David Barstow: Muskel des echten Journalismus wird schwächer

Interview19. Februar 2013, 16:08
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Der "New York Times"-Journalist über Erschöpfungszustände, Wetteinsatz und bessere Quellen

David Barstow (50) ist Aufdeckerjournalist bei der "New York Times" und hat für seine Recherchen bereits zweimal den Pulizerpreis gewonnen. Im Interview mit derStandard.at spricht er über die Faszination der Profession, wachsende Hindernisse durch PR, Erschöpfungszustände, warum Frauen mitunter bessere Quellen sind und die Wahrheit als Aphrodisiakum des Journalismus.

derStandard.at: Ihre Arbeitsweise zeichnet sich durch hohe moralische Standards aus. Wurden Sie religiös erzogen?

Barstow: Ich wurde adoptiert. Obwohl ich von wundervollen Eltern erzogen wurde, die es mir ermöglichten, eine gute Universität zu besuchen, hat es sich immer so angefühlt, als hätte mein Leben auch einen ganz anderen Weg nehmen können. Das hat einen großen Einfluss auf mein Leben, wie ich an Journalismus herangehe und Menschen begegne.

derStandard.at: Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?

Barstow: Ich hatte das Privileg, einigen Menschen zu begegnen, die ihr Leben in meine Hände gelegt haben. Es ist sehr bewegend, wenn Leute vor dir sitzend die Entscheidung treffen, dir zu vertrauen und dir Dinge erzählen, die sie den Job oder ihre Freiheit kosten könnten. Je länger ich das mache, desto intensiver beobachte ich diese Menschen. Es betrifft dich, es gibt dir das Gefühl, dass wenn du deine Sache richtig machst, du den Menschen ein wundervolles Geschenk geben kannst, etwas Neues, etwas Echtes, etwas, das sie noch nicht gewusst haben.

derStandard.at: Ist die Suche nach der wahren Essenz als Gegenpol zur gehypten amerikanischen Medienwirklichkeit zu verstehen?

Barstow: In unserem Land wurden tausende Journalisten gefeuert und die Public-Relations-Agenturen engagieren derzeit wie verrückt Leute. Der Muskel des echten Journalismus wird immer schwächer, und der Muskel der Spin-Doctors immer stärker. Es fühlt sich so an, als müsste ich alles versuchen um den Journalismus-Muskel stark zu halten. Ich weiß, dass ich die Welt und den Journalismus nicht retten kann. Aber ich muss den guten Kampf kämpfen und hoffen, dass wir mit der Zeit die geschäftlichen Probleme lösen. Die Leute sind den Medien gegenüber deshalb so zynisch, weil sie es spüren, wenn eine Geschichte gehypt ist. Das gibt mir den Antrieb, weiterzumachen. Es gibt einen Hunger nach Journalismus, der verdient wurde.

derStandard.at: Was fordert Ihnen der Journalismus ab?

Barstow: Nach großen Projekten bin ich emotional, geistig und körperlich erschöpft, weil es so viel Hingabe braucht, in ein Thema wie den Walmart-Bestechungsskandal einzutauchen. Man kann diese Geschichte nicht einfach machen und man kann sie auch nicht stehlen, man muss sie sich verdienen. Ich bin sehr bemüht, dass Menschen meiner Arbeit gegenüber nicht zynisch sein können. Sie dürfen nie denken, dass ich etwas ausgedacht oder künstlich überhöht habe. Nie, nie, nie. Sie sollen fühlen, dass ich mir jeden Satz und jedes Wort verdient habe.

derStandard.at: Eine Art Post-Publikations-Depression?

Barstow: Depression ist nicht das richtige Wort. Es ist ein Erschöpfungszustand. Normalerweise dauert es zwei bis drei Wochen, bis ich von Neuem beginne. Ich brauche diese Zeit auch um Dinge zu erledigen, für die ich einfach keine Zeit hatte, wie die Reparatur des Kühlschranks, um wieder im Leben anzukommen und zu heilen. Die größte Herausforderung ist es, sich nach einer Geschichte wieder aufzurappeln und die nächste anzugehen. Du weißt, es wird weh tun und du kennst den Preis, den deine Familie bezahlen muss.

derStandard.at: Welche Geschichte hat Sie auf den Pfad des investigativen Journalismus geführt?

Barstow: In meinem zweiten Jahr als Reporter habe ich mich um die Berichterstattung aus einer kleinen Stadt im Staat New York gekümmert. Ich habe dort eine gute Story gewittert und meine Chefredakteure überzeugt, mich einen Monat lang recherchieren zu lassen. Herausgekommen ist eine schrecklich langweilige Geschichte. Damals habe ich gelernt, dass der Weg bis zum richtigen Reporter mit tollen Schreibqualitäten lang sein wird. Ich habe also begonnen, mich umso versessener in kleine Geschichten einzuarbeiten, von denen ich dachte, sie haben Potential.

derStandard.at: Wie schafft man es von dort bis zur "New York Times"?

Barstow: Wenn man investigativen Journalismus betreibt, dann bringt man seine Chefredakteure dazu, Wetten auf einen abzuschließen. Sie sind mit ihren Wetten sehr zurückhaltend und brauchen einen guten Grund, um sich darauf einzulassen. Rückblickend kann man sagen, dass meine ganze Karriere darauf aufbaut, dass Chefredakteure immer noch mehr Chips für mich eingesetzt haben. Ich habe mich gesteigert von der Wette im Wert von einer Woche auf sechs Monate oder ein Jahr. Man muss sich immer das Recht verdienen, die nächste Geschichte zu machen.

derStandard.at: Haben sie schon einmal eine Wette verloren, eine Geschichte nach längeren Recherchen aufgeben müssen?

Barstow: Ja, das ist mir schon passiert und war sehr schmerzhaft. Man zweifelt lange und dann ist es sehr schwierig in das Büro des Chefredakteurs zu gehen und zu sagen: "Es gibt keine Geschichte." Man entwickelt natürlich mit der Zeit ein Gespür dafür, welche Tipps und Geschichtenvorschläge es zu verfolgen gilt. Aber wenn es nicht passiert, dann muss man seinen Stolz hinunterschlucken und die Fakten auf den Tisch legen. Meiner Meinung nach ist das die schlimmste Position, in der ein Journalist sein kann.

derStandard.at: Sie sagen, dass Sie immer auf der Suche nach früheren Sekretärinnen sind. Gibt es einen Geschlechterunterschied bei Quellen und ihrer Auskunftsfreudigkeit?

Barstow: Ja, es gibt da einen Genderaspekt. Sekretärinnen werden zu wenig von ihren männlichen Vorgesetzten geschätzt. In beinahe jeder Organisation kennen Sekretärinnen alles und jeden und haben Zugang zu Dokumenten. Ich bin immer daran interessiert, solche Menschen zu finden. Wenn in einem Unternehmen etwas Unrechtes passiert, gibt es immer jemanden der das falsch findet. Generell ist es in gutes Zeichen, wenn die Leute schnell anfangen zu erzählen und auch andere Betroffene dazu holen. Eine andere tolle Antwort ist keine Antwort. Man kann der ersten Reaktion der Menschen vertrauen.

derStandard.at: Verwenden Sie Netzwerke wie LinkedIn um Quellen zu finden?

Barstow: Natürlich. So ist es unglaublich einfach herauszufinden, wer gerade wo arbeitet beziehungsweise gearbeitet hat.

derStandard.at: Nutzen Sie auch technische Hilfsmittel wie Content-Analyse-Software, um sich durch die riesigen Dokumentmengen zu kämpfen?

Barstow: Wir verwenden hochentwickelte Suchmaschinen um die Informationsmengen zu bewältigen. Außerdem haben wir eigene Organisationsstrukturen, um die Dokumente leichter zu verstehen. Nichtsdestotrotz ist es für mich nach wie vor das Beste, alles intensiv zu lesen. Das menschliche Hirn hat diese unglaubliche Fähigkeit, Muster zu erkennen. Ich halte Ausschau nach Mustern im Verhalten, in der Kommunikation, das internalisiere ich und verstehe es dadurch besser.

derStandard.at: Kommen Sie manchmal in einen Gewissenskonflikt, wenn Ihre Quelle zu den "Bösen" gehört?

Barstow: Deine Quellen sind nicht deine Freunde. Natürlich entsteht eine menschliche Verbindung, aber ich sage zu meinen Quellen: "Wenn Sie gewillt sind, mir zu vertrauen und mir Dinge zu erzählen, werden wir wirklich vorsichtig mit den Informationen umgehen. Wenn Sie sich am Ende des Tages dafür entscheiden, Ihre Informationen zurückzuziehen, werde ich diese nicht verwenden." Man muss immer menschlich bleiben und sich bewusst sein, dass so wichtig die Geschichte auch ist, sie möglicherweise nicht wichtiger ist als Job oder Freiheit. Wenn die Geschichte dann fertig ist, lasse ich meine Quellen nochmal ihre Aussagen im Kontext lesen, um sicher zu gehen, dass ich alles richtig eingeordnet habe. Es hilft, die Graustufen einer Geschichte exakt zu treffen.

derStandard.at: Haben Sie spezielle Orte an denen Sie Ihre Quellen treffen?

Barstow: Wir müssen sehr aufpassen, welche Spuren wir hinterlassen. Ich bin sehr vorsichtig, wenn ich mit Quellen spreche und unter welchen Umständen ich sie an welchem Ort treffe. Besonders gefährlich ist das bei geheimen Staatsdokumenten. Es kommt darauf an, welche Telefone und E-Mail-Accounts man benutzt, wie man in Kontakt kommt. Die Treffpunkte werden immer an die Person angepasst, dort wo sie sich sicher und wohl fühlt.

derStandard.at: Arbeiten Sie an Geschichten auch in Gruppen?

Barstow: Heutzutage werden die meisten Projekte von mehr als einem Reporter bestritten. Für die Walmart-Geschichte habe ich für 18 Monate einen mexikanischen Journalisten engagiert, der mir mit der Sprache geholfen hat.

derStandard.at: Wenn Sie sich vorstellen auf der anderen Seite zu stehen: Wie müsste man sich verhalten, um möglichst uninteressant für investigative Journalisten zu erscheinen?

Barstow: Oh ich hasse es, auch nur einen Hinweis darauf zu geben! Einen der größten Fehler, den viele machen, ist dass sie den Zugang zu Informationen versperren. Das veranlasst gute Reporter noch weiter zu bohren. Manchmal ist aktive Begleitung die weitaus schlauere Herangehensweise. Viele große Firmen wenden diese Taktik inzwischen an, um dein Denken mitformen zu können.

derStandard.at: Eine Abschlussfrage: Wie erleben sie den digitalen Umbruch in der Zeitungsbranche?

Barstow: Früher war es so, dass man seine Geschichte unbedingt auf der Titelseite der "Sunday New York Times" sehen wollte. Aber mehr und mehr will man, mit Blick auf die Leserzahlen, seine Geschichte prominent platziert am Montagmorgen auf der Homepage sehen. Noch ist es so, dass intensiver investigativer Journalismus dort passiert, wo das Rückgrat einer Printzeitung oder einer TV-Anstalt besteht. Propublica bildet dabei eine Ausnahme. Reine Online-Seiten sind derzeit am besten im Fact-Checking und Crowd-Sourcing. (Tatjana Rauth, derStandard.at, 19.2.2013)

David Barstow (50), zweifacher Pulitzerpreis-Gewinner, arbeitet seit 1999 bei der "New York Times", seit 2002 ist er im Investigativ-Department tätig. Seine letzte große Aufdeckergeschichte beschäftigte ihn 18 Monate und hatte das durch Bestechung beschleunigte Wachstum der Supermarktkette Wal-Mart´s in Mexico zum Thema. Nach dem Erscheinen der Artikelserie verlor die Walmart-Aktie rund 20 Milliarden Dollar an Wert. Zahlreiche Untersuchungen und Umstrukturierungen im Unternehmen waren die Folge.

Links

nytimes.com: The Bribery Aisle: How Wal-Mart Got Its Way in Mexico

nytimes.com: Vast Mexico Bribery Case Hushed Up by Wal-Mart After Top-Level Struggle

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    Aufdeckerjournalist David Barstow schätzt Quellen mit weitem Befugnisradius - zu seinen Favoriten zählen laut eigener Aussage ehemalige Sekretärinnen. In Wien war er Gast im Presseclub Concordia.

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