Gerhard Mumelter im Chat: "Neuwahlen vorerst ausgeschlossen"

Chat26. Februar 2013, 09:27
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STANDARD-Korrespondent Gerhard Mumelter analysierte das Ergebnis der Wahl in Italien und beantwortete Fragen der UserInnen

ModeratorIn: Wir begrüßen Gerhard Mumelter herzlich nach einer turbulenten Wahl in Italien bei uns im Chat. Guten Tag nach Rom. Wie ist die Stimmung heute im Land?

Gerhard Mumelter: Die meisten Italiener sind frustriert. Ein Viertel ist erst gar nicht zur Wahl gegangen Die Grillo-Anhänger freuen sich. Jene des PD weniger.

el goanito: Guten Tag. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit von Neuwahlen ein und/oder glauben Sie an eine große Koalition nach dem gestrigen Wahlergebnis?

Gerhard Mumelter: Neuwahlen sind aus meiner Sicht vorerst ausgeschlossen. Staatspräsident Napolitano kann das Parlament gar nicht auflösen, weil am 15. April bereits die wahl seines nachfolgers anberaumt ist.

Stefan Binder: Wie könnte eine Koalition denn überhaupt aussehen?

Gerhard Mumelter: Berlusconi will anscheinend eine große Koalition mit Bersani. Mit Grillo wäre eine Koalition nicht möglich, aber eine Zusammenarbeit in gewissen Themen.

UserInnenfrage per Mail: Was würde es für Italien bedeuten, wenn es in den nächsten Monaten keine handlungsfähige Regierung gibt?

Gerhard Mumelter: Die Börse ist heute tief gefallen. Die Kurse haben Verluste bis zu 10 Prozent verbucht. Und der Zinsaufschlag auf Staatspapiere steigt. Italien kann sich eine Zeit ohne Regierung auf keinen Fall leisten.

UserInnenfrage per Mail: Wer wird Ministerpräsident?

Gerhard Mumelter: Vermutlich Bersani. Er ist der Chef der Partei, die in Kammer und Senat die Mehrheit hat. Er hat sich nach der Wahl noch nicht blicken lassen - das sagt alles über seinen Pyrrhussieg.

el_burrito: sehr geehrter herr mumelter! wie kann es sein, dass sich ein berlusconi nun schon über jahrzehnte an der spitze italiens hält? durch seine skandale, fettnäpfchen und kontroversen aussagen sollte man doch eigentlich meinen, dass er sich selbst ins ab

Gerhard Mumelter: Viele Italiener wählen nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch. Viele fallen auf seinen Populismus herein, aber vielen kommt seine Politik durchaus gelegen. Laxe Steuerfahndung, Amnestie für Bau- und Steuersünder usw.

Regenbogensternchen: Wie war das möglich, dass der angeklagte Herr Berlusconi überhaupt kandidieren durfte? Hab ich da etwas verpasst?

Gerhard Mumelter: Er wurde letzthin zu vier Jahren Haft verurteilt, aber in erster Instanz. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Und zahlreichen Prozessen hat er sich entzogen. Im Ruby-Prozess könnte er demnächst erneut verurteilt werden.

JuxiL: Wie sehen Sie den grossen Gewinn der Grillini? Was erwarten Sie von diesen Abgeordneten?

Gerhard Mumelter: Die Abgeordneten sind keine Komiker wie Grillo. Sie sind meist jüngere Personen, die oft politikunerfahren sind, die aber konkrete Veränderungen wünschen. Zwischen den einfachen Abgeordneten und Grillo liegen Welten...

kalind: Könnte Grillo "vernünftig" werden und z.B. bei einer Änderung des Wahlgesetzes mitarbeiten?

Gerhard Mumelter: Grillo selbst kandidiert ja nicht. Die Logik seiner Bewegung ist es, "vernünftige Vorschläge" zu unterstützen. Dazu gehört ein neues Wahlgesetz.

Stefan Binder: Der Sieg für Grillo kam in dieser Größenordnung für ihn selbst überraschend. Was führte letztlich zu diesem Wahltriumph?

Gerhard Mumelter: Die Entwicklung hat sich schon in Sizilien abgezeichnet, wo die 5 stelle zur stärksten Partei wurde. Die Wähler haben ihren Unmut über die Reformfeindlichkeit der Parteien geäußert. Es ist ein Votum gegen die Kaste.

tschux: Werden wir einen Staatspräsidenten Berlusconi erleben? Als Preis für die große Koalition?

Gerhard Mumelter: Absolut unverstellbar. Dafür würde sich auf keinen Fall eine Mehrheit finden.

UserInnenfrage per Mail: In Italien habe ich viel Hoffnungslosigkeit gesehen. Die Alten können nicht in Pension gehen, die Jungen kriegen keine Jobs etc... Warum war das im Wahlkampf so wenig Thema?

Gerhard Mumelter: Der Wahlkampf war ein Krieg, in dem Sachthemen keine Chance hatten. Es war ein Wahlkampf der TV-Monologe, in dem vor allem Berlusconi ständig mit neuen populistischen Versprechen lockte.

sepp schilehrer: Warum ist es so schwierig, den Menschen in Italien die Notwendigkeit des Monti-Kurses nahezubringen?

Gerhard Mumelter: Weil viele Menschen an der Armutsgrenze leben und viele Familien nicht mehr bis zum Monatsende kommen. Montis fataler Fehler war es, in die Niederungen der Politik hinabzusteigen. Hätte er es nicht getan, könnte weiter als Premier amtieren.

UserInnenfrage per Mail: Haben die Reformen Montis denn für die soziale Lage der Italiener was gebracht?

Gerhard Mumelter: Für die soziale Lage nicht, aber für ads internationae Ansehen Italiens schon.

UserInnenfrage per Mail: Wie geht es jetzt weiter in italien?

Gerhard Mumelter: Das neugewählte Parlament tritt erst am 15. März zusammen. Bis dahin müssen Verhandlungen hinter den Kulissen geführt werden - ob mit Erfolg, bleibt abzuwarten.

ModeratorIn: Die Stunde ist um. Herzlichen Dank an Gerhard Mumelter für Ihren Besuch im derStandard.at-Chat und danke an die UserInnen für die Geduld zu Beginn, wir hatten kurz Verbindungsprobleme mit Rom. Schönen Nachmittag noch allen.

Gerhard Mumelter: Ebenfalls einen schönen restlichen Tag. Ciao aus Rom.

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