Bleivergiftung von Kindern: "Wir sehen Erkrankung, Koma, Tod"

Interview20. Februar 2013, 14:50
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Illegaler Goldabbau in Nigeria bringt schwere Folgen für den Organismus mit sich

Wenn die Minenarbeiter nach dem Goldschürfen zu ihren Familien nach Hause kommen, haftet Blei an ihren Kleidern und Händen. Was sie lange nicht wussten: Durch das Schwermetall vergiften sie ihre Kinder und sich selbst. Denn auf der Suche nach Gold schlagen sie tagtäglich Steine auf, die mit Blei kontaminiert sind.

Etwa 470 Kinder starben im Norden Nigerias bereits an den Folgen von Bleivergiftungen. Auch wenn bereits ganze Dörfer gereinigt wurden, leben immer noch Familien in verseuchten Gebieten. Vor einer Woche begannen die Arbeiten in Bagega im nigerianischen Bundesstaat Zamfara. Dort ist Ivan Gayton als Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Im Interview berichtet er von gigantischen Bleiwerten, die höher sind als alle bisherigen weltweit und sogar jene einer Giftmülldeponie im Kosovo übersteigen.

derStandard.at: Wie wichtig sind die vier Millionen Euro, die die nigerianische Regierung in die Beseitigung der Bleiverseuchung im Norden Nigerias investiert?

Gayton: Dass die Regierung endlich mit der Arbeit in Bagega begonnen hat und das Areal saniert, erlaubt vielen Kindern den Zugang zu lebensrettender medizinischer Betreuung. Endlich können wir Familien helfen, die schon jahrelang darauf warten. Aber solange erkrankte Menschen weiter in verseuchten Gebieten leben, ist es sinnlos, die Bleivergiftungen zu behandeln. Seit 2010 konnten wir fast 3.000 Kinder behandeln, die in bereits sanierten Gebieten leben. Zwischen 600 und 1.500 Kinder leben allerdings noch immer in einer kontaminierten Umgebung. Denen konnten wir noch nicht helfen.

derStandard.at: Welche Arbeiten werden in Bagega durchgeführt?

Gayton: Die Experten haben bereits mit der so genannten Charakterisierung begonnen, das heißt, sie durchleuchten mit Röntgengeräten die Gegend auf der Suche nach Blei. Danach kommen die eigentlichen Maschinen zum Einsatz, um das verunreinigte Erdreich zu entfernen.

Es wird noch etwa fünf Monate dauern, bis die Arbeiten abgeschlossen sind. Wir vertrauen darauf, dass die Regierung zu Ende bringt, was sie begonnen hat. In der Zwischenzeit untersuchen wir Kinder, um festzustellen, mit wie vielen Patienten wir zu rechnen haben. Sobald eine Nachbarschaft in diesem Ort dekontaminiert wurde, beginnen wir zu behandeln.

derStandard.at: Wieso muss die Arbeit vor Beginn der Regenzeit abgeschlossen sein?

Gayton: Weil die Bleikontamination erst ganz am Ende der Arbeiten beseitigt wird. Sobald aber Regen einsetzt, wird der Boden weich und das Erdreich bewegt sich. Wenn dann nur eine Nachbarschaft nicht dekontaminiert ist, wird sich die Verseuchung wieder ausbreiten.

Aber ich bin optimistisch, dass die Arbeiten bis dahin abgeschlossen sind. Gleichzeitig bin ich beunruhigt, weil so spät begonnen wurde. Eigentlich hätten sie bereits im November beginnen sollen und nun haben wir Februar. Somit haben wir vier Monate durch bürokratische Schwierigkeiten verloren.

derStandard.at: Inwiefern beeinflusst die Bleivergiftung den menschlichen Körper und gibt es einen Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern?

Gayton: Eine Bleivergiftung greift vor allem das Nervensystem an. Das ist besonders schwerwiegend, wenn sich dieses wie bei Kindern noch entwickelt. Dadurch wird eine normale Entwicklung von  Gehirn und Nerven unterbrochen.

Noch dazu enthält das Blei in Nigeria viel Bleicarbonat und Bleioxid. Beide Verbindungen sind in der Magensäure löslich und kommen leicht in den Organismus der Kinder. Sie spielen im Schmutz und stecken ihre Finger in den Mund. Zudem nehmen die Kinder viel mehr Blei auf, weil sie noch wachsen und Knochen aufbauen. Würde ein Erwachsener bleiverseuchte Erde essen, würde er zwischen zehn und 20 Prozent des Bleis aufnehmen - bei Kindern liegt der Wert bei 50 Prozent.

derStandard.at: Wie schwer sind die Vergiftungen, mit denen sie zu tun haben?

Gayton: Unter normalen Umständen findet man bei Bleivergiftungen neurologische Schäden oder Organschäden. Aber hier sehen wir Erkrankung, Koma, Tod. Die Bleikonzentration in diesen Kindern ist gigantisch. Bevor wir den Ausbruch in Nigeria entdeckt hatten, galt die Bleivergiftung unter Flüchtlingen in Kosovo als größte der Geschichte.

Damals waren Roma und Sinti betroffen, die ihre Lager auf Giftmüllhalden errichtet hatten. Hunderte Menschen hatten eine Bleikonzentrationen von 50 bis 200 Mikrogramm per Deziliter (mg/dl) im Blut. Bereits ab 5 mg/dl spricht man von einer Gesundheitsgefährdung. Die Kinder hier in Nigeria haben oftmals 400 mg/dl. Wir hatten sogar ein Kind mit 700 mg/dl. Das macht den Fall in diesem Gebiet unvergleichbar zu jedem anderen in der Geschichte weltweit.

derStandard.at: Wie war die Situation, als Ärzte ohne Grenzen das erste Mal im Jahr 2010 in den Norden Nigerias fuhr und die Bleivergiftungen entdeckte?

Gayton: Als wir ankamen, waren in einem Dorf bereits 43 Prozent aller Kinder tot. Die anderen hatten Fieber und zitterten. Wir glaubten, es handle sich um hämorrhagisches Fieber und überlegten in Schutzanzügen zu kommen. Doch einer unserer Ärzte war schlau genug, sich die Umgebung anzusehen und entdeckte die Minenaktivitäten. Deshalb schickten wir Blutproben nach Europa und ließen sie auf Metallvergiftungen untersuchen. Das Labor in Europa glaubte, dass die Proben verunreinigt waren, weil sie noch nie zuvor so hohe Bleikonzentrationen gesehen hatten.

derStandard.at: Wie lange dauert es, bis sich eine Bleivergiftung bemerkbar macht? Ab wann beginnen die Symptome?

Gayton: Nicht sehr lange. Wir glauben, dass die Kontamination des Gebietes im Jahr 2009 begonnen hat und bereits 2010 haben wir die verheerenden Auswirkungen gesehen. Wahrscheinlich finden zeitgleich auch Vergiftungen mit Quecksilber statt aber dabei sieht man die Auswirkungen nicht so schnell. Ich habe Angst, dass in ein paar Jahren, wenn der Goldabbau nicht sicherer wird und sich jemand darum kümmert, eine Epidemie wegen Quecksilbervergiftungen auftritt.

derStandard.at: Nun hat die Regierung die Menschen in der Region aufgefordert, den illegalen Goldabbau einzustellen. Gibt es dafür auch Strafen?

Gayton: Nein, aber das ist meiner Meinung nach keine Lösung. Das sind extrem arme Menschen. Sie leben von ein bis zwei Dollar am Tag mit sehr primitiver Landwirtschaft. Wenn sie herausfinden, dass sie Steine in ihrem Garten ausgraben, aufschlagen, mahlen und Gold herausholen können und damit zehn bis 15 Dollar am Tag machen, kann sie niemand mehr aufhalten. Die Regierung kann es so oft verbieten, wie sie will. Der illegale Abbau wird dann in der Nacht passieren, in den Häusern. Es würde sogar mehr Kontaminationen geben. Und die Eltern würden aus Angst vor Festnahmen die Kinder nicht mehr zu uns bringen.

derStandard.at: Haben Sie einen Vorschlag für dieses Problem?

Gayton: Es gibt Techniken für sichereren Goldabbau. Ich bin nicht für den Minenbetrieb und sicher kein Minenexperte. Aber ich habe Freunde, die sich auskennen, und die haben mir erklärt, dass es keinen sicheren Abbau gibt. Es ist wie beim Sex. Es gibt keinen sicheren Sex, aber man kann ihn sicherer machen. Und es gibt Techniken, die man auch in ärmlichen Gebieten anwenden kann wie Burkina Faso oder Uganda.

In Wahrheit hilft der Goldabbau den Menschen auch. Es wird ihnen möglich gemacht, besseres Essen und bessere Gesundheitsversorgung und Bildung zu erlangen. Man sollte sich mit den Leuten auseinandersetzen und sie nicht kriminalisieren und vertreiben. Man sollte ihnen helfen, eine sichere Industrie aufzubauen.

derStandard.at: Was wäre so eine sichere Abbautechnik?

Gayton: Die größte Verunreinigung mit Blei passiert zurzeit beim trockenen Mahlen. Die Menschen graben die Steine aus, schlagen sie mit Hämmern auf und geben sie in eine Mehlmühle. Der Staub, der aus diesen Mühlen kommt, ist zwischen zehn und zwölf Prozent mit Blei verseucht. Diese Methode ist unserer Meinung nach der Hauptgrund, warum Kinder vergiftet werden und sterben. Bei sichereren Techniken wird Wasser hinzugefügt, das den Staub bindet. Das funktioniert dann ähnlich wie in einer Waschmaschine.

derStandard.at: Sie sind seit 2011 in Nigeria. Welche Situationen berührten Sie am meisten während Ihres Einsatzes?

Gayton: Wenn ich in Bagega Menschen treffe, die mich fragen, warum wir nicht bei ihnen sind. Warum wir allen anderen Familien helfen, sie aber im Stich lassen. Ich kann dann nur antworten, dass zuerst das Gebiet saniert werden muss und wir so lange hilflos sind. Es ist furchtbar, wenn man Menschen abweisen muss, die um Hilfe betteln. Das verletzt mich selbst.

derStandard.at: Werden die gesamten vier Millionen Euro der Regierung in der Region ankommen?

Gayton: Eigentlich kostet es nur zwei Millionen Euro, das Gebiet zu sanieren. Das Geld wurde nun ans Umweltministerium überwiesen. Der Rest des Geldes soll an das Gesundheits- und das Minenministerium gehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich das Gesundheitsministerium bei der Behandlung der Patienten engagieren würde. Denn zurzeit sind wir die Einzigen, die diese Menschen und ihre Bleivergiftungen behandeln.

derStandard.at: Hat Sie der Kampf um diese Fördergelder und die Gesundheit der kranken Menschen in Nigeria niemals ausgelaugt? Dachten Sie jemals daran, aufzugeben?

Gayton: Ein- oder zweimal. Ich hatte schon ein paar schlaflose Nächte. Ich überlegte, ob wir vielleicht aufgeben und mehr Kinder behandeln sollten, die an Malaria oder Cholera leiden. Es gab auch  Momente, in denen wir dachten, dass wir niemals Hilfe bekommen werden. Aber um ehrlich zu sein, sogar in diesen Momenten war ich zu sauer, um aufzugeben. Ich sah diese Familien und Kinder und fragte mich, warum diese Menschen leiden sollten, nur weil es schwierig ist. Und auch wenn es frustrierend oder aussichtslos scheint, sind wir die Einzigen, die helfen und hinsehen. (Bianca Blei, derStandard.at, 20.2.2013)

Ivan Gayton ist seit 2011 der Einsatzleiter für Ärzte ohne Grenzen in Nigeria.

  • Durch den Goldabbau wird das Blei freigesetzt.
    foto: olga overbeek/msf

    Durch den Goldabbau wird das Blei freigesetzt.

  • Laut Ivan Gayton würde eine Kriminalisierung des Abbaus nichts bringen. Er plädiert für sichere Abbautechniken.
    foto: olga overbeek/msf

    Laut Ivan Gayton würde eine Kriminalisierung des Abbaus nichts bringen. Er plädiert für sichere Abbautechniken.

  • Insgesamt vier Millionen Euro will die nigerianische Regierung zur Verfügung stellen, um die Verseuchung des Bodens zu beseitigen.
    foto: olga overbeek/msf

    Insgesamt vier Millionen Euro will die nigerianische Regierung zur Verfügung stellen, um die Verseuchung des Bodens zu beseitigen.

  • Rund 470 Kinder starben bisher an den Folgen der Kontamination.
    foto: olga overbeek/msf

    Rund 470 Kinder starben bisher an den Folgen der Kontamination.

  • Ein- oder zweimal dachte Ivan Gayton bereits ans Aufgeben: "Doch ich war zu sauer."
    foto: chris de bode/panos pictures

    Ein- oder zweimal dachte Ivan Gayton bereits ans Aufgeben: "Doch ich war zu sauer."

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