Wiens Marktamt zog bisher 33 Proben, in einer war Pferdefleisch

19. Februar 2013, 14:33
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Wurde erneut bei Rindfleisch-Tortelloni von Lidl fündig - Bei Täuschung drohen u.a. gerichtliches Nachspiel und mehrere Tausend Euro Strafe

Wien - Seit Bekanntwerden des Skandals um die Pferdefleischfunde in Fertig- und Tiefkühlgerichten ist das Wiener Marktamt im Dauereinsatz. Momentan nehmen die 80 Lebensmittelinspektoren Fertigprodukte, Frischfleisch und seit kurzem auch Kebabfleisch unter die Lupe. Gesucht wird nach Proteinen nicht deklarierter Tierarten. Bis Montag seien 33 Proben gezogen worden, informierte ein Sprecher. Die Hälfte davon sei bisher untersucht worden, eine war positiv.

Dabei handelt es sich um das bereits zweite positive Untersuchungsergebnis für Rindfleisch-Tortelloni der Liechtensteiner Firma Hilcona, die unter der Handelsmarke Gusto firmiert. Verkauft wurden die Produkte über den Diskonter Lidl. Die Wiener Probe stammte jedoch aus einer anderen Charge als jene Probe, in der bereits in der vergangenen Woche ein nicht deklarierter Anteil an Pferdefleisch gefunden worden war.

Da Lidl bereits nach Bekanntgabe des ersten Ergebnisses das gesamte Sortiment aus dem Regal genommen hatte, seien keine Maßnahmen notwendig gewesen, so der Marktamts-Sprecher. "Die Firma hat sehr, sehr gut reagiert", lobte er die Vorgangsweise.

Supermärkte: "Keine Änderungen im Verhalten"

Die Supermärkte registieren nach eigener Aussage kein Minus bei Fertigprodukten. Die Handelsketten stellen "derzeit keine Änderungen im Kaufverhalten" fest, wie es etwa von Spar, Rewe (Billa, Merkur, Penny, Adeg, Sutterlüty) und Hofer am Dienstag hieß.

Auch bei Lidl "glauben wir nicht an einen großen wirtschaftlichen Schaden", sagte Hansjörg Peterleitner, Sprecher von Lidl Österreich. "Momentan lässt sich ein etwaiger wirtschaftlicher Schaden noch nicht beziffern, wir glauben aber auch nicht, dass dieser, wenn es ihn überhaupt gibt, groß ausfällt", so Peterleitner.

AMA will auf Vertrauen setzen

Aus der Agrarmarkt Austria (AMA) hieß es am Dienstag, "derzeit gibt es keine wirtschaftlichen Auswirkungen" wegen des Etikettenschwindels. Man setze weiter auf Vertrauen. In Kürze werde eine kleine Kampagne mit speziell abgestimmten Inseraten starten und die Medienarbeit sowie Konsumenteninformation würden ausgebaut. 

Fleischereien abseits der Handelsketten würden derzeit sogar profitieren, meint der Wiener Meister Leopold Hödl: "Der Kundenzustrom steigt bei mir derzeit - für uns Fleischer ist das nur gut."

Kritik an Gastronomie

Auch der Rindermarkt sollte laut Rudolf Rogl, Geschäftsführer der Österreichischen Rinderbörse, keinen Schaden aus der Causa ziehen: "Möglicherweise wirkt es sich für uns sogar positiv aus, wenn nun noch mehr Konsumenten regional einkaufen und verstärkt auf die Herkunft achten."

Rogl spricht von einem "Betrugsskandal, nicht Fleischskandal". Er spart auch nicht mit Kritik an der Gastronomie, "wo es massiven Handlungsbedarf gibt. Dort hat der Konsument überhaupt keine Entscheidungsmöglichkeit ob er ein heimisches Steak oder eines aus Übersee bekommt. Wir fordern klare Regeln für Herkunftskennzeichnungen im Gastgewerbe", so Rogl. "Mehr als ein Drittel des angebotenen Rindfleischs in der Gastronomie stammt sicher nicht aus Österreich."

Der Obmann des Wirtschaftskammer-Gastroverbands reagierte postwendend: "Eine polemische Aussage, wenn Rogl das so kanalisieren möchte, ist das der falsche Weg", sagte Obmann Helmut Hinterleitner und lehnte "überbordende Kennzeichnungen" in Speisekarten ab. Der Wirt könne nicht zu jedem Gericht in der Speisekarte einen "Roman" verfassen, so Hinterleitner. Er fürchtete, so könne nur eine nicht gewünschte "Uniformiertheit" erreicht werden, weil sich Wirte dann wohl nur "auf ein paar wenige Fixprodukte" festlegen würden.

24 positive Proben in Deutschland

In Deutschland, wo Pferdefleischanteile in Rinderprodukten noch vor Österreich entdeckt worden waren, sind laut Bundesverbraucherministerium bisher 24 Proben positiv getestet worden. Dies betreffe Fälle in Hamburg, Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen, sagte ein Ministeriumssprecher am Dienstag. Dies sei der Zwischenstand nach 360 amtlichen DNA-Analysen in den Ländern. Es dürften aber noch viele weitere positive Testergebnisse hinzukommen. (APA/red, 19.2.2013)

Hintergrund zu Lebensmitelkontrollen

In Österreich ist die Kontrolle von Waren, die dem Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz (LMSVG) unterliegen in der mittelbaren Bundesverwaltung organisiert. Die Gesetzgebung liegt beim Bund, der Vollzug fällt in den Zuständigkeitsbereich der Landeshauptleute. Koordiniert werden die Kontroll- und Überwachungstätigkeiten vom Gesundheitsministerium. Dazu werden jährlich ein Revisionsplan (Kontrolle der Betriebe) und ein Probenplan (Anzahl der zu ziehenden Proben je Kategorie) erstellt, die für die Aufsichtsbehörden in jedem Bundesland den Rahmen für ihre Tätigkeiten vorgeben. Zusätzlich gibt es auch sogenannte Schwerpunktaktionen, wie beispielsweise die aktuelle vom Gesundheitsministerium angeordnete "Fertiggerichte mit Rindfleisch - Untersuchung auf nicht deklarierten Pferdefleischanteil".

Durchgeführt werden die amtlichen Kontrollen von den Aufsichtsbehörden der jeweiligen Länder (Lebensmittelaufsicht, Veterinäraufsicht). Laut dem Lebensmittelsicherheitsbericht 2011 stehen österreichweit rund 250 Lebensmittelaufsichtsorgane und 911 Tierärzte für diese Tätigkeiten zur Verfügung. Landesbedienstete ziehen Proben, analysiert und begutachtet werden diese dann von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) oder den Untersuchungsanstalten von Wien, Kärnten und Vorarlberg. Rund 450 Personen sind für die Untersuchung und Begutachtung von amtlichen und privaten Proben zuständig. Die Gutachten gehen schließlich wieder an die zuständige Landesaufsichtsbehörde und sind Grundlage für allfällige Maßnahmen. Dazu zählen etwa die Einschränkung oder das Verbot des Inverkehrbringen der Ware, Rücknahme oder Rückruf der Produkte, die Untersagung der Benützung von Räumen oder auch die Schließung eines Betriebs. (APA)

  • Untersuchungen an Fertiggerichten sollen nicht nur Auskunft über einen allfälligen Pferdefleischanteil geben, sondern generell über jene Fremdproteine, die aus dem Fleisch nicht deklarierter Tierarten stammen.
    foto: jens büttner/dpa

    Untersuchungen an Fertiggerichten sollen nicht nur Auskunft über einen allfälligen Pferdefleischanteil geben, sondern generell über jene Fremdproteine, die aus dem Fleisch nicht deklarierter Tierarten stammen.

  • Der Ablauf der Lebensmittelkontrolle in Österreich - Details siehe auch "Hintergrund zu Lebensmitelkontrollen" unter der Meldung rechts.
    grafik: apa

    Der Ablauf der Lebensmittelkontrolle in Österreich - Details siehe auch "Hintergrund zu Lebensmitelkontrollen" unter der Meldung rechts.

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