Startup: Mediziner Jama Nateqi entwickelt "Google für Ärzte"

20. Februar 2013, 11:27
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Mit der Software Symptoma, die Ärzten Diagnosen erleichtert, will der Gründer Leben retten

"15 Prozent aller Diagnosen lebensbedrohlicher Krankheiten sind Fehldiagnosen. Das bedeutet, dass jedes Jahr etwa eine halbe Million Patienten gerettet werden könnten, wenn sie richtig diagnostiziert würden." Jama Nateqi macht im Interview auf eine ernüchternde Statistik aufmerksam, die den Hintergrund des aktuellen Projekts des promovierten Mediziners und Startup-Gründers bildet.

"97 Prozent der Ärzte sind mit den aktuellen professionellen und medizinischen Recherchemöglichkeiten nicht zufrieden. Leider fehlen ihnen das richtige Werkzeug und die Ressourcen, Differentialdiagnosen effizient überprüfen zu können." Mit Symptoma, einer medizinischen Suchmaschine, die Nateqi mit seinem Team in über vier Jahren Forschungsarbeit entwickelt hat, nimmt er sich diesem Problem an.

Mathematiknachhilfe

Bereits als Teenager war die Verbreitung von Wissen übers Internet dem gebürtigen Deutschen mit afghanischen Wurzeln ein Anliegen. Als 16-Jähriger startete er 1999 eine Online-Plattform für Mathematiknachhilfe. Neben Matheboard.de, das er seit 2003 gemeinsam mit Thomas Lutz (27) erfolgreich führt, entstanden im Laufe der Jahre zehn weitere Bildungsportale mit freiem Zugang und aktuell rund zwei Millionen monatlichen Zugriffen.

Der Hintergrund des Erfolgs scheint nicht zuletzt im Netzwerk von über hundert Schülern, Lehrern und Medizinern zu liegen, die sich auf freiwilliger Basis für die Plattformen engagieren. "Ich wollte etwas Nachhaltiges aufbauen und erkannte, dass man mit Matheboard eine Community aufbauen könnte, die es einem erlaubt, das Projekt jederzeit wieder zu beleben, auch wenn die Zugriffe plötzlich ausbleiben sollten."

Nateqis Streben nach besserem Zugang zu Wissen war für Symptoma ausschlaggebend. Für den wissbegierigen Studenten blieben an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg immer wieder Fragen offen, für die er auch im Internet keine zufriedenstellenden Antworten fand. Bestehende Suchmaschinen wie WebMD oder das deutschsprachige medivista verweisen auch auf nicht seriöse Quellen und geben nur unzureichend Auskunft für die Differentialdiagnose – und damit einhergehend den Ausschluss lebensbedrohlicher Krankheiten. So kam Nateqi, der seit seinem sechsten Lebensjahr Arzt werden wollte, die Idee, eine Online-Datenbank für Krankheiten aufzubauen.

Große Skepsis

Nateqis Umfeld stand der Idee anfangs skeptisch gegenüber. Ein Professor, den er bezüglich einer Empfehlung kontaktiert hatte, teilte ihm mit, es sei "absolut unmöglich" und würde "nicht funktionieren." Mit über 20.000 aktuell bekannten lebensbedrohlichen Krankheiten, die sich bei jedem Patienten in unterschiedlichen Symptomen äußern können, war der Aufbau der Suchmaschine in der Tat kein einfaches Unterfangen. Zusammen mit Lutz, einem Nanostrukturtechniker in Ausbildung, nahm sich Nateqi der Herausforderung an. Das Business Creation Center Salzburg (BCCS) ließ sich von der Idee überzeugen und stellte ab 2007 Forschungsfördergelder für Symptoma zur Verfügung. Ein erster Erfolg war es, als besagter Medizinprofessor, der dem Konzept ursprünglich ablehnend gegenüber gestanden war, nach einem Gespräch mit Nateqi Interesse an einer Zusammenarbeit bekundete.

Das Problem mit Innovationen in Europa

Zur gleichen Zeit bot sich Nateqi die Möglichkeit, für ein Semester in Yale zu forschen. Die Erfahrungen an der amerikanischen Uni motivierten ihn zusätzlich: "Wenn ich in Europa von Symptoma erzählte, war die erste Reaktion meistens 'Das Projekt ist zu groß, um es umsetzen zu können'. In den USA, hingegen, war es eher 'Wow, was für eine tolle Idee. Wenn du das schaffst, hätte das einen riesigen Effekt auf die Medizin - und lass mich wissen, wenn ich dich irgendwie unterstützen kann.'" Ein Nachteil daran, in Europa Innovationen vorantreiben zu wollen, sei, dass "Europäer dazu tendieren, sich auf ihre eigene Arbeit zu konzentrieren". Dadurch würden sie gewissermaßen von neuen Einflüssen abgeschirmt, was sich speziell für Startups als Schwierigkeit erweisen könnte.

Nateqi ließ sich davon nicht entmutigen und gründete 2009, im Jahr seiner Promovierung, gemeinsam mit Lutz in Salzburg die click for knowledge GmbH, um darin Symptoma und Matheboard und die weiteren Portale zu integrieren. Seit der Gründung hat das Startup laut Nateqi seine Umsätze jährlich um ein neunfaches erhöht und ins Wachstum des Unternehmens reinvestiert. Nach mehr als vier Jahren konnte Symptoma mit Hilfe öffentlicher Fördergelder und einem Team aus 24 Ärzten, Medizinstudenten und Entwicklern im Juli 2012 in die öffentliche Beta-Version überführt werden und ist nun bei Tarifen zwischen 25 und 100 Euro monatlich ausschließlich Ärzten zugänglich.

Peer Group

Wie die weiteren Projekte von click for knowledge, profitiert Symptoma von der Peer Group. Durch die Mitarbeit von Medizinern und Studien an Universitätskliniken soll die Richtigkeit der Angaben und eine einfache Handhabung – auch bei Feldeinsätzen, wie von Ärzte ohne Grenzen – optimiert werden. Von Anfang an als Unternehmen konzipiert, hat Symptoma daher wichtige soziale Wurzeln. Nateqi glaubt an die Macht der Community. Und daran, dass es möglich ist, mit relativ geringen Mitteln viel zu erreichen. Man müsse lediglich ein wichtiges gesellschaftliches Problem lösen – und das gut machen. (Alena Schmuck, Jessica White, inventures.eu, 20.2. 2013)

Jama Nateqi (29) ist Mediziner und Startup-Gründer. Mit 16 startete er die Online-Plattform Matheboard. Ihr folgten weitere Bildungsportale mit monatlich über zwei Millionen Zugriffen. Daraufhin entwickelte er Symptoma, ein "Google für Ärzte". Dieser Beitrag ist ein Text einer Serie aus Porträts über Startups in Kooperation mit inventures.eu. Die Langversion des Artikels finden Sie hier

Links:

Symptoma

click for knowledge GmbH

Leo Widrich von Buffer im Porträt

  • Jama Nateqi möchte das medizinische Wissensmanagement revolutionieren – und Leben retten.
    foto: romy sigl

    Jama Nateqi möchte das medizinische Wissensmanagement revolutionieren – und Leben retten.

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