spätestens 26. Februar 2004 zu Börsenschluss erreichte und somit das Bonusprogramm schlagend wurde. Er hat dafür eine Prämie - ob es eine Erfolgsprämie oder eine Risikoprämie war blieb bis dato unklar - von 600.000 Euro in bar erhalten. Sie wurden in mehreren Tranchen im Papiersackerl von Trimmel und Schieszler sowie einem dritten Telekommanger (der wegen einer schweren Erkrankung nicht angeklagt ist) über den Lobbyisten Peter Hochegger an Wanovits übergeben. Des weiteren soll der Euro Invest-Broker (Spitznamen laut Telekom-Mangern: "Der Weinhändler") über Scheinstudien im Umfang von 390.000 Euro von Hochegger Geld aus der Telekom-Kassa erhalten haben. Wanovits bestreitet, dass der Zahlung kein Wert gegenüber stand, auch wenn die Studien "sehr gut" bezahlt gewesen seien.

Bisher am schweigsamsten war Ex-Finanzchef Colombo. Er habe von einer Kursmanipulation nichts mitbekommen, da er von dem damaligen Telekom-Teilhaber Telecom Italia entsendet war und vom Vorstand geschnitten wurde. Widersprüchliche Angaben zu früheren Aussagen begründete er unter anderem damit, dass er als Italiener bei der Einvernahme in Deutsch nicht alles verstanden habe. Bei Börsenangelegenheiten habe er sich auf seine Experten verlassen, so der ehemalige Finanzchef der börsenotierten Telekom.

Kritik am Börsengang

Sundt und Fischer ließen damit aufhorchen, dass sie als führende Manager den Börsengang sehr kritisch gesehen haben. Die Telekom sei darauf nicht vorbereitet gewesen. Der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser habe aber darauf gedrängt - um sein "Nulldefizit" zu erreichen, wie Sundt mutmaßte. Für Raunen im Saal 203 des Wiener Landesgerichts sorgte auch die Zeugenaussage des Aktienhändlers Mirko L., der bei der Wiener Börse von "Wild West-Methoden" sprach. Wolle jemand den Kurs in eine bestimmte Richtung bewegen, sei dies aufgrund des geringen Handelsvolumens "ein leichtes Spiel".

Auffällig war bisher, dass sich die damaligen Vorstände, die sich jahrelang in der Chefetage der Telekom tagtäglich über den Weg liefen, nun auf der Anklagebank nebeneinander sitzend kaum eines Blickes würdigen. Ausführungen der Verteidiger, der Zeugen und des Staatsanwaltes verfolgen sie mit stoischer Miene.

Zufrieden zeigten sich Beobachter bisher mit der Verhandlungsführung von Richter Michael Tolstiuk. Der Dreifach-Magister und Diplomingenieur leitet den Prozess ruhig, aber straff. Ausschweifende Antworten der Angeklagten und Zeugen sind genauso wenig sein Ding wie Pausen. Vom Typus ähnlich ist Staatsanwalt Hannes Wandl. Im Ton freundlich, doch durchaus entschlossen wenn sich die Angeklagten in Widersprüche verstricken. Am Freitag könnte das Urteil des Schöffensenats fallen, der Anklagevorwurf lautet auf Untreue gegenüber der Telekom bzw. Beihilfe, den Angeklagten drohen bis zu 10 Jahre Haft. Morgen Mittwoch zieht mit dem Zeugen Hochegger noch einmal ein großer Medientross in den Verhandlungssaal ein - um dort gemeinsam die Luft zu schneiden, wie ein Prozessbeobachter unter Verweis auf das stickige Klima im Saal 203 meinte. (APA, 19.2.2013)

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