Erdmännchen als Versuchstiere

18. Februar 2013, 23:00
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Welche Maßnahmen treffen Tiergruppen, wenn sie eine Straße überqueren? Beobachtungen an Erdmännchen offenbaren Erstaunliches: Alpha-Weibchen schicken untergebene Tiere als "Versuchskaninchen" vor

Zürich/Wien - Das Leben von Tieren ist voll von Risiken und Gefahren, für die sie im Laufe ihrer Evolution entsprechende Verhaltensformen ausgebildet haben. Allerdings wurden in der jüngsten Geschichte durch den Menschen zahllose neue Fallen - wie etwa befahrene Straßen - geschaffen. Doch wie reagieren Tiere darauf?

Zwei Schweizer Forscher sind dieser Frage bei wildlebenden Erdmännchen im südlichen Afrika empirisch und theoretisch nachgegangen. Der Verhaltensbiologe Simon Townsend von der Uni Zürich hat sich dafür zunächst in ein Wildtierreservat der Kalahari-Wüste begeben, wo ein Territorium der umtriebigen Tiere von einer ziemlich stark befahrene Straße durchschnitten wird. Auf ihrem Weg von einem Bau zum anderen sind die Erdmännchen deshalb gezwungen, die Straße zu überqueren.

Der Forscher machte bei seinen Beobachtungen eine überraschende Entdeckung: In den meisten Fällen führt ein Alpha-Weibchen, das im Normalfall das höchstrangige Tier ist, seine Gruppen bis an die Straße. Dann aber gibt es die Führung häufig an ein untergeordnetes Individuum ab. Dieses überquert dann als eine Art Versuchskaninchen die Straße als Erstes. Dann folgen weitere rangtiefere Tiere und zuletzt das Leittier

Verhalten in der Simulation

Damit begnügte sich der Verhaltensbiologe aber nicht: Er wollte wissen, was evolutionsbiologisch hinter diesem Verhalten steckt. Deshalb ließ er den Systemforscher Nicolas Perony (ETH Zürich) auf der Basis der Beobachtungsdaten ein relativ einfaches Computermodell entwickeln, das eine Gruppe von acht Erdmännchen mit einem Leittier simuliert. Und auch beim Durchspielen dieser Simulation gab es eine weitere Überraschung, wie die Forscher im Fachblatt "PLoS One" schreiben.

Gemeinhin würde man nämlich annehmen, dass sich das höchstrangige Weibchen "egoistisch" verhält. Doch wie die Simulation ergab, ist die Wahl eines untergeordneten "Versuchskaninchens" aus Sicht der Gruppen- und letztlich der Arterhaltung sinnvoll. Das ranghöchste geschlechtsreife Weibchen ist nämlich für den Nachwuchs und das Fortbestehen der Gruppe alleine verantwortlich. Erdmännchen minimieren also den Schaden für die gesamten Gruppe, indem sie zuerst ein " Versuchstier" dem lebensgefährlichen Risiko aussetzen.

Die beiden Forscher deuten das Benehmen an der Straße als flexible Anpassung von alten Verhaltensweisen an bisher unbekannte Bedrohungen. Die Tiere können angeborene Verhaltensmuster offenbar abrufen und sie auf neuartige menschgemachte Risiken übertragen - was die Hoffnung nährt, dass Wildtiere auch mit der zunehmenden Veränderung ihrer natürlichen Lebensräume zurechtkommen könnten. (tasch/DER STANDARD, 19. 2. 2013)

 

  • Evolutionär korrekte Straßenüberquerung: Rangniedrige Tiere müssen vorgehen.
    foto: simon townsend/kalahari meerkat project

    Evolutionär korrekte Straßenüberquerung: Rangniedrige Tiere müssen vorgehen.

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