Eine Liga in Bewegung

Blog19. Februar 2013, 15:43
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Die immer freizügigeren Transferregelungen untergraben die personelle Stabilität in der Erste Bank Eishockey Liga

Massiv divergierende Interessen der einzelnen Klubs ihre Personalpolitik (und letztlich auch Vereinsphilosophie) betreffend sorgten 2007 dafür, dass die Erste Bank Eishockey Liga mit der Punkte- und Kaderregelung ein ihr ganz eigenes Steuerungssystem für den Transfermarkt etablierte. Seither muss das Regulativ als Sündenbock herhalten, speziell in jenem meist oberflächlichen Diskurs, der sich um den vagen Begriff der "Förderung des österreichischen Eishockeys" dreht. Fans, Journalisten, ja selbst Klubvertreter unterliegen - bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber den massiven strukturellen Schwächen im Nachwuchsbereich auf Vereins- und Verbandsebene - dem Irrtum, eine Abschaffung von Punkte- und Kaderregelung bei gleichzeitiger Wiedereinführung numerischer Obergrenzen für ausländische Spieler würde die Qualität österreichischer Cracks heben.

Kontinuierliche Aushöhlung der Regeln

In der Realität hat sich das Regulativ in seinen Grundzügen (siehe Erklärung "Die ungeliebte Punkteregel", November 2011) jedoch als durchaus wirksames Instrument erwiesen, größtmögliche Chancengleichheit für Vereine aus fünf im Eishockey sehr unterschiedlich strukturierten Nationen zu schaffen, die zudem von radikal divergierenden wirtschaftlichen Voraussetzungen geprägt sind. Problematisch und kontraproduktiv ist vielmehr die stetige Aushöhlung des Regelwerks: Vor jeder Saison wurde die Punkte- und Kaderregelung adaptiert, stets ging es dabei in die gleiche Richtung, jene der fortschreitenden Liberalisierung des Transfermarktes. Es zeigte und zeigt sich jedoch, dass die so entstehenden Freiräume innerhalb der Bestimmungen in erster Linie die finanziell besser gestellten Klubs bevorteilen, was das zentrale Erfolgsgeheimnis der grenzübergreifenden Liga, ihre Ausgeglichenheit, untergräbt.

NHL-Argument zog nicht

Ihren Höhepunkt erreichte die Verwässerung der Transferregelungen in der aktuellen Spielzeit, als eine Zweidrittelmehrheit der Vereine während des laufenden Bewerbs und nur vier Tage vor dem Ende der heuer erstmals erprobten Try-Out-Phase eine Verlängerung ebendieser beschloss. Dies ermöglichte den Klubs die unbeschränkte Ab- und Anmeldung von Spielern bis zum 15. Dezember. Hauptmotiv der Befürworter dieser Verschiebung der Frist um vier Wochen war der damals noch anhaltende Tarifstreit in der NHL und die daraus resultierende Möglichkeit, zumindest kurzzeitig Akteure aus der stärksten Liga der Welt verpflichten zu können. Ein Argument, das wenig überraschend nicht schlagend wurde: Nur fünf der zwölf während der verlängerten Try-Out-Phase neu in die EBEL geholten Spieler kamen aus der NHL.

Nur sechs Vereine tauschten

An die Periode der unbegrenzten Anzahl an Ab- und Anmeldungen schloss die allgemeine Transferzeit an, die am vergangenen Freitag, dem 15. Februar, endete. Während dieser stehen einem Klub, sobald sein Kader die 60-Punkte-Grenze überschreitet, nur noch drei Spieleranmeldungen zu. Auch hier fällt das Fazit eindeutig aus: Nur sechs der zwölf Teams machten überhaupt von mindestens einer Tauschmöglichkeit Gebrauch, darunter die fünf Vereine mit den höchsten Budgets der Liga. Mit dem Ende der Transferfrist stehen nun die endgültigen Kader für das restliche Spieljahr fest.

403 eingesetzte Spieler

Bisher brachten die Teams der Erste Bank Eishockey Liga in der Saison 2012/13 insgesamt 403 verschiedene Spieler zum Einsatz, alleine 49 davon der EC Salzburg. Bei 143 der Cracks, das sind 35,5 Prozent, handelte es sich um nationale U24-Spieler (geboren 1989 oder später), die das Punktekontingent eines Klubs nicht belasten. Von den 260 eingesetzten und mit individuellen Punktewerten belegten Akteuren wurden nach dem Ende der Try-Out-Phase nur 214 angemeldet, ligaweit standen bei den Vereinen also 46 Spieler unter Vertrag, die nach dem 15. Dezember nicht mehr aufgeboten wurden, meist jedoch sehr wohl noch zu bezahlen oder abzufinden waren.

Das ursprünglich für die Einführung der Periode unbeschränkter Ab- und Anmeldungen im ersten Saisonabschnitt vorgebrachte Argument der Reduktion der Personalkosten für die Klubs scheint angesichts solcher Zahlen schwer nachvollziehbar.

Unzureichende Personalplanung

Insgesamt verpflichteten die EBEL-Teams seit Saisonbeginn am 6. September exakt 49 Cracks, die ihr Punktekontingent belasteten, also Transferkartenspieler (38) oder einheimische Akteure, die vor 1989 geboren wurden (11). 16 davon waren Lockout-Spieler aus der NHL, einige wenige kompensierten verletzungsbedingte Langzeitausfälle. Die überwiegende Mehrheit der während der Saison unter Vertrag genommenen Spieler füllte jedoch in erster Linie Lücken, die sich aus einer unzureichenden Personalplanung im Sommer ergaben.

Straffung der Regeln nötig

Wollen die Vereine ihre Personalkosten zukünftig senken und sollen auch die nationalen Eishockeyprogramme vom hohen spielerischen Level der EBEL profitieren, müssen die in den vergangenen Jahren stetig gelockerten Übertrittsregelungen wieder gestrafft werden. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung sollte sanfter Modernisierungsdruck die Klubs zu mehr Professionalität in ihrer Transferpolitik führen. Gezielte Personalplanung basierend auf eingehendem Scouting würde die "Trefferquote" bei der Verpflichtung von Importspielern maßgeblich erhöhen und gleichzeitig die Zahl der häufig panikartig wirkenden und in der Regel kostenintensiven Transfers während der Saison verringern.

Die Einführung der Erste Bank Young Stars League (U20) im Jahr 2012 und deren Ausweitung auf den U18-Bereich zur kommenden Spielzeit setzen außerdem entscheidende Anreize für die Vereine, ihre Nachwuchsarbeit zu verbessern und ernsthafter zu betreiben. In Kombination mit strengeren Transferregelungen könnte dies optimistisch betrachtet in einigen Jahren dazu führen, dass im einen oder anderen Vereinsbüro der Gedanke aufkommt, im Kader der Kampfmannschaft entstandene Lücken tatsächlich mit Akteuren aus dem eigenen Unterbau aufzufüllen. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 19.02.2013)

  • Die zwölf EBEL-Klubs setzten 2012/13 bisher 403 Spieler ein, 260 davon belaste(te)n ihr Punktekontingent.
    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Die zwölf EBEL-Klubs setzten 2012/13 bisher 403 Spieler ein, 260 davon belaste(te)n ihr Punktekontingent.

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