Bis zu Robert von Liebens Verstärkerröhre gab es keine Ferngespräche

19. Februar 2013, 14:22
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Wiener Physiker entwickelte "Kathodenstrahlrelais", mit dem erstmals Gespräche über längere Distanzen möglich wurden

Wien - Ohne die Erfindung des Physikers Robert von Lieben (1878-1913) wären Ferngespräche nicht möglich gewesen: Ohne Matura und ohne Hochschulabschluss erfand er 1906 mit seinen Mitarbeitern eine Verstärkerröhre für Telefone, die erstmals Gespräche über längere Distanzen ermöglichte. Die Nachfahren dieser Erfindung findet man heute noch in starken Sendeanlagen wie UKW- und Fernsehsendern sowie in Satelliten. Auch viele Stromgitarristen schätzen den Klang eines Röhrenverstärkers. Der Wiener starb am 20. Februar vor 100 Jahren.

Robert von Lieben wurde am 5. September 1878 in Wien geboren, sein Vater war Wiener Börsenkammerpräsident, die Mutter stammte aus einer reichen Familie mit eigenem Palais gegenüber der Staatsoper. Er besuchte das Akademische Gymnasium und eine Realschule in Wien, ohne mit einer Matura abzuschließen. Lieben meldete sich freiwillig zum Militär, fiel jedoch nach wenigen Wochen von einem Pferd und verletzte sich dabei schwer. Darauf hin studierte er als außerordentlicher Hörer Physik und Chemie an der Universität Wien und ging für ein Jahr an das Göttinger Institut für physikalische Chemie - allerdings ohne ein Studium abzuschließen.

Doch den hatte er offensichtlich nicht nötig. Lieben kaufte eine Telefonfirma in Olmütz und richtete sich in der ehemals väterlichen Wohnung an der Ringstraße ein Labor ein. Dort werkte er mit seinen Mitarbeitern an einer Elektronenröhre, die Telefonsignale verstärken sollte. Denn damals waren Telefongespräche nur über kurze Distanz verständlich und Ferngespräche nicht möglich.

Lieben entwickelte eine quecksilberdampfgefüllte Verstärkerröhre mit zwei Elektroden: Einer beheizten Kathode, von der Elektronen zur Anode wandern. Der Clou war aber ein dazwischen liegendes Gitter, mit dem man den Elektronenstrom modulieren kann, erklärte Georg Brasseur vom Institut für Elektrische Messtechnik und Messsignalverarbeitung der Technischen Universität Graz. Damit könne man mit einem kleinen Signal einen großen Strom in der Anode beeinflussen; "sprich, man hat einen Verstärker erfunden", sagte er.

Patent für ein "Kathodenstrahlrelais"

Dieser wurde im März 1906 beim Kaiserlichen Patentamt als "Kathodenstrahlrelais" angemeldet: "Die vorliegende Erfindung bezweckt mittels Stromschwankungen kleiner Energie solche von großer Energie auszulösen, wobei Frequenz und Kurvenform der ausgelösten Stromschwankungen denen der auslösenden entsprechen", schrieben die Physiker in der Patentschrift. Kurz vor Veröffentlichung von Liebens Patent hatte der US-Erfinder Lee de Forest in den USA ein Patent für verschiedene Röhrentypen beantragt, eine davon sah zur Modulation des Elektronenstroms eine dritte Elektrode innerhalb der Röhre vor, wobei de Forest die Anwendung vor allem im Radiobereich sah.

Mittlerweile würden die meisten Verstärker mit Halbleitern funktionieren, sagte Brasseur: Trotzdem hätten Verstärkerröhren "noch eine riesige Bedeutung, wenn es beispielsweise um Leistung geht". Sie können mit Hunderten oder Tausenden Volt betrieben werden und würden für Leistungsverstärker wie UKW-, Mittelwellen und die in Europa aussterbenden Fernsehsender verwendet, aber auch als Senderöhren in Satelliten, erklärte er. Dabei werden sie oft aus Metall und Keramik anstatt aus Glas gebaut, damit sie nicht so leicht kaputt gehen. Und dann gäbe es noch den eingeschworenen Zirkel jener, die Gitarren- oder Hi-Fi-Verstärker mit Röhren Transistorverstärkern vorziehen - obwohl man laut Brasseur messtechnisch nicht nachweisen könne, dass sie besser klingen.

Von Lieben starb am 20. Februar 1913 im Alter von 34 Jahren in Wien. (APA/red, derStandard.at, 19.01.2013)

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